Style

In die Grundschule trage ich am liebsten Jogginghosen. Ich habe zwei. Die eine ist lila und die andere pink. Es sind die 80er Jahre, also ist die Farbwahl entschuldbar. Ich aber setze dem baumwollenen Ensemble die Modekrone auf. Denn obwohl meine Mutter mich mit Engelszungen davon abbringen möchte… meine Pullover gehören selbstverständlich IN die Hose. Hosenbundwulst und oben drüber mein blauer Scout-Ranzen mit dem Delphin drauf. An den Füßen alte Victory-Turnschuhe. Wahrscheinlich mit Klettverschluss. Ich bin 9 und liebe Klettverschlüsse. Die Haare trage ich selbstverständlich lang. Ich bin der David Bowie meiner Grundschule. Meine Mutter wird mir später gestehen, dass sie innerlich tausend Mode-Tode gestorben ist, wenn sie mich so aus dem Haus gehen ließ.

In der Schule nennt man mich auch Modepapst und meine Mitkinder werfen mir neidische Blicke zu. So viel Style.

Zu Hause essen wir oft Nudeln. Das stört mich nicht. Auch die Tatsache, dass ich außer den zwei Jogginghosen nur noch eine andere Hose besitze, fällt mir nicht auf. Ich bin satt und immer sehr gut angezogen. Das meine Mutter kaum Geld hat, wird mir das erste Mal bewusst als ich mit 10 auch die neuen Reebok-Pump Basketballschuhe haben will. Die sind zwar hässlich und knöchelhoch, aber die wollen alle. Also will ich die auch. Dabei hasse ich knöchelhohe Schuhe. Pullover in der Hose sind super. Aber Hosen die in Schuhen stecken? Das geht gar nicht. Trotzdem. Demnächst fallen meine veganen Plastik-Victory Schuhe völlig auseinander. Der Schuster hat in seinem mündlichen Obduktionsbericht vermerkt: “Ming leeve Frau. Die sin us Plaste. Kleben lohnt nich’ mehr!” Wir müssen also Schuhe kaufen. Meine Mutter ist von den technischen Vorteilen der Reeboks nicht überzeugt. Auch meine nahende Basketball-Karriere will sie nicht umstimmen. Ich bin der Kleinste in meiner Klasse. Das sagt sie so nicht, aber ihr mitleidiger Blick spricht Bände. “Außerdem habe ich kein Geld, um sie dir zu kaufen.” Sie stellt es fest und ich bin überrascht. Ich wußte das nicht. Na gut. Ich entscheide mich für ein anderes Paar Reeboks. Die haben zwar keinen orangenen Basketball zum Aufpumpen der Schuhsohle auf der Zunge, aber dafür sind die auch knöchelhoch und hässlich. Meine Mutter bezahlt die Schuhe mit den 30 Mark, die sie nicht hat. Ich bin zufrieden und abends essen wir Nudeln.

1991 kommt Hypercolor in die Läden. Krebserregende Textilien, die bei Wärme die Farbe ändern. Neon. Alles in Neon. T-shirts und Radlerhosen. Radlerhosen sind super. Finden alle. Ich nicht, aber ich mache trotzdem mit. Die Kosten halten sich in Grenzen. Vermutlich weil der Hersteller weiß, dass sein, mit Batteriesäure gefärbtes Produkt, in naher Zukunft Menschenleben fordern wird. Mir ist das egal, weil ich es ja nicht weiß und außerdem essen wir auch wieder Pilze. Trotz Tschernobyl. Ich bin also unsterblich. Hypercolor kann mir gar nichts. Und ich trage meine Neongelbe Radlerhose mit stolz in die Schule. Das T-shirt stilsicher in den Radlerhosenbund gestopft. Mein Weg zur Schule ist lang und ich bin spät dran. Also renne ich. Als ich zu spät ins Klassenzimmer stolpere, wird der große Nachteil einer wärmeempfindlichen Radlerhose offenbar. Mein Schritt ist grün. Ich brauche eine Weile, um allen glaubhaft zu versichern, dass David Bowie nicht unter Enuresis leidet und Herr über seine Blase ist. Am nächsten Tag komme ich wieder in Jogginghose. Sie ist pink und die Welt wieder in Ordnung.

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7 Gedanken zu “Style

  1. Schier unglaublich, was ich an modischen Durchbrüchen in den 80ern verpaßt ahbe. Zum Glück war ich schon alt und starrsinnig genug, um Jeans un T-Shirts völlig ausreichend zu finden. Immer!
    Ich nehme an, daß muß am Cordhosen-Trauma des vorherigen Jahrzehnts gelegen haben.
    Das mit der Unsterblichkeit ist übrigens normal in dem Alter. Das geht aber irgendwann wieder weg 😉

    Und es gab ernsthaft wärmesensible Textilien, die Menschen auch gekauft haben?

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  2. Die Trends sind an mir auch vorübergegangen. War wohl auch schon zu alt dafür. Dafür trug ich Rüschenbluse mit goldenen Lurexfäden und Papa’s beige Lederjacke mit aufgesetzen Taschen drüber, dazu ein weinrote Cordhose….
    Ich frage mich heute auch, wie liberal meine Mutter war, dass sie mich so gehen ließ?

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  3. Komisch, das ist alles total an mir vorbeigegangen. Ich trug in den 80ern von Mutter genähte Röcke und Kleider im Sommer und von Oma gestrickte Pullover im Winter. Mit Cordhosen; ich weiß noch, dass ich unbedingt Jeanshosen woltle, aber lange keine bekam, weil die teuer waren. Als ich dann welche bekam, fand ich sie unbequem und wollte keine mehr tragen.

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