Sprachlos

Wir besuchen Lotte im Kinder-Krankenhaus. Sie ist jetzt mit ohne Blinddarm und ihre Geschwister wollen die Wunde sehen. Wir nehmen die Treppen. Im dritten Stock ist Lotte untergebracht. Wir müssen also an zwei Stationen vorbei, bevor wir auf der Chirurgie ankommen.

Marie und Ida haben den Aufzug gesehen. Sie verstehen nicht, dass irgendwer auf der Welt lieber Treppen steigt, als Aufzug zu fahren. Auf der Treppe machen sie ihrem Unmut immer wieder Luft. Ich sage, dass ihnen ein bißchen Bewegung jetzt gut tut. Immerhin hätten sie gerade 40 Minuten lang nur im Auto rumgesessen. “Wir haben nicht rumgesessen. Wir haben gezankt!”, korrigiert mich Ida. Ich erinnere mich deutlich. Trotzdem bin ich nicht bereit, Streit als körperliche Ertüchtigung zu werten und scheuche die unwilligen Kinder vor mir her. Nur Emil ist völlig mit sich und der Situation im Reinen. Er hat seinen Spielzeug-Hubschrauber dabei. Es ist ein Feuerwehr-Hubschrauber. Mit nervigem Motorengeräuschen, Blaulicht und drehenden Rotorblättern. Emil schleppt das Ding seit einem Jahr durch sein Leben. Jetzt fliegt er damit die Treppen hoch.

Wir kommen an der Kinderherz-Station vorbei. Im Flur steht ein Mädchen mit seinen müden Eltern. Vielleicht ist sie 7 Jahre alt. Vielleicht auch 12. Schwer zu sagen in dieser Umgebung. Es wird geflüstert. “Bald… noch nicht… aber dann… Urlaub… vielleicht”. Gähnen. Aus dem zu großen Unterhemd des zu kleinen Mädchens wächst eine Narbe. Rot und riesig kriecht sie über ihr Brustbein. Sie ist so groß, dass sie fast unecht wirkt. Wie eine dieser Narben, die man in der Karnevals-Saison im Zombie-Kostüm-Set bei Aldi kaufen kann. Aber Karneval ist weit weg. Ida hat die Narbe auch gesehen. Und steht da. Festgewurzelt. Fasziniert. Wir starren zusammen. Bis die Eltern unsere Blicke auf ihrem Kind spüren und sich zu uns umdrehen. Ich werde rot, räuspere mich und schubse Ida weiter die Treppe hinauf.

Auf der zweiten Etage ist die Onkologie. Die Glastür zur Station ist geschlossen. Dahinter ist es dunkel. Den Kindern fällt das nicht auf. Es ist nur eine geschlossene Tür in einem riesigen Krankenhaus. Das Drahtglas in den schweren Metalltüren ist mit bunten Fensterbildern verziert. Vermutlich von Kinderhänden gemacht. Und weil das Licht dahinter fehlt, leuchten sie nicht. Sie schimmern bräunlich.

Der Hubschrauber ist auf der dritten Etage angekommen. Die Kinder stehen schwer keuchend vor dem Eingang zur Chirurgie. Als wir zusammen eintreten sitzt dahinter ein Junge in seinem Rollstuhl. Von seinem Kinn tropft Speichel und um seinen Kopf trägt er einen Metallring, der mit Schrauben in seinem Schädel verankert wurde. Jetzt stehen wir alle da und wissen nicht was zu tun ist. Meine Töchter sind sprachlos. Ich bin es auch. Der Junge schaut uns durch dicke Brillengläser an. Er spricht undeutlich. “Was ist das?”, er zeigt auf den Hubschrauber in Emils Hand. “Das ist Tom. Er fliegt zum Einsatz.”, klärt Emil auf. “Wer bist du?”. Die Antwort des Jungen versteht keiner. Er könnte Alexander oder Andreas heißen. Emil ist es egal. Alexander-Andreas auch. “Kann ich den haben?”, fragt er. Emil reicht ihm sein Lieblingsspielzeug. “So geht der an!”. Das nervige Motorengeräusch freut beide Jungs und weil das Licht auch auf Station 3 nicht besonders hell ist, blinkt das Blaulicht klar. Sie fliegen ein bißchen in der Gegend herum. “Du musst die Spucke runterschlucken!”, weist Emil Alexander-Andreas an. Emil kennt das. “So musst du das machen!”. Er demonstriert, schluckt seinen Speichel und wischt sich mit dem Ärmel das Kinn ab. Sein Gegenüber tut es ihm gleich. Es klappt nicht, aber die beiden sind zufrieden. Sie grunzen sich zu.

Ein paar Minuten später besuchen wir Lotte. Es geht ihr gut. Sie meckert. Kinder die meckern, werden wieder gesund. Auf dem Rückweg ist es still im Auto. Ida und Marie zanken nicht. Sie schauen aus ihren Fenstern. Ich will nichts zerreden. Ich wüßte auch nicht was. Wir sind sprachlos und ich halte das für gesund. Lediglich Emils Hubschrauber ist nervig und blinkt.

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