Schauspiel

Meine Mutter ist Schauspielerin. Wirklich. Damals jedenfalls war sie es. Ich bin 10 oder 11. Meine Mutter ist Antigone. Sprechtheater. Vor den Aufführungen sitzt sie in der Maske und betäubt ihr Lampenfieber mit Klosterfrau Melissengeist. Dann geht sie auf die Bühne, begräbt wortreich ihren toten Bruder Polyneikes vor den Toren Thebens und stirbt dann sehr glaubhaft einen beklemmenden Tod.

An der Uni spielt sie auch Theater. Sie studiert Sonderschullehramt. Zusammen mit vielen strickenden Männern. Ich sitze im Hörsaal und habe meinen neuen Gameboy dabei. Den Allerersten. Der mit dem grünen Bildschirm. Meine Mutter konnte es sich nicht leisten, aber sie hat ihn mir trotzdem zum Geburtstag geschenkt. Ich finde Tetris scheiße, aber alle finden es toll und ich weiß noch nicht, dass eine eigene Meinung nichts schlimmes ist. Als ich im Hörsaal die vielen strickenden Menschen sehe, kommt mir Tetris auf einmal gar nicht mehr so blöde vor. Der Professor sieht aus wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Da blieb ihm gar nichts anderes übrig. Er bringt das Leben des Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf die Bühne. Und weil so ziemlich jeder im Hörsaal mitmachen darf, kriege auch ich eine Rolle. Das Stück dauert lange. Hinter der Bühne wird nervös gestrickt. Das Stück dauert wirklich sehr lange. Nach Stunden, die sich wie Stunden anfühlen, klettere ich auf die Bühne. In Lumpen gehüllt stelle ich mich an ein imaginäres Feuer über dem ein leerer Suppenkessel baumelt. “Mutter, Mutter… ich hab’ Hunger!”. Das ist mein Satz und ich sage ihn so überzeugend, dass Friedrich Wilhelm Raiffeisen mir hinterher persönlich auf die Schulter klopft und mir eine Fanta spendiert.

Weil meine Mutter und ich alleine sind, bin ich meistens dabei. Bei Proben. Sprechunterricht. Aufführungen. Ich sitze in den Stuhlreihen oder in irgendwelchen großen Räumen mit Spiegelwänden und schaue dabei zu wie meine Mutter auf dicken Tauen liegt, wirre Zungenbrecher brüllt, flüstert, jammert oder singt. Und alle anderen machen das auch. 12 Menschen mit Rückenschmerzen versuchen laut Laute zu formen. In Ulm und um Ulm und Ulm herum. Später kreisen Köpfe, Arme und Schultern und 12 Menschen seufzen, ächzen und stöhnen. Kriechen laut kreischend über den eiskalten Estrich. Ich habe Freude daran. Nur bei den ganz peinlichen Übungen verstecke ich mich hinter meinen Schulbüchern und versuche das Geschehen auszublenden. Ich mache erste Bekanntschaft mit Fremdscham. Während meine Mutter auf den Kleinkunstbühnen Kölns tausend griechische Tode stirbt und Klosterfrau Melissengeist zum großen finanziellen Durchbruch verhilft, mache ich Hausaufgaben auf Klappstühlen.

Ein wenig später wechselt meine Mutter das Theatergenre und wird ein Engel. Bewegungstheater. Das Stück heißt “Die Schöpfung danach” und mein zukünftiger Stiefvater ist der Teufel. Das Ensemble ist gut. Das sehe sogar ich. Und ich habe keine Ahnung. Ich sitze wieder zwischen den Stuhlreihen, mache Hausaufgaben und schaue mir die Proben an. Und die Aufführungen. Und die weiblichen Schauspielerinnen. In der Umkleide sind alle nackt. Hinter der Bühne ist kein Raum für Scham. Warum auch? Man hat sich ja schon auf der Bühne nackig gemacht. Ich finde das spannend. Eva ist natürlich besonders hübsch. Und auch nackt. Im richtigen Leben spielt sie professionell Sega-Spiele und schreibt die Anleitungen dazu. Nicht den Tetris-Quatsch. Die richtigen Spiele. Sega Mega Drive. Nach den Vorstellungen gehen wir oft noch Pizza essen. Gott sitzt neben mir. Rülpst. Und bietet mir den Rest seines Kristallweizens an. Der Teufel verbietet es ihm.

Der Erfolg steigt allen zu Kopf. Viele denken, dass sie richtige Schauspieler sind. „Die Schöpfung danach fällt“ und mit den „Hofnarren“ wird alles sehr viel mehr ARTE. Keiner versteht es mehr. Aber dafür meinen alle, echte Kunst zu schaffen. Das Stück geht auf Tournee. In die Ukraine. Nach Bulgarien. Im Ostblock scheint man ARTE zu wollen, während in Deutschland RTL II auf Sendung geht. Der Teufel und der Engel haben dem Theater den Rücken gekehrt, geheiratet und arbeiten in sehr irdischen Jobs.

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