Elternabend I

Es ist eine Zeitreise. Schon beim Betreten des Klassenzimmers holt mich die Vergangenheit ein und versetzt mir einen Tritt in die Magengegend. Elternabend. Inklusive der Wahl zum Elternsprecher. Und alle sind sie gekommen, um sich nach Möglichkeit nicht wählen zu lassen.

Ich suche mir einen Platz und habe mich gerade erfolgreich auf dem winzigen Stuhl zusammengefaltet als eine besorgte Mutter mich darüber aufklärt, dass dieser Platz ihrer Tochter, Stella, gehöre. „Wir sitzen immer dort, wo unsere Kinder sitzen!“. Ach so. Ich will dieser Eltern-Kind Symbiose nicht im Wege sitzen und räume gehorsam den Platz. Ich werde Stellas Mama bei der Wahl zur Elternsprecherin massiv unterstützen.

Ich suche also nach Maries Platz. Frage mich durch. Argwöhnisch blitzende Elternaugen geben mir zu verstehen, dass ich ein Rabenvater bin, weil ich nicht weiß wo meine Tochter sitzt. „Da stehen Namensschilder auf den Tischen!“. Das habe ich auch schon vermutet, aber die graphologischen Fähigkeiten der Grundschüler/innen sind mit „begrenzt“ doch eher euphemistisch umschrieben. Der Spießrutenlauf endet zwischen den riesigen Vätern von Klara und Dennis. Meine Tochter hat das häßlichste Namensschild der gesamten Klasse gebastelt. Ich bin sehr stolz auf Marie, die ich dem Schriftbild zur Folge zunächst für „Martin“ gehalten habe. Ihr Namensschild ist ganz offensichtlich als Rebellion gegen das deutsche Deko-System zu verstehen.

Stellas Mutter sitzt mir genau gegenüber. Neben dem pinken Namensschild-Exzess ihrer Tochter, hat sie ihr gesamtes Elternabend Equipment ausgebreitet. Ein Kalender, ein Notizbuch und ein Federmäppchen das, der Farbgebung nach zu urteilen, auch Stella selbst gehören könnte. In der Hand hält sie schreibbereit einen Lamy-Füller. Ich wusste nicht, dass wir eine Klassenarbeit schreiben würden. Panik ergreift mich. Ich leihe mir das Nötigste zusammen, um wenigstens so tun zu können.

Mit dem Gong schwebt die Lehrerin herein. Sie ist ca. 40 bis 70 Jahre alt und verströmt Autorität. Sät Angst und Verzweiflung in unsere Herzen. Karlas Vater steht bereits der Schweiß auf der Stirn und nur mit Mühe kann er sein Zittern verbergen. Er ist ebensowenig vorbereitet wie ich. Wir versuchen uns mit stummen Blicken daran zu erinnern, dass wir Erwachsen sind und so etwas wie Würde besitzen. Da uns jedoch die winizigen Stühle in erniedrigende Sitzpositionen zwingen, scheitern wir grandios an diesem Unterfangen. Allen anderen ergeht es ähnlich. Die Metamorphose ist abgeschlossen. Wir sind unsere Kinder. Reinkarniert.

Die Lehrerin verliest die Tagesordnung. Keine Nachfragen. Einige Eltern schreiben hektisch jedes Wort mit. Veras Mutter muss ihre Lamy-Patrone austauschen. Mit blauen Fingern fummelt sie in ihrem Mäppchen herum. Amateurin. „Wenn sie dann fertig sind, Frau Behrens, würde ich gerne fortfahren.“. Klatsch. So hört sich eine verbale Ohrfeige an.

Wir reden über das Sportzeug der Kinder. Schon seit 20 Minuten. „Sportschuhe mit hellen Sohlen!“, werden verordnet. Wie damals. Das es die schon lange nicht mehr gibt, ist den Grundschulen offenbar verborgen geblieben. Und weil die Sportikonen dieses Planeten Schuhe in der Farbe von Veras Namensschild tragen, müssen wir nun diese Schuhsohlen-Diskussion führen. Vergebens. Nachdem Dennis Vater den Kampf gegen die Windmühle mehrmals erfolglos geführt hat, werden wir ab morgen das Internet nach Kinder-Turnschuhen aus den 70er Jahren durchforsten.

Die Diskussion ist beendet und der letzte Tagesordnungpunkt schon fast verlesen, da hebt Frau Behrens den Finger. Sie schnipst. Sie fucking schnipst! Alle halten die Luft an. Sie schnipst noch einmal. Ich kann nicht umhin diese Dämli… diesen Mut zu bewundern. Frau Lehrerin lächelt bedrohlich. „Ja, Frau Behrens?“. „Klettverschluss oder Schnürsenkel?“. Frau Lehrerin hebt langsam die Augenbraue. In ihrer pädagogischen Welt gibt es ganz offensichtlich auch dumme Fragen, nicht nur dumme Antworten. Und ihr Blick lässt keinen Zweifel daran, dass diese Frage zu den dümmsten gehört, die sie jemals vernommen hat. „Frau Behrens, Vera kann keine Schleife binden. Bis sie ihr diese Grundfertigkeit beigebracht haben, wären Klettverschlüsse eine zeitliche Entlastung!“ Totenstille. Frau Behrens Wangen glühen Schamrot. Sie weiß, dass sie gerade die Zukunft ihrer Tochter ruiniert hat.

„Kommen wir zur Wahl des Elternsprechers“… (To be continued)

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