Bundesjugendspiele I

Alle sind sie gekommen. Obwohl keiner wollte. Ich stehe in einem kleinen Fußballstadion, um Riege 7 während dieses sportlichen Großereignisses zu betreuen. Ich beaufsichtige an diesem Tag 13 Mädchen, die es kaum erwarten können, sich sportlich miteinander zu messen. Auch meine Tochter befindet sich unter den zukünftigen Olympionikinnen. Sie findet es großartig, dass ihr Vater heute dabei ist und hat mir das auch mehrmals mit Augenrollen und strafenden Blicken zu verstehen gegeben.

Mit den Worten “Hier! Sie sind der Schriftführer!”, hat ein älterer Sportlehrer in Ballonseide mir ein Klemmbrett in die Hand gedrückt und ist dann enthusiastisch davongejoggt. Ich bin also der Schriftführer. Schön. Willkommen im Jahre 1940. Willkommen zu den Reichsjugendwettkämpfen.

Unser erster Durchlauf beginnt erst in einer Stunde. Also setzen wir uns auf die Holztribüne und frühstücken erstmal. Nochmal. Die Eltern der Mädchen haben ganz offensichtlich den kleinen Ernährungsratgeber (“Mein Leben mit Obst!”), der Wochen vorher in der Schule verteilt worden war, nicht gelesen und den Athleten-Nachwuchs mit reichlich Milchschnitten, Knoppers und süßen Kaltgetränken versorgt. Nach 5 Minuten haben 13 Mädchen 25.000 tote Kalorien vernichtet und sind auf der Suche nach mehr. Der kleine Kiosk mit einem reichhaltigen Angebot an Sportler-Nahrung ist gleich um die Ecke und am Rand des Sportplatzes verkaufen Oberstufenschüler/innen selbstgemachte Waffeln mit Sahne. Die letzten 30 Minuten Wartezeit verkürzen wir also mit Snickers und fettigem Gebäck. Als endlich die Durchsage “Riege 7! Zum Schlagballweitwurf, bitte!” kommt, sind in erster Linie unsere Mägen zum Reißen gespannt.

Ich treibe die Träge Mädchenmasse zur Weitwurfstation. Jede Station wird von jeweils zwei Oberstufenschülern aus dem Sportleistungskurs betreut. Alle heißen Hanni und Nanni und sind damit beschäftigt ihre Astralkörper in das richtige Snapchat-Licht zu rücken. Das Stöhnen der prallbäuchigen Riege 7 erinnert Hanni und Nanni an ihren Bildungsauftrag. Sie weisen die Mädchen kurz in die Kunst des Schlagballweitwurfs ein (“…so weit wie möglich…”) und treten dann mit einem motivierenden “Hau einen raus, Alter!” hinter den Wurfring zurück. Michelle ist die Erste. Ein kleiner Ehrgeizling ohne jedes sportliche Talent. Sie hämmert den Ball 20 Zentimeter vor sich auf den Boden, schaut bestürzt in den kleinen Krater zu ihren Füßen und ergreift dann theatralisch schluchzend die Flucht. Eine der sieben Laras aus unserer Riege ist die Nächste. Lara feuert den 300 g schweren Lederball ungelenk aus dem Sektor heraus. Das Sportgerät trifft die Schriftführerin von Riege 3 am Kopf. Riege 3 wirkt erleichtert. Hanni schlurft sportlich davon, um erste Hilfe zu leisten. “Guter Wurf. Kann ich aber nicht werten”, kommentiert Nanni lakonisch.

Irgendwann ist auch Lotte an der Reihe und schleudert den Ball lustlos ins dichte Leistungs-Mittelfeld. Ich sage nichts dazu. Lotte trägt ihr Desinteresse mit großem Aufwand zur Schau. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Auto. „Papa. Wie lange muss ich noch zur Schule gehen, wenn ich Kassiererin im REWE werden will?“ Meine Tochter. Vom Ehrgeiz zerfressen.

