Gemeinsamstag

Marie rülpst laut und feucht über den Frühstückstisch. Lauwarm weht uns der Duft von Salami und Ei um die Nasen. Die Mädchen brechen in schallendes Gelächter aus, während Emil unbeeindruckt weiter sein Müsli verwüstet. “Marie, du bist ein Schwein!”, ruft Helena mütterlich erbost über den Tisch. Ich schwanke zwischen Abscheu und Bewunderung, zwischen erhobenem Zeigefinger und Ghettofaust. Was für ein Prachtrülps. “Nein, Marie! Das geht wirklich nicht. Das ist eklig und unpassend.” Mein Standpauke kommt nicht von Herzen und das spüren diese Kinder sofort. Wie kleine Bluthunde, können sie menschliche Schwächen sofort wittern. “Komm Papa. Der war super. Und sonst machst du das auch!”, argumentiert die Gescholtene.

Sie hat recht. Ich mache das auch. Gerne und inbrünstig und unpassend. Und hinterher lache ich dreckig in die ehrfürchtigen Gesichter meiner Kinder. Helena findet das nicht witzig. Nie. Und ich werde wohl nie verstehen warum?! “Das haben sie von dir. Du bist auch ein Schwein.” Da hat sie vollkommen recht. Ich wende mich schuldbewusst wieder meinem Essen zu. Mein Blick begegnet Maries und es ist ein Moment vollkommenen Verständnisses. Wir nicken uns still zu. Helena rollt mit den Augen und ist bemüht ein Lächeln zu unterdrücken.

Später werfen wir die Kinder raus. Das Wetter ist gut. Und wenn das Wetter gut ist, dann brauchen sie uns nicht im Haus auf die Nerven zu gehen. “Und vor zwölf braucht ihr auch nicht wieder reinkommen!” Die Mädchen trollen sich. Auf dem Weg zur Haustür schnappen sie nacheinander. Ich blicke ihnen nach und fühle mich an die Raptoren aus Jurassic Park erinnert. Die versuchen sich auch immer gegenseitig zu beißen, sind aber eigentlich die besten Buddies, wenn es darum geht, den fetten Triceratops noch vor dem Mittagessen fertig zu machen. Endlich haben sie die Schuhe an und stürzen johlend nach draußen. Mir tut der Triceratops jetzt schon ein bißchen leid.

Ich überlege gerade was ich nun mit all der freien Zeit anfangen soll. In einem Anfall von Deutschtümelei überlege ich die Dachrinnen zu säubern oder das Unkraut aus den Fugen der Einfahrt herauszukratzen. Aber ehe der Wahnsinn weiter Besitz von mir ergreifen und den spießigen Deutschen in mir wecken kann, klingelt es schon an der Tür. Ida steht da. “Ida, da steckt ein Schlüssel im Schloss. Seit hundert Jahren schon. Kannst du den bitte benutzen. So wie sonst auch?”, empfange ich meine Tochter liebevoll an der Tür. “Äh!… den Schlüssel habe ich gar nicht gesehen. Ich muss mich umziehen!” Natürlich muss sie sich umziehen. Meine Töchter ziehen sich ca. drei bis vier mal am Tag um. Aus verschiedensten Gründen. Manchmal eskaliert das Prinzessinnen-Spiel und eine der jungen Monarchinnen beginnt spontan zu bluten oder zu heulen. Meist ist das eine kausal mit dem anderen verknüpft und dann müssen blut- und tränendurchtränkte Kleider gewechselt werden.

Diesmal ist es anders. Ida hat nicht mit 22 Grad Außentemperatur gerechnet und meint nun ihre lange Thermo-Strumpfhose und die Winterstiefel gegen kurze Beinkleider und Sandalen tauschen zu müssen. Während sie nach oben geht, um alle erforderlichen Utensilien aus ihrem Schrank zu reißen – und ganz nebenbei die komplette Ordnung ihrer Mutter zu zerstören – gehe ich ins Bad, um in Ruhe zu rülpsen und sonstige Geschäfte zu erledigen. Als ich zurück ins Esszimmer komme, sitzt Ida nackt auf dem Tisch und ist gerade dabei ihre Fußnägel zu schneiden. “Papa. Ich weiß was du jetzt sagen willst…!” Ida hat keine Ahnung was ich gerade sagen will. Ich weiß es ja selbst nicht. Die Szene ist von dadaistischer Schönheit. Mein innerer Man Ray wünscht sich eine Polaroid-Kamera, um diesen Moment für die sinnsuchende Nachwelt festzuhalten. Dieses kleine nackte Mädchen, das mitten in diesem stilllebigen Frühstücksszenario mit einem Nagelknipser ihre Keratinplatten so beschneidet, dass sie in hohem Bogen in Nutella, Butter und Schwartau-Marmelade segeln – all das ist von einer grotesken Schönheit. Es ist der stille Widerstand eines Mädchens, dass sich gegen die Langeweile des samstäglichen Morgens stemmt und ihren Vater vor der spießigen Einfalt seiner deutschen Gedanken rettet. Wer könnte in dieser Situation an moosige Dachrinnen oder verunkrautete Einfahrten denken. Nein. Dieser Samstag braucht ein paar Guerillakinderaktionen. Wir werden uns bei meinen Eltern zum Essen einladen und jeder Rülps am Esstisch wird mit gebührendem Applaus und einer Ghettofaust gefeiert werden.

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