Kindermusikantenstadl

Unsere Kinder spielen Instrumente. Nein. Unsere Kinder lernen Instrumente. Der Unterschied ist weder klein noch fein. Unsere Kinder lernen Instrumente, weil wir es nie konnten. Dieser urerlterliche Ehrgeiz, der dazu führt, dass unsere Kinder für unsere Versäumnisse büßen müssen. „Sei froh, dass du ein Instrument lernen darfst!“ Lotte ist nicht froh. Lotte ist sogar sehr unfroh. Oft. Tatsächlich aber Lernt Lotte mehrere Instrumente. Wie es dazu kommen konnte, scheint sie selbst nicht mehr ganz genau zu wissen. Und wir haben es auch vergessen. Verdrängt.

„Lotte, du musst noch Akkordeon spielen!“. An schlechten Tagen wird an diesem Punkt die gesunde „Warum-muss-ich-überhaupt-ein-Instrument-lernen-Diskussion“ übersprungen und Lotte geht sofort zum Schreik(r)ampf über. Erst wenn die Laune aller Familienmitglieder am Tiefpunkt angelangt ist, wird in frostiger Atmosphäre und bösen Blickes geübt.

An guten Tagen ist es ein Erlebnis, Lotte beim Üben zu beobachten. Sie ist der Pete Sampras des Akkordeons. Fasziniert frage ich mich, wie es möglich ist, dass Noten ihr etwas sagen. Lotte spricht eine Sprache, die mir völlig fremd ist. Jahrelang habe ich mich mit ein und demselben Beatles-Referat durch den Musikunterricht geschummelt. Lotte schaut sich ein Notenblatt an und weiß wie die Töne sich anhören müssen, noch bevor sie sie spielt.

Seit einem Jahr lernt Lotte jetzt auch Trompete. Schmerz und Stolz liegen seitdem noch näher beieinander und die Übergänge zwischen beiden Empfindungen sind fließend. Besonders qualvoll ist es abends nach der Arbeit, wenn Lotte gute Laune hat. Denn wenn Lotte gute Laune hat, dann will sie mir etwas auf der Trompete vorlernen. Dann werden Minuten zu Stunden. Sie trompetet munter und ich versuche an etwas Schönes zu denken. Das Geräusch von Fingernägeln auf einer Schultafel oder das Kreischen des Dentalbohrers in meinem Kiefer. Zum Beispiel. Ich lächle tapfer und nicke Lotte ermutigend zu, während ich meinem Kopf verbiete, sich zwischen meinen Knien in Sicherheit zu bringen.

Bevor Lotte sich für die Trompete entschied, hatte sie das Sousaphon ins Auge gefasst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von diesem Instrument noch nie gehört. Eines Nachmittages erklärt mir Lotte geduldig: „Ein Sousaphon ist ein wenig größer als eine Trompete“. „Ein wenig größer…“ Ich werde stutzig und setze mich an den Rechner. Wie alle Kinder, untertreibt auch Lottes hemmungslos, wenn sie etwas Großes haben möchte. Ich schaue mir Sousaphonvideos auf Youtube an. Das Sousaphon  ist das größte Instrument aller Zeiten. In keinem der Videos ist ein Sousaphonspieler hinter seinem Instrument erkennbar. Ich frage mich, wer da wen spielt. Umsichtig erkläre ich Lotte, dass ein Sousaphon eher keine Option ist. „Lotte! Vergiss es! Auf gar keinen Fall wird ein Sousaphon dich bekommen!“

Marie spielt Gitarre. Für Marie ist das Gitarrespielen unter elterlicher Aufsicht (sie denkt es sei Publikum, dabei ist es eine reine Fortschrittsüberwachungsmaßnahme) eine willkommene Möglichkeit zum Austausch. Sie klimpert routiniert eine Melodie, die sich verdächtig anhört wie „Oh, du fröhliche!“. Marie liebt Weihnachten. Auch weit über Weihnachten hinaus. Letztes Jahr im Juli musste ich ihr das Spielen weihnachtlichen Liedguts verbieten. „Papa, weißt du was?“ Natürlich weiß ich es nicht. „Mein Hobby ist „Wände bomben“!“. Ich schaue sie fragend an. „Also, bei den Sprayern heißt das so, wenn sie ihre Pieces sprühen.“ Aha. Ich frage sie wie viele Wände sie bereits gebombt hätte. Marie ist 8 und normalerweise weit vor 21.00 Uhr im Bett. So viele Wände können es also noch nicht gewesen sein. „Noch keine, aber ich habe eine Menge Sketches in meinem Black Book!“. Ob sie noch zur Schule geht, möchte ich wissen. Marie ignoriert diese Frage und beginnt „Oh Tannenbaum“ zu spielen. Für eine 8 Jährige versteht sie Ironie und Sarkasmus erstaunlich gut. Wahrscheinlich sollte mir das zu denken geben.

Demnächst wird Ida mit dem Klavierunterricht beginnen. Mittlerweile bezahlen wir unsere elterlichen Kulturphantasien mit dem Verlust von Wohnqualität. Unser Lebensraum wird von unhandlichen Instrumenten annektiert. Ein Akkordeon, ein Klavier, zwei Gitarren und diverse Objekte die ich als „Müll“ klassifizieren würde, die aber von meinen Kindern als „Instrumente“ deklariert wurden, um ihren Erhalt zu sichern. Wir sammeln gemeinsam Kulturkapital, um die finale elterliche Selbstverwirklichung finanzieren zu können.

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