Wartezimmer

„Es wird einen Moment dauern!“, sagt sie ohne mich anzuschauen. Drückt mir meine Karte in die Hand und wedelt vage in Richtung des Wartezimmers. Ich huste ihr geräuschvoll ein „Danke“ an den Kopf und schlurfe den dunklen Flur hinunter. Auf das Licht hinter der Milchglastür zu. Vor der Tür des Wartezimmers frage ich mich, ob ich für diesen Raum nicht vielleicht doch zu gesund bin. Aber jetzt bin ich ja einmal da. Ich bediene die Türklinke mit dem Ellenbogen. Man kann nie wissen, wo der Tod lauert. Ich wäre wahrscheinlich nicht der Erste, der eine Vorsorgeuntersuchung ohne Befund überlebt, nur um dann zuhause von Pest oder Cholera hinweggerafft zu werden.

Das Zimmer ist voll. Und eng. Es riecht nach kranken Menschen. So wie ich es mag. Die Stimmung ist super. Alle lächeln. Weiter hinten im Raum spielen zwei fröhliche ältere Herren mit fiebrigen Augen Mau Mau. Ich schleudere ein „Guten Morgen!“ in den Raum. Freudig erregte Menschen klatschen triefäugig Beifall. Die bleiche Dame mit den trockenen Lippen stimmt ein Begrüßungslied an. Wir schunkeln gemeinsam. Das ist deutsche Willkommenskultur. In der Tür stehend imaginiere ich noch ein wenig vor mich hin. Bis ich merke, dass sie mich alle feindseelig anstarren. Die kranken übellaunigen Leute. Der Stuhl neben dem Lesezirkel-Wühltisch ist noch zur Hälfte frei. Auf der anderen Hälfte sitzt das letzte Drittel eines sehr finster dreinschauenden Patienten. Ich umkurve geschickt mehrere Rollatoren und ein Gipsbein. „Ist der Platz noch frei?“ Er grummelt irgendwas in seinen ungepflegten Bart. Ich interpretiere das als „ja“. Er schnauft genervt als ich mich zwischen ihn und den Literaturtisch quetsche. Hier bin ich Mensch. Hier darf ich’s sein.

Ich blättere lustlos durch eine Ausgabe des Spiegels von 1997 („Herbst des Terrors“ – damals wie heute). Rechts von mir sitzt die Rentner-Fraktion, die morgens gerne entweder zum Arzt oder in den REWE XL geht. Für den REWE XL ist es vielleicht noch zu früh. Für den Arzt vielleicht schon zu spät. Dilemma. Ich beobachte ein besonders beiges Rentner-Exemplar aus den Augenwinkeln. Ab 75 sind scheinbar nur noch Beige, Braun oder Schlamm gesellschaftsfähig und natürlich der säuerliche Gesichtsausdruck. In einem freudlosen Grau gehalten. Ich frage mich warum es immer diese Farbkombinationen sein müssen? Die ganze Erscheinung schreit „Herbst“.

„Herr Lutomsky, in Zimmer 3 bitte!“, blechert es aus dem winzigen Lautsprecher über der Tür. Glücklicherweise ist Herr Lutomsky der Typ neben mir. Lutomsky seufzt unwirsch. Oh Deutschland, deine Seufzer. Schwerfällig erhebt sich Lutomsky und bahnt sich rempelnd einen Weg aus dem Zimmer. Jetzt kann ich auch aus dem linken Augenwinkel beobachten. Und links sitzt der Gegenentwurf zu „Herbst“. Sie ist der dritte „Frühling“. Besonders Schuhwerk und Beinkleider der Dame widersetzen sich den Gepflogenheiten ihrer Generation. Die schwarz weiß karierte Hose im Möhrenschnitt. Die pinken Socken aus leicht entflammbarer Velours-Viskose. Und das finale Fashionstatement am Ende: die BWLer Schlappen im Kroko-Look – ein optischer Tritt in jeden beigen Arsch.

Aber es ist ein Mehrgenerationen Wartezimmer. Mir gegenüber sitzt der Kerl aus dem Fitnessstudio. Ende 20. Mit Armen wie Beinen. Das weiße Langarmshirt spannt erotisch. Überall. Fescher Haarschnitt (Undercut. Obendrauf ist das leicht gelockte Haar HJ-gescheitel). Und sein Vollbart lässt mich vor Neid erblassen. Ich werde die paar Haare in meinem Gesicht fortan nicht mehr Bart nennen können, ohne mich wie ein dreckiger Lügner zu fühlen. So sitzt er da. Der Adonis des Wartezimmers. Nur die Rotznase passt nicht ganz ins Bild. Die Tinder-App auf seinem Handy schließt er erst als eine attraktive Frau mit asthmatischem Atemrhytmus das Wartezimmer betritt und die Lücke füllt, die Lutomsky hinterlassen hat. Adonis schiebt lässig seine Ärmel nach oben und präsentiert uns stolz seine tätowierten Unterarme. Deutschland seufzt. Dieses Mal nicht genervt sondern sehnsüchtig. Auch der Frühling seufzt. Wehmütig. Während Herbst noch ein wenig grauer dreinschaut und die schlammfarbenen Arme vor der Brust verschränkt. Der Frau neben mir hat das Seufzen nicht gut getan und sie ringt nach ihrem rasselnden Atem. Der Lautsprecher knackt: „Frau Sellen in Zimmer 5 bitte!“. Das bin ich. Jedesmal. Ich schwebe mit betörendem Hüftschwung durch den Raum, öffne die Tür anmutig mit dem Ellenbogen. Tosender Beifall. Ich trete hinaus aus dem Licht, hinein in den dunklen Flur.

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