Evolution

Charles Darwin, du bist ein dreckiger Lügner. Deine Theorie ist genau das: Eine Theorie. Sie ist grau, staubig und trocken dazu. Wie ein Furz. Und ich habe die empirische Biomasse, um deine Evolutionstheorie lückenlos zu widerlegen. Ein Samstagmorgen reicht mir dazu.

9.00 Uhr: Nachdem sich die Kinder abwechselnd gelangweilt und beschimpft haben, ist es nun Zeit für das besinnliche Familienfrühstück. Ich habe gute Laune und denke, es ist nett den Tag mit einer Frage und nicht mit einem Befehl zu beginnen: „Marie, deckst du bitte den Tisch?“. Die Antwort kommt umgehend und mit ohrenbetäubender Lautstärke. „WARUM IMMER ICH?“. „Weil wir dich am wenigsten mögen und nur bekommen haben, damit du uns und deine Geschwister bedienen kannst!“. Aber das denke ich nur. Mit einem sadonischen Lächeln im Kopf. Es ist zu früh für Zynismus. Selbst für mich. „Marie, oh liebste, kluge, schöne Marie. Schatzkammer meiner Seele. Du bist im Moment das einizige Kind in Esszimmernähe. Ach bitte, sei so gut und gehe mir zu Hand!“. Na gut, so sage ich es auch nicht. Aber fast. „NEIN! Ich muss jetzt aufs Klo!“. Marie rauscht aus der Küche ohne die Tür hinter sich zu schließen. Ein eisiger Hauch dringt durch die offene Tür in die wohlige Wärme. „Tür zu!“. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Anordnung schon hinter irgendeinem meiner Kinder hergerufen habe. Wahrscheinlich ca. 4,55 Milliarden mal. So oft wie die Erde angeblich alt ist. Und während in dieser Zeit alles Leben auf der Erde entstand, können meine Töchter noch immer keine Türen schließen.

09.30 Uhr: Ich entschließe mich zu duschen. Beim Versuch das Badezimmer zu betreten laufe ich gegen eine Wand. Eine unsichtbare Wand. Eine Wand aus massivem Stink. Weil wir erzkonservativ sind, haben wir immer noch Flachspüler in den beiden Badezimmern. Die Kinder schätzen diese Sanitärkeramik, weil sie sich so leichter dem Studium und der Analyse ihrer Ausscheidungen widmen können. Würgend taumele ich rückwärts aus dem Badezimmer und mache mich auf die Suche nach der Übeltäterin. „Ich war das nicht!“, bekomme ich zwei mal zur Antwort, bevor ich die Lüge in den Augen von Ida aufblitzen sehe. „Aber ich habe den Klodeckel runtergemacht!“. Danke Ida. „Das hilft nicht, weil die Kacke trotzdem noch stinkt. Auch wenn man sie nicht mehr sieht!“. Und dann kommt der Satz den Eltern seit Jahrmillionen sagen: „Du sollst abziehen!“. Kinder scheinen kognitiv einfach nicht in der Lage zu sein, diese Mussbestimmung zu verarbeiten. Geschweige denn sie in die Tat umzusetzen. Wenigstens hat sie den Deckel heruntergeklappt.

10.00 Uhr: Ich habe das Bad 15 Minuten notgelüftet und dann bei minus 20 Grad geduscht. Meine gute Laune ist mit dem Duschwasser in den Abfluss gelaufen. Ich beschließe, meinen Frust an den Kindern auszulassen. Die Treppe hinaufgestampft, stürme ich das Zimmer von Lotte und Marie. Ein kurzer Blick bestätigt meine Vermutung. „Es sieht aus wie Sau. Hier wird jetzt aufgeräumt!“. Mein Befehl wird mit hysterischem Kreischen quittiert. „DAS WAREN WIR NICHT! DAS WAR EMIL!“. Wahrscheinlich haben sie sogar recht, aber wenn es Emil war, dann muss ich aufräumen. Denn bis ich den 4jährigen in die geheime Kunst des „Ordnung-Machens“ eingeweiht habe, gehen noch einmal 4,55 Milliarden Jahre ins Land. Ich entscheide mich also gegen Gerechtigkeit und für Willkür. „Das ist mir egal! Es ist euer Zimmer. In 30 Minuten bin ich wieder da und dann sieht das hier tiptop aus!“.

10.30 Uhr: Von dem mittlerweile eigenhändig gedeckten Frühstückstisch kehre ich in das Zimmer von Lotte und Marie zurück. Natürlich habe ich tiptop nicht erwartet. Ich bin ja nicht erst seit gestern im Vatergeschäft. Aber ein bisschen mehr hätte es dann schon sein dürfen. Lotte sitzt in einem Haufen von Büchern und liest. Vermutlich hat sie vor 30 Minuten mal vorgehabt diese Bücher in das Regal vor ihr einzuordnen, wurde aber von einem dicken Schmöker angefallen und zum Lesen gezwungen. Marie ist es nicht besser ergangen. In dem verzweifelten bestreben die 200 CDs zurück in die passenden Hüllen zu sortieren, muss einer der Tonträger in den CD-Spieler gefallen sein. Vermutlich hat der CD-Spieler sich dann eigenmächtig in Betrieb genommen und Marie mit seinem Gedudel paralysiert. So ungefähr muss es sich abgespielt haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass die beiden Mädchen halbbekleidet und geistig völlig abwesend in diesem Chaos sitzen.

Wann werden die Kinder lernen, Türen zu schließen, Klospülungen zu betätigen und Zimmer aufzuräumen? (Vom Löschen des Lichtes beim Verlassen des Zimmers oder dem Wiederauffinden von Brillen ganz zu schweigen). Die Antwort ist: „NEIN!“. So einfach ist das. „NEIN!“. So ernüchternd. Irgendwann werden diese Kinder eigene Familien gründen und an einem Samstagmorgen zu der Erkenntnis gelangen, dass die Evolution einfach nicht stattgefunden haben kann.

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6 Gedanken zu “Evolution

  1. Isa schreibt:

    Danke. Obiger Text könnte mehr als nur haargenau der selbe Film sein, der bei uns wöchentlich abläuft. Und ich weiß, es tut einfach gut zu schmunzeln mit dem Wissen: Bei anderen isses gaaanz genauso 😀

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  2. Daraus entnehme ich, dass „Türen zu schließen, Klospülungen zu betätigen und Zimmer aufzuräumen? (Vom Löschen des Lichtes beim Verlassen des Zimmers oder dem Wiederauffinden von Brillen ganz zu schweigen)“ auch nicht Deine stärken waren? 😀

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  3. oh ja , das alles kommt mir sehr bekannt vor doch weil ich ein ganz klein wenig gehässig bin erfreue ich mich heute daran dass meine Brut die selben Erfahrungen mit ihren eigenen Ablegern machen muss …. ich genieße es ,das ist Schadenfreude pur ……. allerdings , gegen das nicht-aufräumen – wollen hab ich seinerzeit eine wirksame Methode meiner Freundin übernommen . Nach mehrfacher ungehörter Aufforderung zur Reinlichkeit kam kurzerhand der große blaue Müllsack in dem alles verschwand. Nein , es wurde nichts weggeworfen sondern im Keller deponiert. Nach zweimaliger Wiederholung dieser Aktion reichte es den blauen Sack über die Klinke des Kinderzimmers zu hängen.

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