Vorgeführt

Marie und ihre Schwestern haben das Puppentheater aus den Untiefen einer lang verschollenen Spielzeugkiste geborgen. Auch der Prinz ist aufgetaucht. Und das Krokodil. Und die ganze Kasperle-Bande. Die Idee, ein Stück auf die Bühne zu bringen, liegt auf der Hand. Die Proben dauern 11 Minuten und fordern einige Opfer.

Das Erste „ich mach nicht mehr mit!“ wird nach 20 Sekunden durchs Kinderzimmer geschrien. Ida wollte die Prinzessin spielen. Alle anderen auch. Lotte verlässt das Zimmer mit einem Weinkrampf. Auf dem Weg in ihr eigenes Refugium, hämmert sie zwei Türen in ihre wackligen Schlösser. Für die Galerie brülle ich ein „Hört auf, die Türen zu schlagen“ in die obere Etage. Meine Ansage ist nicht mal ein „Ich war das nicht!“ wert. Ich interessiere niemanden. Das Projekt ist wichtig. Sonst nichts. Aber wenigstens habe ich dem elterlichen Protokoll genüge getan.

Die Proben gehen ohne Lotte weiter. Wenig später steht die Story. Die verbliebenen Schwestern sind zufrieden und gratulieren sich gegenseitig zu ihrer schlüssigen Geschichte. Dann schmeißen sie ihren Bruder aus dem Zimmer. „Emil, wir brauchen keinen Leoparden!“ Emil kann zur Zeit keine Kompromisse eingehen. Er ist ein Leopard oder nichts. Schon seit Wochen. Und er ist ein guter Leopard. Laut und wild und gefährlich für seine Umgebung. Ida und Marie zerren ihren fauchenden Bruder liebevoll fluchend aus dem Zimmer. An den Füssen. Ein Unterfangen, das sich als schwierig herausstellt, weil der Leopard sich knurrend in den Bühnenrand verbissen hat. Nach einem kurzen Gerangel hebelt Marie ihrem Bruder mit einer Playmobil Feuerwehrleiter die Bühne aus dem Kiefer und schleift ihn erfolgreich aus dem Raum. Wieder fliegt eine Tür zu. Der Leopard jault eine Weile vor verschlossenen Toren und tritt dann widerwillig den Rückzug an.

„Papa. Wir haben fertig geprobt! Komm!“ Ich will nicht. Ich verstecke mich im Keller. Zwischen den Konserven. Da wird Marie nicht suchen. Ich stehe zwischen Gurken, Würstchen und einer großen Auswahl an Eingemachtem aus den 90er Jahren – frühe Werke meiner Mutter. Die Lektüre der Etiketten ist alles andere als Kurzweilig: „Sommertraum: Waldfrüchte mit Minze. 1997“, „Herbstabend: Apfel-Walnuss mit Koriander. 1999“. Wir sind mit diesen Köstlichkeiten also dreimal umgezogen. Wenn es soweit ist, werden mir Würstchengläser mit Fruchtmatsch als Grabbeilage in die leblosen Hände gedrückt. Die Fähre über den Styx werde ich mir also nicht leisten können. „Tut mir leid. Wäre es Erdbeer-Marmelade gewesen… aber viel Spaß beim Schwimmen!“ Charon lächelt freundlich, während er ablegt, um ein paar dunkle Seelen in den Hades zu schippern.

„Papa, was machst du hier?“ Vor mir steht Marie. Sie ist offensichtlich überrascht, mich hier zu finden. Ich bin es auch. Fast entgleitet mir der Herbstabend. „Ich… schaue wieviel Marmelade wir noch haben.“ Marie ist skeptisch. „Hast du dich hier versteckt?“ Ich räuspere mich, stelle den Herbstabend für die nächsten 20 Jahre zurück ins Regal und murmele ein eloquentes „Ähhh…!“ Marie fällt ihr Projekt wieder ein. „Komm jetzt. Wir wollen dir etwas vorführen.

Sekunden später sitze ich vor dem Puppentheater. Auf einem kleinen Ikea-Plastikhocker, der seinen Namen „Mammut“ völlig zu unrecht trägt. Hinter dem geschlossenen Vorhang treffen die Darstellerinnen letzte Absprachen. Ida und Marie vergessen mich. Sie streiten kurz darüber, ob das Krokodil erst verhauen wird und dann den Prinzen frisst oder ob der Prinz verschlungen und dann mitsamt Krokodil verprügelt werden sollte. Dann wird das ganze Stück über den Haufen geworfen. Ich frage, ob ich vielleicht nochmal kurz weggehen kann. Weit weg. „Warte Papa, gleich geht es los!“ Gleich. Aha. Ich fische mir ein lustiges Taschenbuch von Idas Nachttisch und mache es mir auf dem winzigen Hocker so gemütlich wie möglich. Nebenan knurrt ein Leopard. 10 Minuten später ist es soweit.

Der Vorhang gleitet auf. Das Stück ist ein wenig vorhersagbar und voller Gewalt. In schneller Reihenfolge werden erst das Krokodil und dann ein Ritter von der Prinzessin in die Flucht geschlagen. Als der Prinz eintrifft hat sich die Prinzessin bereits selbst gerettet. Der Prinz wird zudringlich und besteht auf den Kuss. Die Prinzessin wehrt sich und gibt dem Prinzen ordentlich Backenfutter. Ende. Das Stück hat genau 30 Sekunden gedauert. Auch Ida und Marie fällt auf, dass es der Geschichte an Tiefe und den Charakteren an Schärfe gefehlt hat. Also tritt jetzt nach und nach dass Gesamte Handpuppen-Kabinett auf und kassiert ebenfalls Haue. Der Polizist, die Oma, der Kasperle und am Ende auch der Teufel selbst… sie alle fallen dem Amoklauf der Prinzessin zum Opfer. Ida und Marie befinden sich im Blutrausch und zerren nun auch ihre Stofftiere auf die Bühne, um sie niederzumetzeln. Mir wird das zu doof. Ich stehe auf, öffne die Tür einen Spalt, rufe leise nach Emil, während im Hintergrund ein kleines, flauschiges Robbenbaby niedergeknüppelt wird. Emil schleicht – ganz Raubkatze – auf allen Vieren ins Zimmer. Als er die Kampfhandlungen sieht, beginnen seine Augen erst zu leuchten und verengen sich dann zu schmalen Schlitzen. Der Leopard setzt zum Sprung an. Frisches Robbenfleisch. Das ist genau sein Ding. Als der Leopard mit lautem Gebrüll in die Bühne fliegt, verlasse ich leise den Raum. Ich habe noch ein paar Marmeladen-Gläser zu inspizieren.

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4 Gedanken zu “Vorgeführt

  1. Um Charon würde ich mir keine Sorgen machen. Vielleicht ist er gerührt und freut sich, daß ihm nach siebenundzwanzig Äonen, in denen er das ganze Gesumse über den Charon staken mußte, endlich mal einer was zu essen vorbeibringt.

    Ansonsten kann man den Fährmann sicherlich auch anders bezahlen. Bevor es Geld gab, hat keiner an diesen Quatsch mit der Bezahlung geglaubt. Erzähl ihm eine Geschichte. Das kannst du gut. Zum Beispiel die, wie du eine Grube unter dem Keller ausgehoben hast, um dich das nächste Mal erfolgreich zu verstecken.

    Das Stofftiergemetzel schafft mich 😀

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