Mit durchwachsenen Ergebnissen im Gepäck pilgern wir zur nächsten Station. Weithüpfen. Von Weitsprung kann hier keine Rede sein. Die Technik ist einfach und wird von den meisten Mädchen perfekt beherrscht. Ein langer Sprint bis zum Balken. Kurz davor eine scharfe Bremsung und dann ein schwungloser, beidfüßiger Hüpfer in den Sandkasten. Hanni und Nanni schätzen grob die Weiten und geben sie dann an mich weiter. Der Schriftführer führt fleißig Schrift. Ein paar schluchzende Mädchen später, sind wir auch mit dieser Leibesübung fertig. Pause. Erstmal was essen. Die restlichen Schokoriegel werden verschlungen und der Waffelstand der zukünftigen Lehramtstudentinnen funktioniert so gut, dass sich die Ersten wahrscheinlich fragen, ob das hier eine Marktlücke sein könnte, die vielleicht doch ein BWL-Studium rechtfertigt.

Mir fällt auf, dass die meisten Athletinnen sich gar nicht mehr als solche verkleiden müssen. Das liegt wahrscheinlich in erster Linie daran, dass die Jogginghose wieder ein gesellschaftlich akzeptiertes Kleidungsstück ist. Mich irritieren lediglich die palliettenbestickten Motto-Shirts. „Lovely Devil“, „Sexy Beast“, „Rockstar Bitch“. Die Mädels sind 12 Jahre alt. Ich bin hochbejahrt, konservativ und halte das für dämlich bis bedenklich. Vor der weiteren T-Shirt-Lektüre rettet mich der Aufruf zur Königsdisziplin dieser anachronistischen Sportveranstaltung: Der 50 Meter Sprint. Riege 7 hat Probleme mit der Handhabung der Startblöcke. Keines der Mädchen hat diese Geräte jemals zuvor gesehen, geschweige denn benutzt. Hanni und Nanni erklären nur dürftig und so stehen Sekunden später 8 kugelrunde, glitzernde, joggingbehoste Mädchen auf Zehenspitzen in den Startlöchern, weil sie nicht verstanden haben, dass der Start aus einer Hockposition erfolgt. Mit minimalem Aufwand reiht sich Lotte auch in dieser Disziplin ins Mittelfeld ein.

Der Wettkampf endet hier. Wer möchte, darf sich noch zum 800 Meter Lauf einschreiben. Lotte will nicht. Von irgendwoher kommt eine strahlende Sportlehrerin, reißt mir das Klemmbrett aus den Händen und entbindet mich huldvoll von meinen Führer-Pflichten. Das dicke Ende aber kommt später. Denn nach den 800 Metern steht das Fußballspiel der Lehrer-Mannschaft gegen die Hannis und Nannis auf dem Programm. Aber das ist eine andere Geschichte…

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Bundesjugendspiele I

12 Gedanken zu “Bundesjugendspiele I

  1. es hat sich in den jahren nichts geändert. ich habe noch sehr gute – also eher schlechte – erinnerungen an die jährlichen bundesjugendspiele. nicht einmal konnte ich eine urkunde ergattern. bei uns gab es nämlich noch keine looser-mitmachurkunden zu motivationszwecken. entweder man hatte genug punkte oder eben nicht.

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    1. Also, ich habe dreimal (!) knapp eine einfache Siegerurkunde geschafft. Leider (v.a. in Hinblick auf die Bundesjugendspiele) habe ich im Dezember Geburtstag, und Mitschüler, die nur ein paar Wochen jünger waren als ich, haben für dieselben Leistungen mehr Punkte gekriegt. Wäre ich ein paar Wochen später geboren, im Januar, hätte es mit demselben Aufwand möglicherweise für die eine oder andere Ehrenurkunden gereicht, das weiß ich so genau nicht mehr.

      Ich finde das ganze Konzept dieser Spiele und v.a. der Bewertung ziemlich absurd. Motivationstechnisch eine Katastrophe – außer denen, die eh schon gut und sportlich halbwegs interessiert sind, hat niemand was davon, und die weniger guten werden vorgeführt und demotiviert.

      Aber mit dem Sportunterricht in deutschen Schulen ist das sowieso so eine Sache, da sollte mal jemand mit Ahnung von Didaktik beigehen und halbwegs sinnvolle Konzepte entwickeln, damit der Schulsport nicht mehr einfach eine Selbstbeweihräucherungsveranstaltung für die Sportfreaks ist, auf der die übrigen in unterschiedlichem Maß vorgeführt, lächerlich gemacht oder gedemütigt werden und dadurch jede Motivation ausgetrieben bekommen. Schade um die Zeit, schade um die seelischen Kratzer, die man Kindern dort unnötigerweise beibringt.

