Glückwunsch

Herzlichen Glückwunsch. Es ist stockdunkel. Zappenduster. Zu fünft schleichen wir in Lottes Zimmer. Wobei schleichen ein Euphemismus ist. Wir haben Emil dabei. Emil ist vier. Vierjährige Jungen kennen nur zwei Gangarten – stampfen und trampeln. Wir schleichen also zu viert in Lottes Zimmer, während wir versuchen den trampelnden Emil auf Distanz und damit außer Hörweite zu halten. Unser Schleichen wird von leisem Fluchen begleitet. Alle zwei Minuten tritt ein Familienmitglied auf kleine spitze Legosteine. Lotte spielt nie mit Lego. Sie hat diese kleinen Kunststoff-Minen gelegt, um uns fern zu halten. Aber wir haben eine Auftrag. Erst nach Abschluss der Mission werden wir uns gegenseitig Dänenplastik aus den blutenden Fußsohlen puhlen.

Wir sind am Ziel und nehmen Aufstellung am Kopfende von Lottes Bett. Ida, Marie, Helena und ich. Emil fehlt. Emil ist gegen einen Schrank geschlichen und hält sich zornig brabbelnd den Kopf. Kollateralschaden. Wir können auf niemanden warten. Ich zähle leise. „1, 2, 3!“ und dann beginnt der Familien-Mob mit dem Geburtstags-Gegröle. Wir singen gerne, aber nur selten gut.

„Kräht der Hahn früh am Morgen, kräht er lustig, kräht er laut. Guten Morgen liebe Lotte dein Geburtstag ist heut.“ Dieses Lied kampfbrüllt inbrünstig die ganze Familie. Der Hahn kräht früh am Morgen. Nicht besonders lustig, aber heute umso lauter. Um 5.50 Uhr. Direkt in Lottes schlafenden Gehörgang hämmern wir dieses kleine Vokalstück. Lotte steht fast senkrecht im Bett. Die Haare stehen ihr zu Berge. Es ist die Rache für unsere schmerzenden Füße. Lotte hat Angst. Bis sie sich daran erinnert, dass sie ja heute Geburtstag hat. „Herzlichen Glückwunsch“ pöbelt der Mob in Richtung des panischen Geburtstagskindes. Aus dem Hintergrund fliegt Emil heran und bringt Lotte mit einer gezielten Umarmung in Kniehöhe zu Fall. Wer Geburtstag hat wird von Emil gnadenlos umgeliebt. Irgendwann hat Marie ein Einsehen. „Ich mag Lotte ja nur manchmal, aber vielleicht sollten wir sie jetzt befreien?!“ Wir brechen Emil liebevoll die klammernden Arme und machen uns danach auf den Weg zum Geburtstagstisch im Wohnzimmer.

Die Kinder stürzen am aufwendig geschmückten Frühstückstisch vorbei und gehen vor dem festtäglichen Konsumschrein in die Knie. Kunstvoll aufgebahrt liegen dort, im Kerzenschein des hölzernen Herzlichen-Glückwunsch-Geburtstagszuges, Pakete in allen Formen und Farben. Lotte ist begeistert und reißt Geschenke aus ünnützer Verpackung. Der Anblick entlockt mir einen Seufzer und ich stelle mir die Frage, warum ich am Vorabend zwei Stunden lang Kram in buntes Papier gewickelt und kunstvoll verschleift habe. Ahnend schaut Helena mich an. „Wir tun das alles, damit wir später behaupten können gute Eltern gewesen zu sein!“ Richtig. Jetzt macht es alles wieder Sinn. Ich lächle eigennützig.

(Kleiner Tip an alle Erziehungsberechtigten von Töchtern. Schenken ist nichts für zartbesaitete Elternseelen. Augenkrebsverursachende Pferde-Glitzer-Rosa-Geschenke machen es ihrem Kind leichter Freude zu heucheln, wenn es pädagogisch-wertvolles aus farbigem Papier schält. Ein Buch zum Beispiel.)

10 Minuten später sitzen wir am Frühstückstisch. die meisten Geburtstagsgeschenke dürfen mitessen. Vorsichtshalber haben wir alle Kerzen gelöscht. Das Risiko, das leicht entflammbare Geschenke mitsamt unserer Tochter vor unseren Augen verpuffen ist einfach zu groß. Wir sind allesamt keine besonders passionierten Frühstücker, aber dem Kalten Hund machen wir an diesem Morgen gemeinsam den Gar aus. Später, wenn die Kinder in der Schule Kokosfett getränkte Butterkekse in die Flure kotzen, sind wir längst unterwegs. Ich werde mein Smartphone ausschalten, um keine „Ihr Kind hat Bauchschmerzen“ Anrufe entgegennehmen zu müssen. „Wer feiert, der kann auch in die Schule gehen“, hat mein Lehrer Montagsmorgens immer verkündet. Es tut mir ein bißchen leid, aber an Geburtstagen müssen auch mal andere für unsere elterlichen Verfehlungen büßen. So funktioniert eine Solidargemeinschaft. Ich betrachte den regefluxten Kuchenköter als den Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Von mir für euch! Herzlichen Glückwunsch.

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6 Gedanken zu “Glückwunsch

  1. Herrlich. Deja Vu würde ich sagen! Bei uns backe, verpacke und schmücke ich hauptsächlich. Dennoch ist mein Mann am Geburtstagstag der Kinder immer da. Wir geben uns auch stets Mühe, es schön zu gestalten. Wir haben zwei Jungs, die nur jubeln, wenn eines der neuesten technischen Errungenschaften unter den Geschenken ist. Meine Mutter meint, meine Schwestern und ich seien nicht anders gewesen. So sind Kinder halt, dürfte ich mir schon anhören. Macht weiter so als Eltern! Vielleicht kommt irgendwann einmal ein DANKE zurück. LG Mia

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