Vater

“Ich will ihn nicht sehen!”. Vor zwei Stunden wollte ich noch. Jetzt nicht mehr. Ich bin sieben Jahre alt und mein Vater will mich Kennenlernen. Als er kommt liege ich auf der Couch und tue so, als würde ich schlafen. Mit dem Gesicht zur Wand. Ich höre die Klingel. Höre seine Schritte. Spüre seine Blicke in meinem Rücken. Er verlässt das Zimmer wieder. Ich höre wie er mit meiner Mutter leise in der Küche streitet. “Wenn er nicht will, dann…”. Nein! Der Junge stellt sich bloß an. Es ist sein Recht und er fordert es ein. Meine Mutter hat erstmals Unterhaltszahlungen eingeklagt. Mein Vater im Gegenzug erstmals sein Besuchsrecht. So läuft das.

Ich habe Bilder von ihm gesehen. Es gibt nicht viele. Auf einigen sehen wir aus wie eine richtige Familie. Meine Eltern lächeln. Halten sich im Arm. Aber da es ist schon vorbei.

Ich sitze jetzt auf der Couch und höre sie reden. Ich starre auf das riesige Bild über dem improvisierten Wohnzimmerschrank. Das politische Manifest von Marx und Engels. Schriftgröße 4. Die Buchstaben so eingefärbt, dass die Gesichter der beiden Theoretiker aus dem Text hervortreten. Sie beobachten mich. “Ein Gespenst geht um…”. Irgendwann stehe ich auf und gehe in die Küche. Mein Vater sieht aus, wie auf den Bildern. Vollbart. Brille. Schmal. Groß. Er steht schon jetzt leicht gekrümmt. Er hat eine rheumatische Erkrankung, die sein Rückgrat langsam verbiegt. Das fällt mir auf, aber es ist nicht wichtig. Nicht jetzt. Viel später erfahre ich, dass ich dieselbe genetische Disposition habe. Der Apfel fällt nicht weit vom krummen Stamm.

Sie drehen sich beide zu mir um. Mein Vater hat keine Ahnung was er mit mir anfangen soll. “Was wollen wir machen?” Ich will schwimmen gehen. Im Agrippabad mit dem 10 Meter Turm. Ich will da hinaufklettern. Hinunterschauen. Mich gruseln und mit weichen Knien wieder herunterklettern. Wir gehen nicht schwimmen. “Ich habe keine Schwimmsachen dabei”, sagt er. Wir fahren mit der Bahn zu seiner Wohnung. Von der U-Bahn sind es noch ein paar Meter. Ich schlurfe neben ihm her. “Heb’ doch die Füße beim Laufen. Du machst deine Schuhe kaputt.” Der Fremde Mann ist mein Vater und ich hebe die Füße gehorsam.

In seiner Wohnung ist alles neu und modern. Auf dem dunklen Holzboden in seinem Arbeitszimmer stapeln sich Bücher. Der Schreibtisch beeindruckt mich. Ich habe noch nie so einen großen Schreibtisch gesehen. Durch die schwarzlackierte Platte wachsen vier rote Tischbeine in unterschiedliche Höhen. “Den habe ich selbst gebaut. Wenn du willst, dann bauen wir dir zusammen einen Tisch.” Ich will das. Mein Tisch ist zu klein. Ich mache Hausaufgaben an einem Kindertisch. Und ich bin doch kein Kind mehr.

14 Tage später hat er wieder das recht mich zu sehen und wir fahren gemeinsam in seine Wohnung. Im Keller stehen zwei alte Holzböcke. Mein Vater hat zwei Lackfarben besorgt. Gelb und Blau. Ich wollte auch schwarz und rot, aber gelb und blau sind in Ordnung. Ich will nicht meckern. Wir lackieren die Böcke gelb. Es ist ein guter Tag. Wir atmen beide muffige Kellerluft und giftige Lackdämpfe. Zur Tischplatte kommen wir nicht mehr. “Die machen wir das nächste Mal.”

Nochmal 2 Wochen später. Ich habe alte Klamotten an. Die dürfen gelb werden. Oder blau. In seiner Wohnung erklärt mir mein Vater, dass wir nie Böcke gestrichen haben. Einen Schreibtisch? Es gibt keinen Schreibtisch. Ich bin verwirrt, widerspreche aber nur kurz. Wir schauen uns zusammen ein paar alte Bilder der Stadt Köln an. Radierungen und Tuschezeichnungen. Wir schweigen die meiste Zeit. Ich versuche, interessiert zu wirken. Vermutlich gelingt mir das nicht richtig. Als wir uns das nächste mal sehen, habe ich Geburtstag. Mein Vater schenkt mir einen Globus und ein Buch über amerikanische Architektur. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich mag Comics. Wir leben in verschiedenen Welten. Es ist unser letztes Treffen. Auf sein Recht, mich zu besuchen, verzichtet der Fremde in Zukunft.

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