Medienveganismus

“Wir haben keinen Fernseher!”. Früher hat dieser Satz zu anerkennendem Geraune in Gesprächsrunden geführt. Jetzt nicht mehr. Vor ein paar Jahren stand ein fernsehfreier Wohnbereich noch synonym für verantwortungsvolle Elternschaft. Jetzt nicht mehr. Wer keinen Fernseher hatte, wurde sofort für einen feingeistigen, bücherlesenden Intellektuellen gehalten. Wir, die wir uns gegen die Anschaffung eines Heimkino-Systems entschieden hatten, fühlten uns erhaben und sozial integer. Wir waren die Veganer des Medienkonsums. Jetzt nicht mehr.

Schuld ist das scheiß Internet. Wieder mal. Es verdirbt nicht nur unsere Kinder, sondern – was viel schlimmer ist – unseren Ruf. Woran können andere nun festmachen, dass wir nicht nur kluge sondern auch tolle Eltern sind? An unseren Kindern sicher nicht. Das antiautoritäre Umfeld hat sie zu früh glauben gemacht, dass auch ihnen eine eigene Meinung zustünde. Meine Kinder zitieren mittlerweile aus Gesetzestexten, wenn ihnen meine Erziehungsmethoden nicht gefallen. Vorbei die Zeit in der meine sonor gemurmelten Worte für Ruhe, Ordnung und eine universale Sicht auf die Welt gesorgt haben. Meine Töchter haben eigene Köpfe. Das zeigt sich auch in unserem Medienkonsum.

Früher habe ich allein über den Klapprechner und damit über das Internet und seine Inhalte verfügt. Mittlerweile kann auch der 4 jährige Emil unseren Rechner bedienen. Seit unzählige Kindergriffel dieses Notebook begrapschen, habe ich gar keine Lust mehr das Gerät zu bedienen. Das ist faktisch auch gar nicht mehr möglich, weil Touchpad und Tasten jetzt dauerhaft mit einem klebrigen Kinderfingerfilm überzogen sind. Vermutlich eine Mischung aus Apfelsaft, Pipi und Schokolade. Die Tastatur ist zu einer Fliegenfalle geworden. Am Anfang habe ich noch laut gemotzt und Schuldige ermittelt. Mittlerweile ist es mir egal. Mit stoischer Ruhe und Babyöl löse ich mit großer Regelmäßigkeit kleine Fingerkuppen von verharzten Buchstabentasten.

So ist auch dieses Stück elterlichen Eigentums schleichend von meinen Kindern annektiert worden. Ich bin die Ukraine und habe mich mit dem Verlust der Krim abgefunden. Ich wehre mich nicht mehr, wenn ich an einem Samstagmorgen in die Küche schlendere und nicht von meinen Lendenfrüchtchen, sondern von Julian, Dick, Anne und George und Timmy dem Hund begrüßt werde. Alle 116 Folgen sind auf Spotify verfügbar und meine Töchter machen regen Gebrauch von dieser Enid-Blyton-Flatrate. Ich mache mir Tee und lehne mich lässig an den Tresen: “Na, Marie?! Wer lässt sich denn diesmal entführen?” Marie rollt nur mit den Augen und widmet sich wieder ihrem Asterix-Comic. ”Ist dir eigentlich nie aufgefallen, dass die Fünf Freunde schon 116 mal Sommerferien hatten? Die sind nie über die 7te Klasse hinausgekommen. Eigentlich sind die nämlich strunzdumm.” Nach kurzer Zeit beschließt Marie, mich nicht mehr zu ignorieren. Genervt lässt sie Asterix sinken. Im Hintergrund bellt Timmy der Hund. “Darum geht es nicht, Papa! Schule ist denen egal!”.

So habe ich das noch gar nicht gesehen. Die Fünf Freunde sind Guerilla-Programm. Tante Fanny ist nur oberflächlich besorgt und Onkel Quentin chronisch desinteressiert (bis er wieder mal entführt wird). Der ist froh, wenn die blöden Kinder Schwerverbrecher verfolgen, hin und wieder einen Schatz finden oder alleine auf offener See Bötchen fahren. Schule? Lernen in den Ferien? Ach was. Es gibt wichtigere Dinge und die sind alle ohne Schulabschluss möglich. “Papa, ich muss jetzt weiterlesen…!”

