Weichgekocht

Samstagmorgen 6.30 Uhr. Die Tür fliegt auf und Ida verkündet laut, dass dieser Samstag schon jetzt sehr langweilig wäre und sie nun gerne mit einer Freundin spielen würde. Als ich in Idas Alter war, habe ich Samstagfrüh von 6.00 bis 9.00 Uhr die Hanna-Barbera-Party geschaut und zum Frühstück 15 Haferflocken unter einem halben Kilo raffiniertem Zucker beerdigt – Die Wochenenden begannen traditionell mit Kopfschmerzen und leichtem Durchfall. Damals war die Welt noch in Ordnung. Heute gehören wir zu diesen bekloppten Eltern, die sich Gedanken um ihre Kinder machen. Deshalb haben wir Lotte mit Stoffwindeln gewickelt, liebevoll gesundes Essen gefertigt und sogar kurz über Homöopathie nachgedacht. Über die Jahre haben uns das Leben und die Kinder schnell weichgekocht. Keine dieser ehrenvollen Ideen hat im Alltag überlebt. Die Kinder nach Lotte wurden mit Plastik umgürtet, auf Krankheiten schießen wir mit Antibiotika und über gesundes Essen wird nur nachgedacht, wenn wir uns an unseren Kindern rächen wollen.

Ich will das Ida weg geht. Zu ihren Schwestern. Aber die streiten sich schon seit 15 Minuten. Ihre Schreie dringen durch meinen Halbschlaf. Wenn Ida jetzt das Zimmer ihrer Schwestern betritt, dann wird sie bestimmt Haue kassieren. Mein verschlafenes Hirn denkt einen bösen Gedanken. „Ida. Geh und schau was deine Schwestern machen!“. „Nein. Ich will nicht. die haben mir schon gedroht.“ Ich will ihr auch drohen. Fiese Dinge will ich ihr androhen, damit sie augenblicklich das Schlafzimmer verlässt. Aber es steht keine Geburtstagsfeier an, die ich ihr streichen könnte.

„Du kannst niemanden anrufen. Es ist mitten in der Nacht.“ Erledigt. Totschlagargument. Meine Augen klappen zu und ich döse wieder von dannen. „Kann ich dann jetzt Benni anrufen?“. 6.39 Uhr. Sie hat 9 Minuten vor meinem Bett gestanden und gewartet. Kinder sind manchmal wirklich unheimlich. Was ging in diesen 9 Minuten in ihrem Kopf vor? Was hat sie dort gemacht? Kein Wunder, dass ihr langweilig ist. 9 Minuten im Halbdunkeln rumlungern. „Nein. Du kannst Benni nicht anrufen. Der ist mit seinen Eltern nämlich in Hamburg!“. Und weil ich weiß was als nächstes kommt, füge ich schnell hinzu „Und mit Mila kannst du auch nicht spielen, die ist nämlich krank!“. Mila ist nicht krank, aber ich halte sie für keinen guten Umgang. Warum nochmal? Ich höre Idas Schwestern mit wüsten Schimpfwörtern nacheinander werfen und weiß es auf einmal nicht mehr so genau.

10 Minuten später stehe ich in der Küche und trinke Tee. „Kann ich jetzt mit Benni spielen? Oder mit Mila?“. Ich blicke an mir hinunter und sehe Ida direkt ins Gesicht. „Was habe ich dir vorhin gesagt, Ida?“ Sie kramt in ihren Erinnerungen. Sie wirft die Stirn in Falten. Das tut sie immer, wenn sie mir weismachen will, dass sie ernsthaft nachdenkt. „Ähhh?!“. Ich erläutere ihr noch einmal die Sachlage. Dann gehe ich nach oben und verbiete Lotte und Marie sich weiterhin als „Arschlöcher“ zu beschimpfen.

Als ich wieder in die Küche komme, steht Ida immer noch neben meiner Teetasse. „Kann ich jetzt?“. „Kannst du jetzt was?“. „Na, Benni anrufen. Oder Mila!“. Sie sagt es als wäre ich ein bißchen dämlich. Ich zweifle. Abwechselnd. Mal an mir, dann an ihr. Ich werde einen Erziehungsratgeber lesen. Irgendeinen. Von einem Psychotherapeuten mit mindestens 19 Kindern. Die haben nämlich alle mindestens 19 Kinder. Deshalb sind sie auch Psychotherapeuten. Und in Kapitel 22 wird er mir dann einleuchtend erklären, dass 6jährige Mädchen sich in einer besonderen Entwicklungsphase befinden. Neue Synapsen bilden sich und das Hirn wird neu verkabelt. In dieser Phase hören Kinder die Worte „Hamburg“, „zu früh“ und „krank“ zwar, aber verstehen sie nicht. Diese These wird der Psychotherapeut – der nebenbei die Bundesregierung und den Vatikan in Erziehungsfragen berät – sodann mit empirischen Daten untermauern, die er höchstselbst aus der Feldforschung in seiner eigenen Familie gesammelt hat. Seine Kinder waren nämlich auch alle mal bescheu… in einer Phase.

Und ich stehe dort in der Küche. In meiner Schlafanzughose und einer lauwarmen Teetasse in der Hand. Die Kesselflicker-Töchter im ersten Stock teilen wieder verbale Tiefschläge aus. Mein Blick schweift ins Leere. Es ist jetzt 7.02 Uhr. Auf dem Weg zurück ins Schlafzimmer rufe ich Ida über die Schulter zu, dass sie jetzt gerne Benni anrufen kann… oder Mila.

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Weichgekocht

6 Gedanken zu “Weichgekocht

  1. Witzig! 🙂 Schöne Schreibe!

    …..und ich bin gerade doch ein winzigkleines Minibisschen dankbar, dass ich noch keine Mutter bin 😉 In diesem Sinne, frohes Fest und hoffentlich ne Stunde mehr Schlaf am 1.1. LG, Juila

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  2. ogott, ich erinnere mich. Bei mir sind’s Jungs. Die waren anders, aber auch gelegentlich nervend … oft … meistens. Aber jetzt sind sie fast groß und ich freue mich schon, wenn sie selbst mal Kinder haben. Ich werde bestimmt eine ganz fürcherlich nette Oma sein. 😉

    Tolle Geschichte, einzigartige Schreibe, bitte mehr davon. Ich bin froh, dass mir diese Seite von einer lieben Freundin empfohlen wurde. Es ist gut, solche Freunde zu haben. 🙂

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  3. Habe zwar keine eigenen Kinder, fühle mich aber an die Zeit erinnert, in der ich viel auf das Geschwisterpaar meiner Schwester aufgepasst habe. Die Devise war: morgens um 06:00 Uhr tot stellen, oder Du bist verloren!
    Macht Spass und Lust auf mehr!

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