Herrschaft

Ich bin das System. Ich bin die dunkle Seite der Macht. Ich bin das Gesetz. La famille c’est moi. Ich herrsche mit eiserner Hand. Umfragewerte interessieren mich nicht. Ich bin nicht gewählt worden. Ich bin Herrscher von Gottes Gnaden. Auf Lebenszeit. Ich brauche mich vor niemandem zu rechtfertigen. Gott allein ist mein Richter.

Drakonische Strafmaßnahmen verhänge ich mit großer Regelmäßigkeit. Spülmaschine ausräumen! Müll rausbringen! Zimmer saugen! Und das ist nur die Spitze des strafenden Eisberges. Wird die Stimmung im Volk zu gut, so brauche ich nur die Worte „Hausaufgaben“, „Instrument üben“ oder „spazieren gehen“ fallen lassen und schon erlöschen Hoffnung und Freude in den Augen meiner Untertanen.

„Ihr müßt euch nämlich darüber im Klaren sein, dass es zweierlei Arten der Auseinandersetzungen gibt: die mit Hilfe des Rechts und die mit Gewalt. Die erstere entspricht dem Menschen, die letztere den Tieren. Da die erste oft nicht zum Ziele führt, ist es nötig, zur zweiten zu greifen.“ Was Machiavelli recht war, kann mir nur billig sein. Allein die Tatsache, dass Gewalt kein Mittel der Wahl mehr sein darf, es macht meine Herrschaft schwieriger.

Ich muss subversivere Mittel zur Durchsetzung meines autoritären Willens wählen, um meinen Anspruch auf die Krone zu verteidigen. Denn ich bin das Ziel des Widerstandes. Die Luft ist dünn an der Spitze der Familie und ständig sägen kleine, schwitzige Kinderhände an meinem eisernen Thron. Nur mit harter Hand kann das Familienidyll aufrecht erhalten werden. Dafür arbeite ich. Tag und Nacht.

Teile und herrsche. Das tue ich. Ich stifte Unfrieden in den Kinderzimmern, damit keine unheiligen Allianzen geschmiedet werden können. Zuverlässig funktioniert: „Lotte, saug dein Zimmer und putz‘ euer Bad!“. Sie schreit ihre Antwort: „Das ist unfair!“. Richtig. Wann hat man je von einem fairen autoritären System gehört? „Und Ida muss wieder nichts machen!“. Auch richtig. Eine muss nichts machen, die andere dafür alles. So funktioniert das zuverlässig seit Millionen von Jahren.

Lotte macht alles und alle anderen lassen sich die gebratenen Trauben in den Mund fliegen. Und jeder in meinem System hat diese Wahrnehmung. Marie sagt: „Das ist unfair. Immer ich!“. Und Ida sagt: „Das ist unfair. Immer ich.“ Nur Emil sagt nichts. Weil er erst 4 ist und damit erkennbar noch kein vollwertiges Mitglied in meiner totalitären Gesellschaft sein kann. So fühlt sich jeder gleichberechtigt benachteiligt. Das ist dann wieder fair. Aber das sieht das Volk nicht. Es ist undankbar. Zur Strafe werde ich mit dem Volk spazieren gehen.

Meine Neueste Waffe im Kampf gegen die unwillige Brut heißt Ida. Sie ist ein Doppelagent. Hat erkannt, dass ihr das Ausspielen der Geschwister zum Vorteil gereichen kann. Meine Gunst will sie. Und diese erobert sie mit kleinen Dolchstößen in die Rücken ihrer Schwestern. „Lotte hat noch gar nicht ihr Zimmer aufgeräumt!“ oder „Marie hat die Comics einfach in die Ecke geschmissen, statt sie einzusortieren!“. Für diese geheimen Informationen entlohne ich sie reichlich. Jeder, der sein eigen Fleisch und Blut diskreditiert, kann mit Vergünstigungen rechnen. Ich kann ein wohlwollender Herrscher sein. Mein Ziel ist die Schaffung von Angst und Misstrauen. Jeder gegen jeden. „Marie, du musst dir dir Fingernägel schneiden.“ Antwort: „Und Ida hat lange Fußnägel!“. Wenn es so bleibt, dann ist meine Position nicht in Gefahr. „Das ist Unfair!“ – Musik in meinen Herrscher-Ohren.

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6 Gedanken zu “Herrschaft

  1. Toller Text und wunderbare Assoziationen zur Erziehung. So politisch habe ich es noch nie betrachtet:) Du hast schon Recht, Familie ist manchmal demokratisch und manchmal eben auch totalitär.
    Noch vor kurzer Zeit habe ich versucht das Ungerechtigkeitsgefühl, welches ich stets bei meinen Kindern auslöse, in langen Monologen philosophisch zu rechtfertigen. Als ich selbst wieder mal von Ungerechtigkeit verfolgt wurde, hörte ich mich auf einen Fairness- Protest der Kinder sagen: „Gewöhnt Euch dran. Das Leben ist ungerecht.“ Große Augen, Schweigen. Kein „Ja, aber…“ Sie haben es zu meinem Erstaunen einfach hingenommen. Seitdem ist es unfair, dass das Leben ungerecht ist.

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