Ulf

Ich sitze im Zug von Berlin nach Köln. Ich habe meine Kopfhörer vergessen. Wenn mir das passiert, muss ich immer ganz genau aufpassen wo ich mich hinsetze. Kopfhörer sind die Sonnenbrille für die Ohren. Und weil ich die Welt nicht werde ausblenden können, muss ich vorsichtig bei meiner Sitzplatzwahl sein. Hauptsache nicht in die Nähe von Kindern. Niemals in die Nähe von Kindern. Nicht weil ich Kinder nicht mag, sondern weil Eltern schwierig sein können. Besonders reisende Eltern. Und ganz besonders reisende Eltern, die schon einen 3 Stunden Trip hinter sich haben und für die mein Zug nur ein Anschlusszug ist. Also halte ich Ausschau nach Kindern, denn da wo Kinder sind, da sind Eltern meist nicht weit.

In einer 4er Sitzgruppe mit Tisch ist noch Platz. Eine 4er Sitzgruppe mit Tisch ist ein echter Anfängerfehler, wenn man Kinder und ihre Eltern meiden möchte. Aber 1. sind weit und breit keine Kinder zu sehen und 2. wäre die Alternative ein Sitzplatz im Gang vor der Toilette. Das Abwägen meiner Optionen hat ergeben, dass ich dann doch lieber Gefahr laufe neben gestressten Eltern zu sitzen als mich in unregelmäßigen Abständen von feucht-warmen Fäkal-Winden umwehen zu lassen.

Der Zug füllt sich und es sieht fast so aus als würden Kinder und Eltern heute nicht von Berlin nach Köln fahren müssen. Gegenüber von hat ein älteres Ehepaar Platz genommen. Die Dame hat sich bereits in das Kreuzworträtsel der Bunten vertieft, während er sich in Schweigen hüllt und aus dem Fenster starrt, offensichtlich bestrebt schnell einzuschlafen. Und neben mir sitzt ein desinteressierter Teenie und schreibt Nachrichten in 32 verschiedene Whats-App Gruppen.

Ich will mich gerade entspannt zurücklehnen und für meine Sitzplatzwahl beglückwünschen als die 4er Sitzgruppe jenseits des Ganges von einer vierköpfigen Familie lautstark in Beschlag genommen wird. Ein Junge und ein Mädchen werden von ihren Eltern auf die Sitze geschoben. „Aber Paula hat vorhin schon am Fenster gesessen.“. „Mama, Elias hat mich gebissen.“ Das ältere Ehepaar gegenüber von mir schaut alarmiert. Der Teenie zu meiner Rechten ist bemüht noch ein wenig desinteressierter auszusehen.

Mama hat sich Paulas Bisswunde zugewendet. „Ulf, jetzt sag du mal was!“ Ulf liest dem Sohn die Leviten. „Elias. Das tut Paula weh, wenn du sie beißt. Lass das bitte, denn Paula möchte das nicht.“ Der so Gemaßregelte puhlt sich gelangweilt Paulas Haut aus den Milchzahnzwischenräumen.

Ich klappe meinen Rechner auf und öffne eine Excel-Tabelle, um mich aus der Umgebung zu verabschieden. Es wird nicht funktionieren. Zu großartig gestaltet sich das Schauspiel auf der Gegenseite. Ulf hat DIE ZEIT aus seinem Rucksack geangelt, um sich dahinter zu verstecken, während seine Frau verzweifelt versucht die Kinder zu bändigen. „Wer möchte Salzstangen?“. Die Kinder sind nicht begeistert, aber Salzstangen sind sicher besser als die geschmacklosen Reiswaffeln, die sie gelangweilt auf dem Tisch zerbröselt haben. Die Packung mit den Salzstangen gerät in die Hände von Elias, der sie schwungvoll aufreißt. Es regnet salziges Gebäck. Überall. Die Kreuzworträtsel lösende Frau von Gegenüber entkrümelt genervt erst ihre Zeitschrift, dann ihren Mann.

Der Teenie schaut mich an. Mit Blicken treffen wir eine stille Übereinkunft. Wir sammeln die unversehrten Salzstangen aus unserer Umgebung und legen sie auf den Tisch vor uns. Knabbernd lehnen wir uns zurück. Mama kriecht auf allen Vieren durch den Gang und sammelt Gebäck, während Elias bemüht ist die restlichen Salzstangen mit den Füßen möglichst tief in die Sitzbezüge zu treten. Ulf liest Zeitung.

5 Minuten später hat Mama den Flurschaden behoben. Die Kinder halten pädagogisch wertvolle Bücher in den Händen und gucken dementsprechend begeistert. Elias ist es schnell zu blöd. Er klappt „Oh, wie schön ist Panama“ zu und wirft damit nach seiner Schwester. Paula jault. Elias hüpft jetzt mit seinen Highend GEOX-Kinderschuhen auf dem Sitz neben seinem Vater auf und ab und stößt dabei spitze Schreie aus. Ulf liest Zeitung. Mama hält auf der anderen Seite die noch immer theatralisch schluchzende Paula im Arm und liest ihr Michael Endes „Momo“ vor. Eigentlich liest sie dem ganzen Abteil „Momo“ vor. Denn um das Gebrüll ihres Sohnes zu übertönen muss auch sie schreien. „Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.“, brüllt sie. Es ist eine ganz eigene Interpretation von Momo. „Eigenartig“, sagt der Teenie zwischen zwei Salzstangen, „Ich hätte nicht gedacht, dass Momo so klingt!“. Ich hätte nicht gedacht, dass der Teenie so klingt.

Mama merkt, dass das so wenig Sinn hat und greift hart durch. „Elias!“ Elias hüpft und brüllt. „Seine Affenimitation ist wirklich gut.“, raunt mir der Teenie anerkennend zu. Ich muss ihm recht geben. Elias ist ein richtiger Affe. „ELIAS!“ ruft Mama. Elias dreht sich zu ihr um. „Elias. 5 Minuten Kletterpause!“ Elias lässt sich mit einem letzten spitzen Schrei seitlich in die Zeitung seines Vaters fallen. Ulf starrt wütend und graugesichtig auf die zerrissene ZEIT in seinem Schoß. Michael Ende hätte es genauso gewollt.

„Ulf. Jetzt kümmer du dich doch auch mal!“ Ulf atmet tief durch und spricht ein Machtwort: „Ich finde das alles sehr blöd! Kann denn hier nicht jeder mal machen was er will?!“ Stille. Das hat gesessen. Das ganze Abteil ist tief beeindruckt von diesem erzieherischen Kabinettstückchen. Elias hat am schnellsten geschaltet. Er macht was er will, springt von seinem Sitz und rennt kreischend den Gang runter und verschwindet im nächsten Wagen. Ulf ist zufrieden. Er hält die ZEIT in seinen Händen.

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