10 Minuten später kommt Lotte in die Küche, setzt sich übellaunig an den ungedeckten Frühstückstisch und starrt mich böse an. “Die Eltern von Lara kümmern sich um ihre Kinder!”. Ich bin mir nicht sicher, welche der vielen Laras sie meint. Wahrscheinlich alle. Eltern von Laras lieben ihre Kinder so sehr, dass sie an Samstagen lächelnd die Tische in den Angesichtern ihrer Kinder decken. “Das tut mir leid, Lotte. Ich kann dich Lara nennen, wenn dir das irgendwie hilft!?” Lotte grunzt in meine Richtung und stürzt sich dann auf ihre Schwester. “Immer die Fünf Freunde. Die sind total dumm!” Aha. Also doch. “Ich will Hanni und Nanni hören!” Und während der Faustkampf in vollem Gange ist, überlege ich angestrengt wie ich Hanni und Nanni vermeiden kann. Hanni und fucking Nanni. Warum werden die eigentlich nicht ständig entführt? Und dann von ihren Mitschülerinnen ausdauernd gefoltert? Diese Mischung aus „Best Friends For Life“ und STASI-Spitzel beflügelt meine dunklen Gewaltphantasien.

Am Ende kommt Emil und beendet jede Diskussion mit einem “Kann ich Feuerwehmann Sam gucken?”. Und während wir alle noch in stillem Entzücken über den kleinen, blonden Jungen mit dem drolligen Lispeln sind, stellt der sich an den Rechner, startet Youtube und sucht die Folge mit dem Hubschrauber. Wir sind ganz offensichtlich weder ordentliche Intellektuelle noch anständige Medienveganer.

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Medienveganismus

7 Gedanken zu “Medienveganismus

  1. „Vermutlich eine Mischung aus Apfelsaft, Pipi und Schokolade. „… das scheint eine typische Kinderfingermischung zu sein 😂
    Ich empfehle euch die Anschaffung eines Tablets. Euer Ruf ist nun eh im Eimer und da hat man viel schneller drübergewischt als mit einem Wartestäbchen und Babyöl 😉
    Ich habe mich wieder mal herrlich amüsiert und freue mich immer sehr, Neues von euch zu lesen. Und auf die Zeit, wo meine Tochter Hanny und Nanny hören möchte, freue ich mich schon sehr. Denn Benjamin Blümchens „Törööö“ löst mittlerweile Aggressionen in mir aus…

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  2. Oh Schreck! Nur noch maximal 364 Tage bis auch meine ältere Tochter herausgefunden haben wird, dass Kinder YouTube und OnDemandSerien selbst aussuchen dürfen und starten können!? Ahhhhh!!!
    „[…]Hanni und f***ing Nanni[…]“ – ich kann gar nicht aufhören zu grinsen 😉 Danke!
    Mein Grinsen wird sich wohl erst dann wieder legen, wenn ich herausfinde, dass man Conni nicht nur lesen, sondern auch schon als Filmchen gucken kann…

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    1. Können? Ja. Dürfen? Das ist eine Frage Deines Verhandlungsgeschicks. Aber ich gebe zu, man hat dauerhaft kaum eine Chance.

      Bei Conni finde ich die Titellieder der Hörspiele das Schlimmste, beide Versionen („Conni, Conni, meine Freundin Conni“ und die andere mit dem Frage-und-Antwort-Gedöns). Die Geschichten selbst kann man weitgehend ausblenden.

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  3. Gerrit schreibt:

    Mein Lieblingszitat dazu von der dreijährigen Tochter: „XBOX Pause – ich muss mal pinkeln!“ in der Hoffnung, dass die Sprachsteuerung auch bei ihr funktioniert, um auf Netflix, Amazon Video oder war es Youtube?!? eine ihrer „ABSOLUTEN“ Lieblingsserie anzuhalten…^^

    Gefällt 1 Person

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