Kellerkind

Es ist früh. Und ich stehe nackt im Keller. In der einen Hand eine Gitarre und in der anderen ein Glas Senf. Und ich weiß ganz genau: “Irgendwas wolltest du hier”. Oben rufen Helena und die Kinder wild durcheinander. Ich hatte einen Auftrag und wahrscheinlich hatte der irgendetwas mit mit dem Geschrei dort oben zu tun. Ich kämpfe die Panik nieder und setze mich auf eine Plastikkiste mit der Aufschrift “146/152”. Was hat das alles zu bedeuten? Ich stelle das Glas Senf neben mich und fange an, ein paar Töne auf der Gitarre zu zupfen. Irgendwer dort oben brüllt nach mir. Es hat etwas mit Schule und Broten zu tun. Es wird immer geheimnisvoller.

Ich betrachte die Ordnung um mich herum. Ganz offensichtlich verstaut Helena unser Hab und Gut in Kisten, die sie dann beschriftet. Es sind unfassbar viele Kisten. Bis unter die Decke stapeln sich die sauber durchnummerierten Plastikcontainer. Das beruhigt mich irgendwie. Mein Leben scheint in Ordnung. Wenn ich irgendwann sterbe, dann werde ich auch in so einer Kiste landen und Helena wird mich hier unten einsortieren. Vielleicht bekomme ich dann auch eine Nummer. Ich habe nie Zeit wirklich Zeit im Keller verbracht. Ich komme nur hierher, wenn ich auf der Suche nach Essen bin. Dabei gibt es hier noch viel mehr zu sehen. Hinten links in der Ecke, versteckt hinter einem Wäschegebirge, entdecke ich eine Waschmaschine. Hier steht die also.

Über mir knallen Türen und ich höre wie sich hübsche Töchter mit häßlichen Worten bewerfen. Wäre ich nun dort oben, müsste ich erzieherische Maßnahmen einleiten. Und nichts ist so ermüdend, wie sich selbst beim Erziehen der Kinder zuhören zu müssen. Also bleibe ich noch ein wenig sitzen. Ich habe eine Gitarre im Schritt, ein Glas Senf neben meiner rechten Pobacke und wenn ich wirklich etwas zum Anziehen bräuchte, dann würde ich einen kleinen Schacht in den Klamottenhügel graben und dort eine Jeans und ein T-shirt abbauen. Hier kann mir niemand was.

Aber ich weiß um meine Verantwortung als Vater. Außerdem weiß ich, dass dort oben wahrscheinlich die unangenehme Antwort auf all meine Fragen lauert. Also erhebe ich mich und beginne den langen Aufstieg zurück ins Leben. Oben angekommen laufe ich zuerst Lotte in die Arme. In einem Anflug von Scham halte ich das Glas Senf vor meine Körpermitte. Gleichzeitig geht mir auf, dass die Gitarre wahrscheinlich mehr verborgen hätte, aber da ist es schon zu spät. “Iiiiihhhh. Papa!! Kannst du dir bitte mal was anziehen!” Ich verzichte auf den Verweis, dass eine Hälfte von ihr vor 12 Jahren aus diesem ekelerregenden, nackten Körper herausgeschwommen ist. Als erfahrener Pädagoge weiß ich, dass Pubertierende Kinder diese Art von Fun Facts noch nicht zu schätzen wissen.

Als Lotte sich angewidert abgewendet hat, überholt mich Marie rechts, tätschelt mir den Hintern und nimmt mir das Glas Senf aus der Hand. “Das hat ja ewig gedauert. Die Schulbrote sind fertig. Jetzt brauch ich den auch nicht mehr.” Womit auch dieses Rätsel gelöst wäre. Bleibt die Gitarre. Da stürmt auch schon Ida auf mich zu, baut sich vor mir auf und fragt mit mahnendem Blick “hast du die gestimmt? Ich habe heute eine Aufführung in der Musikschule!” Ich überlege kurz und lüge ihr dann ein kurzes “Ja!” ins Gesicht. Ihre missgestimmte Gitarre wird in dem schiefen Flötenquartett gar nicht auffallen – ich habe die Proben gehört.

Auf dem Weg zu meinem Kleiderschrank erhasche ich einen kurzen Blick ins Esszimmer. Da sitzt der unbeaufsichtigte Emil am Tisch. Mit dem Gesicht im Nutella-Glas. In seinen Händen hällt er einen bunten Wurststrauß. Ich lächle ihm aufmunternd zu, drehe mich um und schleiche leise wieder in den Keller. Dieses mal weiß ich genau warum.

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