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  2. lernbegleiterin schreibt:

    Herrlich! Dieser Beitrag kommt auf meinen „Leute, wollen wir uns das wirklich antun?“ – Stapel. Berlin hat nämlich – ich fürchte in geistiger Umnachtung – im ab 2017 in Kraft tretenden Rahmenlehrplan Sport die Bundesjugendspiele wieder eingeführt. Und ich muss mein Sportlehrerkollegium nun überzeugen, dass das obsoleter Quatsch ist, sportpädagogisch von übervorgestern und organisatorisch, offensichtlich eher mit einer Genussmittelmesse zu vergleichen als mit einem Sportereignis. Vielen Dank für den erfrischenden Beitrag!
    Und: Lotte wird später mal auf Parties ihre „Boykottaktionen“ anlässlich der Reichs-äh, Bundesjugendspiele zum besten geben.

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    1. Zum Wohle der Kindheit… entwickelt ein anderes Format. Bitte. Kommende Generationen werden es euch/Dir danken! (Wenn dieser Text dazu beiträgt junge Berlinerinnen zu retten, dann habe ich mehr damit erreicht als ich mir jemals erträumt habe ;)) Und sollten die Kollegen das trotzdem durchziehen wollen, dann kauft euch schon mal neue Ordner für all die Sehnenscheidenentzündungsatteste, mit denen man euch überhäufen wird. Ich wünsche Dir noch einen unsportlichen Sonntag 😉

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  3. lareine schreibt:

    Ich schmeiß mich gerade weg!

    Ich war dieses Jahr Riegenführerin – zum ersten (und vermutlich letzten) Mal. Meine Wahrnehmungen dieses Sportevents sind deckungsgleich mit Deinen:

    Müde Kinder voller Knoppers wuchten, stolpern, keuchen, hopsen durch Sand und Asche. Am Ende bekommen fast alle eine demotivierende Loser-Urkunde, die sich den Anschein gibt, eine Anerkennung zu sein, was jedoch alle Kinder als Fake enttarnen.

    Und auch bei mir waren die Shirts ein Kracher: Ein Mädchen, das deutlich sichtbar nicht nur am Tag des Ertüchtigungs-Wettkampfes massig Knoppers gegessen hatte, sondern diese als Teil der Grundnahrung zu verzehren scheint, trug ein Shirt mit: „All eyes on me!“ während sie versucht, sich das enge Shirt über das Bäuchlein zu zuppeln und sich somit vor den Blicken der restlichen Sportbegeisterten zu verstecken.
    Auch gab es „Cute as hell“ und „Sexy Girl Scout“ …

    Es war insgesamt etwas, das als psychologische Reinszenierung der eigenen Erlebnisse bei den Bundesjugendspielen („Sportfest! das heißt jetzt Sportfest, weil es etwas ganz Anderes geworden ist!!“), latentes Unbehagen in mir auslöste: Daran, wie ich mit meinen klapperigen Storchenbeinchen der Grundschulzeit tapsig und staubig im Sandkasten landete und mal wieder kaum weiter gehüpft war, als eine Hand breit.

    Damals gab es keine Waffeln, keine Knoppers und keine Limo. Es waren die 80er – das Bootcamp aller Kindheiten …

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  4. Herrlich! 🙂 Beziehungsweise unherrlich. Ich war dieses Jahr auch zum ersten Mal als Erwachsener dabei und dachte mir die ganze Zeit: wozu in Gottes Namen ist es wichtig, ob ein Kind nun 2,80 oder 3,50 m springt. Und dann so demütigende Regeln, wie: wenn man „übertritt“, darf man NICHT nochmal springen! Ja, ja, ich hör schön manchen sagen: so ist es manchmal auch im Leben, das müssen Kinder lernen. Was für eine Sch… Wenn das Leben wirklich so ist, dann lernen Kinder es da -im Leben. Bestimmt nicht bei den Bundesjugendspielen!! Anna von http://www.kinderwaerts.de

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