mUNOpoly

Es ist Samstag. Es regnet. Es ist langweilig. Es ist so langweilig, dass es sogar mir unangenehm auffällt. Und ich bin ein großer Fan von Langeweile. Und es ist so langweilig, dass die Kinder nichts besseres zu tun haben als sich gegenseitig an die Gurgeln zu gehen und mit Schimpfwörtern nacheinander zu werfen. Auf der Suche nach befriedender Zerstreuung bleibt mein Blick an dem Regal mit den Gesellschaftsspielen hängen. Monopoly wäre eine Option. Lotte und Marie spielen es gerne. Und es ist jedesmal beruhigend zu sehen, dass meine Töchter den frühkapitalistischen Erziehungsauftrag dieses Brettspiels bisher ignoriert (oder nicht verstanden) haben.

Maries Monopoly-Strategie erschöpft sich in ihrem unbändigen Willen alle gemeinnützigen Einrichtungen – die beiden Werke und alle Bahnhöfe – zu erwerben, um dann jeden Besucher zu verpassen und niemals Miete einzutreiben. Lotte hingegen hat gar keine Strategie. Für sie ist es wichtig die Hundespielfigur zu bekommen. Und Ida kauft Straßen nur der Farben wegen. Weil Ida Regenbögen mag, war sie in 34 Monopoly-Partien bisher nicht ein einziges Mal in der Lage Häuser, geschweige denn Hotels zu bauen.

Und keine meiner Töchter kann mich verlieren sehen. Wenn ich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände doch mal in finanzielle Schieflage gerate, kann ich stets darauf bauen, dass irgendeines der Mädchen mir Geld zusteckt. Es sind erniedrigende Momente und sie erinnern mich schmerzlich an die Realitäten auf meinem Bankkonto. „Monopoly ist Scheiße!“, bringe ich es gedanklich auf den Punkt. Außerdem dauert jede Partie Monopoly länger als die Langeweile. Und weil ich ständig diese diffuse Angst im Nacken habe, dass eine meiner Töchter den fiesen Monopoly-Charakter erkennt und eines fernen Tages Bankerin werden könnte, verwerfe ich die Idee dieser Brettspielmaßnahme.

Ich orientiere mich also in Richtung der kleineren Kartons. Da! Der Klassiker der moderneren Kartenspiel-Kultur. UNO! Retter unzähliger Abende, die kurz davor standen in betretenem Schweigen oder dem Vorführen von Lieblings-Youtube-Videos zu enden. „Wollen wir was spielen?“, rufe ich, betrete das Zimmer der Kinder und wedle – Enthusiasmus versprühend – mit der Uno-Packung. Die Kinder blicken gelangweilt in meine Richtung. „Uno ist Scheiße!“, Marie bringt die Dinge gern auf den Punkt. „Du bist Scheiße!“, auch Lotte bringt die Dinge gerne auf den Punkt. Und beide tun es selten nur gedanklich. Ich murmle halbherzig erzieherische Weisungen und wiederhole meine Frage geduldig. „Na gut!“. Die Töchter haben sich gnädig dazu durchgerungen ihrem Vater einen Gefallen zu tun. Von irgendwoher kommt auch Ida dazu. Wir sind bereit für einen familienidyllischen Spielenachmittag. Auf dem Tisch stehen Knabbereien mit ernährungswissenschaftlichen Botschaften. Niemand wird sie essen, aber sie sehen gut aus und dokumentieren Helenas gutmütterlichen Willen dieses Großereignis nach Kräften zu unterstützen.

10 Minuten später ist alles vorbei. „Lotte, ich hasse dich! Nie wieder spiele ich mit dir!“. Mit diesen Worten fegt Marie die Uno-Karten und das Deko-Sesam-Gebäck vom Tisch, springt auf und schlägt auf dem Weg in ihr Zimmer jede Tür hinter sich zu. Jede einzelne Tür. Auch die, die nicht auf ihrem Weg liegen. Auf der Treppe dreht Marie sogar noch einmal um. Sie hat die Tür zum Bad vergessen. Ich schaue Lotte an und schüttle missbilligend den Kopf. Lotte lächelt versonnen. „Papa. Manchmal macht Uno doch Spaß!“, sagt Lotte, während Ida beginnt die Karten aufzusammeln.

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