Tierwünsche

Wir stehen in der Tierhandlung. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Meine Tochter steht neben mir und gestikuliert wild in Richtung eines Käfigs. Ich höre nicht zu. Ich habe Kopfschmerzen. Der Vater in mir lächelt über das blonde Mädchen, dass mir verzweifelt zu erklären versucht, dass es sich ganz sicher um den kleinen, häßlichen Nager hinter den Gitterstäben kümmern wird. Ja klar. Ich sehe mich schon mit einem winzigen Plastikschäufelchen Nagerscheiße aus Sägemehl klauben. Es ist Zeit den naiv lächelnden Vater in mir endlich zum Schweigen zu bringen. Ich halte meinen nickenden Kopf fest und wische mir mit dem Handrücken das Lächeln aus dem Gesicht.

„Nein, Lotte, du wirst kein Meerschweinchen zu Weihnachten bekommen!“
Das Meerschweinchen nickt mir aufmunternd zu. Meine Tochter dreht sich um. Ihre Augen funkeln böse. Es wird ein Kampf werden.

„Aber Ina hat auch eins bekommen! Und die musste ihren Papa nur einmal fragen!“
Das ist kein Argument. Inas Eltern wohnen auf 260 Quadratmetern und haben einen Schuppen der so groß ist wie das Taj Mahal. Die Meersau nickt immer noch. Langsam werde ich argwöhnisch.

„Du hast drei Geschwister. Das reicht. Du brauchst kein Meerschweinchen!“ Lotte denkt nach und kommt zu dem Schluss, dass ein Meerschweinchen bestimmt besser wäre als ihre nervigen Geschwister. Ich muss ihr da zustimmen, erkläre aber geduldig, dass ein Tauschgeschäft aus rechtlichen Gründen keine Option ist.

„Außerdem haben Meerschweinchen total häßliche Füße. Wie Ratten.“ Sie gerät ins Schwanken. Aber nur kurz. „Jeder hat häßliche Füße.“ Ich denke kurz nach und muss ihr dann widerwillig zustimmen. Das Meerschwein starrt betroffen auf seine Füße. Es gibt viele gute Gründe für Socken. Und French Nails? Ich muss kurz würgen. Die Stimme meiner Tochter holt mich zurück in die deprimierende Käfiglandschaft. „Und außerdem weiß ich, wie man mit Tieren umgeht. Du hast keine Ahnung, Papa.“

Da hat sie vollkommen recht. Vor meinem inneren Auge ziehen all jene Tiere vorüber, deren Leben unter meinen fürsorglichen Händen ein schnelles Ende nahmen. „Weißt du Lotte, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“, sage ich leise als die letzte Wasserschildkröte mit vorwurfsvollem Blick an mir vorbeigezogen ist.

„Komm, ich habe da drüben Hundezahnpasta mit Lebergeschmack gesehen. Ich zeige sie dir.“ Lotte ist nicht begeistert, aber mittlerweile ist auch sie ein wenig irritiert von dem hospitalistisch nickenden Nager. Auf dem Weg nach draußen drücken wir noch auf den quietschenden Hundespielzeugen herum und trollen uns erst als wir den entnervt seufzenden Ladenbesitzer nicht mehr ertragen wollen. Oh, du fröhliche.

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