Qualvoll

Es ist Montag. Ich stehe an der Bushaltestelle. Hier verklappen jeden morgen Eltern ihre Kinder in den “Ernst des Lebens”. Und ich verstehe nicht, warum alle Welt den Montag verteufelt?! Der Montag ist ein ganz wunderbarer Wochentag. Das Wochenende ist vorbei und die Brut strebt endlich wieder aus dem Haus.

An der Haltestelle stehen lauter Eltern, die den Montag für eine Frechheit halten und sich nun gegenseitig Geschichten von kindlichen Heldentaten erzählen: “Lina-Sophie war so süß und hat am Wochenende den Tisch gedeckt. Ich musste nicht mal was sagen!”
“Ach wirklich? Das ist ja lieb von der Lina-Sophie! Unser Till hat am Samstag den Schuppen aufgeräumt. Ganz von alleine.” Beide seufzen wehmütig. Lina-Sophie und Till sind wirklich zwei ganz außergewöhnliche Kinder. Folgsam. Freundlich. Und ganz und gar tugendhaft. Ich habe nichts zu sagen, halte meinen Mund und lächle bewundernd, während Emil mit seinem neuen Lieblingsstock konzentriert auf ein nahegelegenes Gebüsch einprügelt.

Ich erinnere mich dunkel. Vor nicht einmal 24 Stunden haben wir zur Kernwaffe der Erziehung greifen müssen. Der pädagogische Meltdown. Der didaktische Supergau. Nachdem wir das gesamte Waffenarsenal elterlicher Erziehungsgewalt entleert hatten (Taschengeldentzug, Hausarrest und die Annullierung von Weihnachten und sämtlicher Geburtstage bis zur Volljährigkeit), war dieser letzte goldene Blattschuss in die Kinderherzen der letzte Ausweg: “Wir gehen jetzt spazieren und ihr kommt ALLE mit!” Heulen und zähneknirschen. Lotte wälzt sich vor Verzweiflung am Boden. Marie wirft mit einem “ihr seid bescheuerte Eltern!” nach uns. Ida versucht sich leise davonzuschleichen und Emil steht vor mir und winselt mit tränenerstickter Stimme um Gnade. “Alles. Nur das nicht!” Geschlossen wollen die Geschwister wieder in Vermittlungsgespräche einsteigen. Man gelobt feierlich die Einstellung aller Faustkampfhandlungen, bei gleichzeitiger Wiederherstellung von Ordnung in den Herkunftszimmern. Aber es ist zu spät! “Ihr kommt mit!”, lächelt mir Turnvater Jahn sadonisch aus dem Gesicht.

Nicht einmal zweieinhalb Stunden später stehen wir alle vor dem Haus. Erst die Androhung auch noch den Trimm-Dich-Pfad mit ins Spazier-Programm aufzunehmen, hat unserer anachronistisch-erzieherischen Maßnahme zum Durchbruch verholfen. Die Gesichter der Kinder leuchten nun hell vor Freude. Ganz aufgeregt scharren sie mit den Hufen und können es kaum erwarten, endlich zu unserem 20 minütigen Gewaltmarsch aufzubrechen.

Aber bereits die gefühlten 10 Meter bis zum Waldrand entpuppen sich als schwierig. Zu dem lauten Wehklagen über die Ungerechtigkeit der Welt, gesellt sich nun auch noch das demonstrativ gelangweilte Schlurfen der aufsässigen Kinder. “Vielleicht sollten wir ihnen noch Geißeln in die kleinen Hände drücken?”, schlägt Helena vor, “um das Bild rund zu machen?!” Canossa muss ganz in der Nähe sein. Gemeinsam entwickeln wir diesen Gedanken noch ein wenig weiter. „Pie jesu domine, dona eis requiem“ Wir Lachen laut und gehässig, um unseren Kindern zu verdeutlichen, wie wenig uns ihr Verhalten anficht. Wir machen uns etwas vor. Diese Kinder wissen es ganz genau: Sie nagen an unseren Nerven. Es ist kein Spaziergang. Es ist eine Machtprobe. “Frisch, fromm, fröhlich, frei!”. Einen Scheiß hat Turnvater Jahn gewusst.

Meine Motivationsfähigkeiten sind jetzt gefragt. “Hey ihr lieben Kinderlein. Lust auf Geocaching?”, brülle ich den Gören voller Enthusiasmus in die übellaunigen Gesichter und zücke mein Smartphone. “Papa, Geocaching is’ voll öde!” Sie haben recht. Geocaching ist voll öde. Ich hatte gehofft, sie wüßten das noch nicht. Aber irgendwo aus dem Nirgendwo grapscht Ida nach dem Smartphone. “Ok. Gib her!”. Zack. Weg ist sie.

Nörgelnd zockelt der Rest weiter. Einzig Emil hat sich mit seinem Schicksal arrangiert. Er hat einen Stock gefunden. Ein schönes robustes Exemplar aus Vollholz. Gute deutsche Eiche. Ich bin froh darüber. Emil schwingt den Knüppel behende in Gesäßhöhe. Er verpasst seinen Schwestern die Tracht Prügel, die ich mir für die beiden sehnlichst gewünscht habe. Emil ist meine Exekutivmacht. Mein eigener Frank Castle. Ohne den Totenkopf auf der Brust.

Als sich die zerschundenen Geschwister bei uns beschweren, täuschen wir Hörstürze vor und gestikulieren orientierungslos in der Gegend herum. Sie nannten uns „bescheuert“. Sie bekommen bescheuert. Auf dem Rückweg treffen wir Ida auf einer Bank am Wegesrand. Sie spielt Candy Crush auf meinem Handy. Als ich sie rüge zuckt sie nur mit den Schultern und erklärt mir das Geocaching doch ziemlich öde wäre.

Ich stehe also an der Bushaltestelle und will gerade kleine Notlügen über unsere wahnsinnig süßen Kinder und unser grandioses Wochenende verbreiten, als Schul- und Kindergartenbusse vorfahren. Erstaunlich schnell schubsen die Mütter und Väter ihre Lina-Sophies und Tills in die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Türen schließen sich hydraulisch zischend hinter unseren hochbegabten, hypersensiblen und hyperkinetischen Kindern. Als der Bus außer Sichtweite ist, atmen alle hörbar auf und ziehen beschwingten Schrittes von dannen. Es ist Montag und wir alle benötigen exakt fünf Tage, um Kraft für das nächste Wochenende zu tanken.

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