Kreisheimattag

Vor der kleinen Sparkassen-Bühne mit der Aufschrift “Kulturförderung in der Region” stehen hüfthohe Absperrgitter aus deutschem Stahl. Vor den Absperrgittern stehen deutsche Bierbänke. Auf den Bierbänken sitzen Deutsche Mittfünfziger. Warum die Gitter vor der Bühne stehen weiß niemand. Wahrscheinlich Festival-Deko. Auf der Bühne spielt das letzte Jugendblasorchester der Welt und die Gefahr, dass ein ekstatisches Fangirl auf die Bühne springt, um sich vor einem Trompeter laut kreischend die Klamotten vom Leib zu reißen, scheint eher gering.

Langsam rottet sich jetzt auch eine Herde Eltern vor der Bühne zusammen. Der nächste Act ist nämlich die Bläserklasse 6 der Schule meiner Tochter. Bläserklasse. Notenständer. Innerlich muss ich darüber immer wieder kichern. Idiot. Aber noch spielt das aussterbende Jugendblasorchester tapfer gegen den nahenden Tod. Ein Phil Collins Medley. “Sussudio”. Die Hörer von Endlosschleifen-Radiosendern kommen hier voll auf ihre Kosten. Für mich ist Phil Collins im Auto immer ein guter Grund laut schreiend die Fassung zu verlieren, das Radio aus der Konsole zu reißen und die Musikredakteure der deutschen Radiolandschaft zu verfluchen. “In the air tonight”. Neben mir wippen ein paar Eltern in Teva-Sandalen auf und ab. Es wird noch dauern bis Lotte und ihre Bläserklassenkamerad/innen zu ihren großen Momenten kommen. “Another day in paradise”.

Ich beschließe mich umzuschauen. Auf den gesperrten Straßen drängeln sich Fressbuden an begeisterten Menschen vorbei. Irgendwo werden iPads verschenkt und der Lions-Club promotet sein neues Bildungsprogramm für das örtliche Gymnasium. Ein gequält freundlich dreinschauender Antroposoph in schicker Uniform erklärt den wenig Interessierten, wie auch sie zu Förderern der Elitenbildung werden können. Es geht um Geld. Natürlich. “Nehmen sie an unserem Quiz teil. Für jede richtige Antwort Spenden unsere Mitglieder Geld. Wenn wir am Ende des Tages die Mittel noch nicht zusammen haben, dann werden unsere Mitglieder den Differenzbetrag spenden.” Das Loch in der Logik dieses Spielsystems ist das Spiel selbst. Es ist sinnlos. Ich mag das. Offensichtlich Sinnloses ist selten. Ich spiele eine Runde und beantworte jede lokalkolorierte Frage falsch. Der Löwe im Sakko lächelt mitleidig und muntert mich mit einem “ist ja egal” auf. Das stimmt. Es ist egal. Ich brauche noch etwas zu essen, bevor ich mich durch das bunte Portfolio ausgesuchter blasmusikalischer Hochgenüsse sitze.

Direkt neben der Bühne steht die mobile Backfischbude. Da wird frittiert. Da will ich hin. Die Schlange ist lang. Phil Collins macht hungrig. Ich sehe die ersten Backfischopfer an mir vorüberziehen. Sie sehen glücklich aber verzweifelt aus. Der Backfisch ist eher ein Backwal. Ein in Fett gesottenes Ungetüm, dass in einem winzig wirkenden Brötchen über die Theke gereicht wird. Völlig überforderte Hände versuchen heiß triefendes Fischfleisch in den Griff zu bekommen. Die ganz Mutigen wollen auch die Knoblauchsoße. Benutzerfreundliches snacken sieht anders aus. Vor dem Trailer spielen sich epische Kampfszenen ab. Der Backfisch ist auch im Tode noch ein wehrhaftes Tier. Mensch gegen Natur. Von der Bühne blasen die Sterbenden “One More Night”, während Menschen verzweifelt mit panierten Meeressäugern ringen. Ich entscheide mich spontan für den Hunger, verlasse die Schlange und gehe auf Platzsuche. Den einzigen freien Platz finde ich auf der Kinderbank direkt vor der Bühne. Die Kinder halten Eis in den Händen. Eis gehört zu den Süßigkeiten, die für unter siebenjährige gesetzlich verboten sein sollten. Besonders wenn diese kurzbeinigen Kinder zappelnd um Gleichgewicht auf Bierbänken ringen und nach Halt greifen. Ich werde stehen. Sie werden fallen.

Die Eltern werden unruhig und auch das Jugendblasorchester spürt die gereizte Stimmung im Publikum. Bevor die ersten Buhrufe erklingen, hat der Orchesterleiter ein Einsehen und beendet den Auftritt. Die älteren Herren des Jugendblasorchesters verlassen die Bühne, um ihren Tod an einem der Bierpilze zu betrauern. Die Zukunft stürmt die Bühne und als alle endlich ihre Instrumente zusammengebaut und Stellung bezogen haben, ist das Ergebnis erstaunlich hörbar. Ich habe mit einer akustischen Katastrophe gerechnet. Sie bleibt aus. Die Eltern sind begeistert. Wir stehen und spenden tosenden Applaus. Die zu Tränen gerührte Großelternfraktion fordert rhythmisch klatschend eine Zugabe. Das ist dann auch übertrieben. Die ersten lampenfiebrigen Kinder haben in aller Eile ihre Instrumente entspeichelt und sind geflohen. Als der Musiklehrer sich zu seinen Schülern umdreht sieht er viele leere Plätze. Dort wo eben noch Kinder saßen sind jetzt nur noch kleine Pfützen. Verpufft. Mit einem Achselzucken fingert der erfahrene Lehrer seine Trumpfkarte aus dem Notenstapel. “Phil Collins for kids”.

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