Entzug

Wir kommen gerade aus dem Freizeitpark. Aus einem grellen, ohrenbetäubenden Freizeitpark mit ungezählten Eisständen, Zuckerwattebuden und viel zu vielen Menschen. Wir sitzen seit 10 Minuten im Auto. 4 Kinder hinten. 2 Erwachsene vorne. Schweigend steuere ich das Auto über die Straßen. Ich bin fix und fertig und verarbeite das Erlebte. Helena sitzt auf dem Beifahrersitz. Ihr Blick geht ins Leere. Nach „quality time with the family“ brauchen wir dringend „quality time without the family“.

„Mir ist langweilig“, ruft Ida von hinten. Natürlich ist Ida langweilig. Seit 10 Minuten wird ihr Gehirn nicht von Reizen geflutet. Ihr ist nicht langweilig. Ida ist auf Entzug. Nichts buntes. Nichts lautes. Nichts Süßes. Sie ist alleine mit ihrem kleinen, völlig überzuckerten Hirn, das mit der Ruhe und der Eintönigkeit des Autofahrens nicht zurecht kommt. Eine Reihe hinter Ida sitzen Marie und Lotte. In weiser Voraussicht haben Idas große Schwestern 200 lustige Taschenbücher auf der Rückbank deponiert. Und während Ida sich „langweilt“, bekämpfen ihre Schwestern den drohenden Turkey mit bunten Bildchen.

„Ida, wir sind gerade bis zum Erbrechen Achterbahn gefahren.“ Wir sind tatsächlich bis zum Erbrechen Achterbahn gefahren und mussten Lotte deshalb verbieten im geschlossenen Wagen durch den Mund zu atmen. „Lies ein Comic…“, nein, das ist keine gute Idee. Ida hat Schnupfen und wenn sie wegen unbekömmlicher Fahrtlektüre gleich auch nicht mehr durch den Mund atmen darf, dann wird sie ersticken. „Schau aus dem Fenster!“. Wieder so eine großartige Idee. Insgeheim lobe ich mich für mein pädagogisches Geschick.

Vielleicht ist es auch gar nicht der Entzug, der Ida zu schaffen macht. Vielleicht überkommt sie in diesem Moment die Erkenntnis, dass sie im Ziegengehege des Streichelzoos fast ihr Leben gelassen hätte. Wir hatten ihr vorher gesagt, dass es keine gute Idee wäre, das Ziegengehege mit der Packung Trockenfutter in der Hand zu betreten. „Ich will das aber!“. Also hat die ganze Familie mit den Schultern gezuckt und Ida durch die Hochsicherheits-Gatterschleuse ins stacheldrahtumzäunte „Ziegenland“ treten lassen. 20 Sekunden später mussten wir das panisch schreiende Mädchen mit vereinten Kräften aus der Mitte fleischfressender Huftiere zerren. Und es wäre wahrscheinlich nicht gelungen, wenn Lotte ihre Trockenfutterpackung nicht geistesgegenwärtig dem kleinen Jungen am anderen Ende des „Zeigenlandes“ in die Hand gedrückt hätte. In meinem Kopf hallen die Schreie des kleinen Menschenopfers nach. Ida war es uns wert.

Inzwischen hat sich Ida gegen „aus dem Fenster schauen“ und für die Option „Comic“ entschieden. Und zwar für das Comic, das Marie gerade liest. Es muss Maries Comic sein, weil es nämlich das allerbeste Lustige Taschenbuch ist, das der Ehapa-Verlag jemals publiziert hat. Das weiß jeder. Ich versuche, das Gekeife von den Rückbänken zu ignorieren. Mit bösen Blicken und wüsten Drohungen befriedet meine Frau den Konflikt. Ruhe kehrt ein und alle sind entweder damit beschäftigt ihre Wunden zu lecken oder Comic zu lesen. In die Stille brüllt Emil: „Mir ist langweilig!“.

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3 Gedanken zu “Entzug

  1. isaswelt01 schreibt:

    Ich finde es jeden Beitrag aufs Neue wundervoll, wie du den Alltag, der ein Abziehbild unseres sein könnte, mit wunderbar triefendem Sarkasmus darstellst. Ich danke für die Lacher, und das erkennende Nicken, dass du mir damit immer wieder bescherst! ❤

    Gefällt mir

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