Kindheit II

Wir wohnen direkt gegenüber vom Schokoladenmuseum. Es ist eine heruntergekommene Gegend. Damals. Das Rotlichtviertel ist um die Ecke und meine Mutter wird mehr als einmal von Männern mit Bedürfnissen angesprochen. Auf dem Schulweg laufe ich an mindestens 3 Sexkinos und 4 Zubehörshops für Lederschwule vorbei. Das ist Köln. Und es ist nichts besonderes.

Wir wohnen ganz oben. Dritter Stock. In einer Wohnung, die heute niemand mehr bezahlen könnte. Die Decken sind drei Meter hoch, die Zimmer riesig und alle miteinander verbunden. Die wenigen Wände wurden hastig eingezogen, um schnell vermieten zu können. Wenn ich zur Tür hereinkomme, dann stehe ich direkt in der Küche. Einen Flur gibt es nicht. Die Wohnung zu heizen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der kleine Werkstattofen in der Ecke des Wohnzimmers ist eher Deko als wirksame Waffe im Kampf gegen Kälte. Dafür kann ich dort mit Freunden bequem Fussball spielen. 3 gegen 3 auf zwei Sperrmüll-Couchen. Nur wenn wir den Trockenblumenstrauß vom kleinen Holztisch schießen, wird meine Mutter sauer. Statt das Ding einfach wegzustellen, sauge ich lieber drei Mal im Verlauf eines Spiels. Clever. Wenn der Rhein Hochwasser führt, dann rudern wir zur Haustür hinaus und laufen über Holzstege zum Bäcker. Oder zur Schule. Aber lieber zum Bäcker. Dort huschen zwar Schaben über die Theke, aber die Brötchen sind der Wahnsinn. Röggelchen. Fast schwarz gebacken. Es gibt sie nur in Köln und ich lieben sie.

In meinem Zimmer hängen ein Seil und eine Strickleiter von der Decke. Der provisorische Holzboden ist störrisch und beißt splitternd nach nackten Füßen. Wenn ich nachts aus dem Fenster schaue, sehe ich den Dom. In der Dunkelheit wird er angestrahlt. Dann ist er grün. Einige sagen er leuchtet grün, weil er voll ist mit Taubenscheiße. Mir ist das egal. Ich schaue ihn gerne an. Und wenn Scheiße grün leuchtet, dann ist es mir recht.

Ich bin ein ängstliches Kind. Habe die Decke immer über die Ohren gezogen. Im Sommer schwitze ich lieber als meinen Kopf frei im Bett herumliegen zu lassen. Nur meine Nase schaut dann noch unter der Decke hervor. Es ist unangenehm, aber es mir lieber als von Freddy Krueger heimgesucht und zerschnibbelt zu werden. In der Schule unterhalten sich die Jungs über Horrorfilme. Wer “A Nightmare on Elm Street” gesehen hat ist ein Held. Ich bin keiner. Ich bin eher das Gegenteil. Schon die Schilderungen der Szenen reichen, um mir schlaflose Nächte zu bescheren. Als ich mit meiner Mutter zum x-ten Mal “Flußfahrt mit Huhn” im Metropolis schauen möchte, hängt an der Kasse auch ein Filmplakat mit Freddy darauf. In diesem Sommer schwitze ich im Bett noch mehr als gewöhnlich, während draußen das beschissene Wahrzeichen der katholischen Kirche friedlich vor sich hinschimmert.

Als 1986 Block 4 des Kernkraftwerkes in Tschernobyl in die Luft geht, sitze ich in der Dusche und bade. Es ist ein tiefes Duschbecken. Ich habe ein Playmobil-Feuerwehrboot, das entgegen anders lautender Versprechungen nicht schwimmt. Ich bin wütend. Heute noch. Können Plastikboote bitte schwimmen. Meine Mutter stürzt ins Bad. Im Schlepptau ihre beste Freundin Katja. Sie waschen sich die Hände. Sind aufgeregt. Für mein blödes dysfunktionales Playmobil-U-Boot interessiert sich niemand. Als ich kurz darauf mit verschrumpelten Fingern aus der Wanne klettere eröffnet meine Mutter mir, dass es nie wieder Pilze zu essen geben wird. Und wahrscheinlich werden wir alle sterben, wenn es das nächste Mal regnet. Dass es nie wieder Pilze geben wird, trifft mich nicht besonders hart. Ich bin 5. Wer isst schon gerne Pilze? Ich verstehe die Aufregung nicht.

1989 ist klar, dass wir nicht an Tschernobyl sterben werden. Der radioaktive Regen ist ausgeblieben. Krebs haben lediglich die Menschen im Ostblock bekommen, aber davon hört man ja zum Glück nicht viel. Ich bin jetzt 8 und beginne die Schule zu hassen. Ich habe meine erste “Ungenügend” geschrieben. Im Diktat bei Frau Mehrmagen-Schmadtke. Wahrscheinlich habe ich ihren Namen falsch geschrieben. Zusammen mit allen anderen Wörtern. Ich stehe heulend im Schulflur und bin mir sicher, dass sich demnächst der Boden auftun wird, um mich zu verschlingen. Vor lauter Scham laufe ich nach Hause und schwänze das erste Mal Unterricht. Ich bin ein Schlüsselkind. Meine Mutter arbeitet den ganzen Tag. Ich sprinte durch die riesige Wohnung und schalte den Fernseher ein. Es ist die Zeit als RTL noch Wimbledon überträgt. Und während Gerd Szepanski die Siege von Steffi Graf und Boris Becker kommentiert, ertränke ich meinen Schulfrust in einer Schüssel Zucker mit Haferflocken.

Zwei Tage später ist alles vergessen. Ungenügend. Na und? Es werden noch ein paar Sechsen kommen und in der 9ten Klasse wird eine tote Sprache wird mir das gymnasiale Genick brechen. Es ist egal. Die Mauer fällt trotzdem und 1992 singen Ace of Base “All that she wants” und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich jetzt das großartigste Lied der Welt kenne. Irgendwann wird die Welt größer als Köln, aber davon weiß ich noch nicht viel.

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Kindheit II

6 Gedanken zu “Kindheit II

  1. Gerrit Flaig schreibt:

    Ich kann mich noch sehr gut an eure Wohnung erinnern. Dein Zimmer war super! Ich fand es so schön bei euch. Die große Stadt. Den tollen Bolzplatz um die Ecke und die coole Tanke an der wir uns immer Eis geholt haben. Wieviele Taschenbücher von Disney haben wir verschlungen? 1000? Du hattest bestimmt die größte Sammlung in ganz Deutschland. War ne echt schöne Zeit.

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  2. Hah! Tschernobyl. Das hat irgendwie Auswirkungen auf uns alle gehabt in unserer Generation.
    Auf mich hatte es die jedenfalls schon irgendwie.

    Aber schon seltsam. Ich war eigentlich auch Stadtkind. Im Ruhrgebiet kann man ja nix anders sein. Aber wir waren draußen. Wald. Bauernhof. Solche Sachen. Vielleicht war ich doch ein Kleinstadtkind. Große Städte kann ich noch heute nicht ab.

    Bei mir war es übrigens die 8. Klasse. Und auch eine tote Sprache.

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