Ungespräch

„Kannst Du Marie auf dem Heimweg abholen?“, will Helena wissen. Ja klar kann ich das. Will ich das? Eher nicht. Die Früchtchen meiner Lenden aus fremden Häusern zerren, gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsaufgaben. Mein innerer Widerstand hat gute Gründe.

Zunächst ist da die Sache mit der Orientierung. Ich habe keine. Seit 10 Jahren wohne ich in dieser Gegend. In dieser Gegend gibt es keine Städte. Diese Gegend besteht aus kleinen Ortschaften, die alle gleich aussehen und sämtlich auf „hausen“ enden. Ich bin schon froh, wenn ich morgens im Nebel auf die Arbeit und abends im Dunkeln wieder zurückfinde.

„Wo steckt Marie denn?“, will ich von Helena wissen. „Sie ist in Blablahausen. Bei Müllers“. Helena kann sich Sachen merken, die ich nicht mal höre. Bestimmt sollte ich wissen wer Müllers sind. Und bestimmt sollte ich auch wissen wo Dieseshausen oder Jeneshausen liegen und wie man dahin kommt. Weiß ich aber nicht. „Alles klar. Mach ich.“ Wie schwer kann das schon sein? 7 Dingenshausens und 6 Müllers später, stehe ich endlich vor dem richtigen Gebäudekomplex. Er ist riesig und besteht aus zwei Häusern. Ein Haus für Müllers und ein Haus für die Autos der Müllers. Ich frage mich, wann meinen Töchtern bewusst wird, dass sie nicht alles haben, obwohl sie alles haben.

Ich drücke den Klingelknopf unter dem handgetöpferten „Hier-wohnt-Familie-Müller-Schild“. Hinter der Tür ertönt ein liebliches Glockenspiel. Ich lebe in einem Land, in dem sich Menschen Gedanken über Klingeltöne machen. Die Tür öffnet sich und ein attraktiver Mittvierziger-Vater im gut geschnittenen Anzug bittet mich in die Eingangshalle. Ich trage Vans und meinen Lieblings-Hoodie. Wir sind die Typen, die sich auf offener Straße geflissentlich ignorieren. Aus dem ersten Stock schallt laut das Lachen meiner Tochter. Demnach führt die Freitreppe aus Marmor in den Westflügel mit den Kinderzimmern. Von der Eingangshalle gehen mehrere Zimmer ab. „Sie haben einen Salon?!“. Er schaut kurz irritiert. „Äh. Salon? Nein, das ist das Hobbyzimmer meiner Frau und daneben ist mein Kraftraum“. Natürlich.

Auf der Balustrade des oberen Stockwerks taucht kurz meine Tochter auf. Sie sieht mich und flieht. „Marie. Komm bitte. Wir wollen los!“. WIR wollen ganz offensichtlich nicht los. Aber ICH will dafür umso dringender. Herr Müller und ich stehen still in der Gegend herum. Wir haben uns nichts zu sagen. Die peinliche Stille ist unangenehm laut. „Wollen sie etwas trinken?“. Nein, danke! Aber vielleicht können wir uns ganz kurz noch über das Wetter unterhalten? Und danach zeigen wir uns gegenseitig unsere Lieblings-Youtube-Videos.

Tief greife ich in meine Small-Talk-Trickkiste und zaubere ein „Und? Was machen sie beruflich?“ hervor. Jetzt redet er. Sein Beruf hat irgendetwas mit Geld zu tun. Mit viel Geld. Ich nicke mechanisch und lächle interessiert. Das kann ich. Ich habe vier Kinder.

Nach stundenlangen Minuten schreitet Marie schließlich aufreizend langsam die Treppe hinunter. „Kann ich noch bleiben, Papa?“. Sie macht das extra. Ich werfe ihr böse Blicke zu, die sie mit großer Ruhe ignoriert. Ich sage: „Marie. Kommst du jetzt bitte? Mama wartet mit dem Essen.“ Ich meine: „MARIE BEWEG DEINEN ARSCH! SCHNELLER!“. Sie weiß das. Aber sie weiß auch, dass ich mich in der Öffentlichkeit benehmen muss. In Zeitlupe beginnt sie, ihre Sachen zusammen zu suchen. Herr Müller ahnt, dass das Ganze noch ein wenig dauern wird und erinnert sich seiner Soft-Skills. „Und? Was machen sie beruflich?“. Smooth.

Nicht einmal meine Freunde wissen was ich eigentlich genau beruflich tue. Ich nehme die Abkürzung: „Ich bin Lehrer“. Ich hasse mich ein wenig für meine Antwort, aber wenigstens erstickt sie jedes Interesse im Keim. „Oh!“, sagt Herr Müller. Wir schweigen wieder laut. Dann hat Marie endlich ein Einsehen und verkündet: „Ich bin fertig. Wir können.“ Als Herr Müller und ich uns die Hand geben, schließen wir mit den Augen eine Übereinkunft: „Das nächste Mal, machen unsere Frauen diesen Scheiß!“

Draußen greift Marie nach meiner Hand. „Danke, dass du mich abholen kommst“. Gerne. Jetzt müssen wir nur noch dieses Zuhause finden.

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