Mauerbau

Ich lausche an der Tür. Es knistert dahinter. Es ist das Geräusch von kleinen, klebrigen Fingern, die Schokolade aus Alupapier schälen. Mit einem laut „HA!“, breche ich die Tür auf und stürme unsere Küche. Auf dem Tresen hockt Ida. Der ganze Raum riecht nach Schokolade. Sie hat die Backen voll. Panisch schaut das Kind in das erzürnte Antlitz ihres Vaters. „Hab‘ ich dich erwischt du dreckiger Dieb! Das sind die Schokoladeneier deines kleinen Bruders. Schäm dich!“, ich schimpfe rohrspatzig. Ida schluckt schwer. Ich schließe mein Standgepauke mit einem lauten und finalen: „WAS HAST DU DAZU ZU SAGEN?“

Ida überlegt kurz, wischt sich Schokosabber aus dem Mundwinkel und antwortet dann im Brustton der Überzeugung: „Ich war das nicht!“. ICH. WAR. DAS. NICHT. Mein Mund klappt auf. Zu. Auf. Zu. Schnappatmung. Mein Ärger verfliegt. Ich erstarre staunend zur Salzsäule. Glotze ungläubig auf dieses Kind, das dort inmitten eines Tatorts voll mit glitzerndem Beweismaterial sitzt und behauptet es wäre unschuldig.

Ich versuche Idas Aussage historisch einzuordnen, um Klarheit über meine nächsten erzieherischen Handlungen zu bekommen. Spontan fallen mir nur Maurermeister Walter Ulbricht, Reineke Fuchs und Bill Clinton („I never inhaled!“) ein. Und jetzt Ida. Walter Ida Ulbricht. Eine Lüge von epischem Ausmaß. Und ich durfte dabei sein.

„Ida, wer war es dann?“, frage ich investigativ und schaue dabei tief in die Seele meiner Tochter. Unter meinem unbarmherzigen Blick verglüht die Unwahrheit im Herzen des Kindes. Doch bevor Ida zu einem Bekenntnis ansetzen kann, marschiert Lotte in die Küche. Sie schaut sich kurz um und erfasst die Situation blitzschnell. Lässig schnipst sie einen bunten Alufetzen vom Tresen. „Papa, Ida war das nicht!“ Nein. Natürlich nicht. Ida lächelt erst ihre Schwester dankbar und dann mich triumphierend an. Eine Woge der Empörung schwappt durch meine autoritären Gedanken. Kleine Gewaltphantasien wüten in meinem Kopf und einige davon haben mit mittelalterlichen Folterinstrumenten zu tun. In der Zwischenzeit ist auch Marie am Tatort eingetroffen. Wahrscheinlich hat sie die Schokolade gerochen.

Die schwesterliche Linie steht jetzt fest geschlossen und feuert aus allen Rohren: „Ich glaube Emil hat seine Schokolade gegessen ohne dich zu fragen, Papa! Ich finde das sehr frech! Du solltest ihn dafür bestrafen!“. Ich wanke. Innen drin. Und außen auch. Könnte es sein, dass Ida sich wirklich nicht an den Süßigkeiten ihres kleinen, unschuldigen Bruders vergangen hat? Hat Emil Ida vielleicht sogar eine Falle gestellt, um seine eigene Missetat zu verschleiern und seiner lieblichen Schwester in die Schuhe zu schieben. Vielleicht hatte Walter Ulbricht wirklich niemals vor eine Mauer zu bauen?!

Als mein vierjähriger Sohn, Hund spielend, auf allen Vieren um die Ecke gekrabbelt kommt, ist meine Weltsicht bereits zerstört. „Emil. Für dich gibt es heute und morgen nichts Süßes mehr! Du sollst fragen, bevor du dir etwas nimmst!“ Emil schaut mich fragend an, zuckt mit den Schultern und drückt mir dann die Leine in die Hand, die hinten an seiner Hose befestigt ist. „Ich will Hund mit dir spielen, Papa!“. Die Leine strafft sich und mein Hundesohn schleift mich hinter sich her. Hinaus aus der Küche. In meinem Rücken lächeln die schultergeschlossenen Schwestern. In der Ferne klatschen Bill, Reineke und Walter Beifall.

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