Kinderschmuggel

Ida steht vor mir. Die Hände hält sie hinter dem Rücken versteckt. “Ida! Was habt ihr draußen vor?” Ida guckt erstaunt. “Nichts!” Nichts. Natürlich. Wie konnte ich nur fragen. Meine Kinder haben meistens nichts vor. Nach all den Jahren halten diese Kinder ihre Eltern immer noch für leicht beschränkt. “Ida! Was hast du mit Pelle draußen vor?” Pelle, der Nachbarjunge, hat sich schon bei meiner ersten inquisitorischen Frage aus dem Staub gemacht. Er lungert im Schatten der Garderobe und fingert sehr interessiert an unserem Staubsauger herum. Pelle hat nie zuvor in seinem Leben einen Staubsauger gesehen. Ein Wunderwerk der Technik. Was die wohl als nächstes erfinden werden? Pelle glänzt eher durch gute Einfälle als durch Mut und Entschlossenheit. Besser ist das.

Ida wird ungeduldig. “Können wir jetzt gehen, sonst wird das Holz draußen nass!” Aha! Ich höre wie Pelle erschrocken nach Luft schnappt und vor lauter Angst den Staubsauger umarmt. “Ida? Für wie blöde hälst du mich? Du hast da Streichhölzer hinter deinem Rücken… was habt ihr damit vor?” Marie schlendert durchs Bild. Nur mit einer Unterhose bekleidet. Sie will in den Keller. Da stehen die Süßigkeitenkisten der Kinder. Sie murmelt etwas von “Wäscheleine… Lieblingsjeans” und verschwindet dann.

Ida senkt betreten den Kopf. Woher hat ihr Vater das gewusst? Hat sie etwa nicht gut genug aufgepasst als sie sich mit linkisch-unnatürlichen Schleichbewegungen dem Tisch näherte? Und war es zu auffällig gewesen, als sie sich beiläufig mitten auf den Tisch legte, um die Streichholzschachtel unter ihrem Körper zu begraben? Was hatte sie nur verraten? War es der Moment als sie sich schwerfällig vom Tisch rollte und die Schachtel auf den Boden fiel? War es das panische Flüstern im Anschluss an das Missgeschick? “Pelle! Komm schnell! Da liegt die Schachtel!” Oder war es Pelles Schuld? Seine feuchten, nervösen Hände hatten die Schachtel erst aufgeweicht und dann zerrissen. Nein. Auch in dem Moment hatte Papa weiter auf seinen Laptop geschaut und irgendwas getippt. Sie hatten wie kleine Schatten gearbeitet, als sie die Streichhölzer geräuschvoll vom Küchenboden auflasen. Ida ist das alles ein Rätsel. Der Plan war perfekt gewesen.

Ich habe mir das alles mit Genuss angeschaut. Was für ein Schauspiel. Viel auffälliger ging es kaum. Das angstvolle Schielen in meine Richtung. Die Schweißausbrüche auf Pelles Stirn. Idas panisches Schreiflüstern. Ein Jahrhundertraub! Ein echtes Privileg, diese beiden genialen Kinderhirne in Tateinheit arbeiten zu sehen. Bei mir ist es damals nicht anders gewesen. Auch ich wurde laufend enttarnt und habe nie verstanden wie es dazu kommen konnte. Gewitzt wie ich war. Offensichtlich wird dieses Talent weitervererbt. Die nächste Generation von Meisterdieben.

Ida tritt nervös von einem Bein aufs andere. “Wir wollen nur was ausprobieren!” Ein Geständnis. Hinter mir fällt Pelle in Ohnmacht. Im Hintergrund steigt Marie schwer keuchend die Kellertreppen herauf und drängelt sich unauffällig durch die Szene. Eine Hose hat sie immer noch nicht an. Dafür aber eine dicke Winterjacke. Die mit den großen Taschen.

Ich einige mich mit Ida darauf, dass sie auf unserem Hof bleiben und nichts anzünden was entweder lebt oder den Wert von zwei Eiskugeln überschreitet. Wir rechnen in Eiskugeln. Damit kann hier jeder was anfangen. Ida ist zufrieden mit dem Deal. Sie weckt Pelle und die beiden ziehen von dannen. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Ich werde einen Text darüber schreiben. Als ich mich setze wird Helena In der oberen Etage laut: “Marie! Ich will wissen, was du da in den Taschen hast!”

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Kinderschmuggel

4 Gedanken zu “Kinderschmuggel

  1. Woher hat ihr Vater das gewusst?

    Diese elterliche Magie…und dann, wenn sie zehn oder elf sind, dann kommen sie auf die IDee, so subversive Fragen zu stellen wie: „Was habt ihr gemacht, als ihr KInder wart?“
    Von da ist es nicht weit bis zu der Erkenntnis, daß die eigenen Eltern das alles riechen können, weil sie auch nicht anders waren.

    Ist eine traumatische Entwicklung. Für die Eltern. Aber da muß man durch 😀

    Sehr schöner Text.

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  2. ich hab mich köstlich amüsiert …Meine Kinder haben nie darüber nachgedacht dass , wenn man in einem dunklen Raum das Licht einschaltet, dieser Lichtschein unter der Tür hervorschimmern könnte und waren mehr als einmal ganz entsetzt wenn Mama auf einmal im Raum stand … 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Haha! Herrlich! Musste da gleich an meine Vertuschungsversuche im Badezimmer denken. Ich wollte immer nicht die Zähne putzen. Also habe ich im Bad nur so getan, ein bisserl mit dem Wasser geprietschelt … nur leider nie die Zahnbürste nass gemacht. Und ich bin ewig nicht drauf gekommen, wie meine Mama das jedes Mal wieder herausgefunden hatte, dass ich nicht geputzt hatte.
    LG, Tina

    Gefällt 3 Personen

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