Bethlehem

„Jesus muss sich ganz schön was anhören…“ Ein älterer Herr steht plötzlich neben mir. Ich frage mich, ab wann man eigentlich ein „älterer Herr“ ist. „Furchtbar…“, er schüttelt verständnislos den Kopf. Die Nachbarschaft singt inbrünstig schief. Wäre die Nacht doch nur still geblieben. Ich stehe in der entweihten Dunkelheit und blinzle in die hell erleuchteten Kerzen im Fenster des Gemeindepastors. Wenn es nicht um das Adventsfenster ginge, dann würden Außenstehende wahrscheinlich eher einen mordlüsternen Mob vermuten als eine besinnliche Adventsfeier. Die 40 adventlich erregten Kehlen schreien ekstatsich „Holder Knab mit lockigem Haar“. Gleich kommt der Glühwein. Die Stimmung wird kopfüber ins Peinliche kippen und es wird Helene Fischer erschallen.

„Ich bin mit dem Fahrrad nach Bethlehem gefahren.“ Der ältere Herr hat sich mir zugewandt und ich sehe, dass er eigentlich ein alter Mann ist. Ab wann ist Mann ein alter Mann? „Warum?“ Weil es ihm wichtig war. Warum sonst, sollte man so etwas tun. Die Geburtsstätte Jesu hatte er sehen wollen. „Das war in den 60er Jahren!“ Durch Syrien mit dem Fahrrad. Mit einem Begleitschreiben von Schimon Peres im Gepäck. „An der Grenze nach Israel haben die in meinen Körper geschaut. In jede Öffnung.“ Es muss ihm wirklich wichtig gewesen sein.

Wir unterhalten uns über Betlehem und Jesus und Weihnachten. Und dann über sein Leben. Ich möchte mich jedesmal Ohrfeigen, wenn mir diese Frage über die Lippen kommt. „Was haben sie beruflich gemacht?“. Nichts. Er hat nichts gemacht. Nichts echtes. Nichts wichtiges. Was für eine großartige Antwort auf eine völlig bescheuerte Frage. Mit dem Fahrrad nach Betlehem zu fahren; das war wichtig. Viele andere Dinge nicht. Er hat recht. Und er war Informatiker. Einer der Ersten in Deutschland. Anfang der 70er Jahre verließen die ersten Informatiker die Hochschule in Karlsruhe. „Damals hatte man noch keine Verwendung für uns.“ Er spricht mit einem Literaturwissenschaftler.

Ich mag ihn. Er spricht leise und erzählt mir seine Geschichte. Später hole ich uns Glühwein. Neben dem Glüweinkübel steht ein kleiner CD-Player. Einer der Nachbarn fummelt gerade das Weihnachtsalbum von Frau Fischer in das Laufwerk. Ich kehre zurück und warne ihn mit gequältem Gesichtsausdruck vor dem, was gleich über uns hereinbrechen wird. Wir trinken Glühwein und lauschen andächtig dem blechernen Geträller. Am Rande der Egalität.

Er ist zur See gefahren. Er steht auf dem Deck eines Eisbrechers in dicke, gelbe Funktionskleidung gehüllt. Eiskristalle in seinem Bart. Er flucht leise vor sich hin, während er dicke Taue mit komplizierten Knoten sichert. „Tausend jaulende Höllenhunde!“. Eigentlich habe er nur unter Deck gesessen und die Funk- und Navigationsanlagen gewartet. Mein Hergé-Bild gefällt mir besser. Ich bleibe dabei.

Um uns herum löst sich der Weihnachtsmob auf. Die Menschen wanken zurück in ihre Häuser. Der Glühweinpegel scheint erreicht und Helene Fischer haben sie eh alle daheim. Der alte Informatik-Kapitän neben mir schaut sich suchend um. Nach wem, frage ich ihn. Aber da kommt sie schon. Seine Mutter. Sie möchte nach Hause.

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