Wahrsager

Ich schiebe einen Einkaufswagen durch die vollen Gänge des Discounters. Ich will hier nicht sein. Heute beginnen die Handwerkerwochen. Trotzdem sind hier keine Männer zu sehen. Männer wollen keine King Craft Schwingschleifer, um die Küchenarbeitsflächen ihrer Frauen wieder herzustellen. Männer wollen starkstrombetriebene Abbruchhämmer von Hilti, um Küchen komplett zu entkernen und niederzureißen. Männer wollen Küchen vernichten und dann Handwerker bestellen. Sollen die doch das Chaos beseitigen und lavendelfarbene Hochglanzküchenzeilen einbauen. Trotzdem halten diese Frauen das kleine King Craft Heimwerkerset mit den 2000 Teilen für ein gutes Weihnachtsgeschenk.

Ich will nichts von alledem. Ich will nur Milch. Und ich habe eine kleine Marie dabei. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Sie sitzt in diesem gemütlichen, liebevoll designten Einkaufswagen-Kindersitz aus deutschem Qualitäts-Stahl. Maries kleine Speckbeine haben kaum durch die herausgefrästen Öffnungen gepasst. Sie wollte es trotzdem so. Aber ich habe Bedenken. Erstens befindet sich nun alles in Griffhöhe dieses unberechenbaren Kindes und zweitens werde ich bestimmt eine King Craft Flex kaufen müssen, um mein Kind aus dem Sitz herausschneiden zu können. First things first. Milch! Ich schubse den Wagen durch den Gang. Vorbei an Brot, Süßigkeiten und Spirituosen. Marie ist ruhig und konzentriert. Sonst redet sie wie ein Wasserfall. Aus Gewohnheit gebe ich zustimmende Geräusche von mir. “Ja. Hmmmm… ja. Gleich.” Marie schaut mich skeptisch an. Sie schaut tief in meine Seele und deaktiviert den väterlichen Autopiloten. Dann plötzlich erregt ein Stapel Plastikflaschen ihre Aufmerksamkeit. Sie wedelt aufgeregt mit ihren kleinen, dicken Händen. Und brüllt dann laut: “GUCK PAPA. DA STEHT DAS BIER!”

Augenblicklich wird es still. Die Zeit bleibt stehen. In der Ferne bellt ein Hund. Mütterblicke durchbohren mich. Köpfe kopfschütteln. „Aha!“, denken sie alle. „Kindermund tut Wahrheit Kund.“ Marie strahlt. Ich wünsche mir einen King Craft Klappspaten, um mir mein eigenes Grab schaufeln zu können.

7 Jahre später. Dieselbe Marie sitzt am Küchentisch vor einem großen Gemüseteller und schaut ihrer jüngeren Schwester neidisch beim Essen zu. Marie darf zur Zeit Abends nur noch ein Brot essen. Ihre Liebe zu Kohlenhydraten, hat diese Maßnahme nötig gemacht. Ich sehe, dass die ungerecht Behandelte einen Plan hat. Sie lächelt diabolisch. “Ida… gib mir mal deine Hand. Ich kann dir die Zukunft vorhersagen.” Ida ist nur mäßig überzeugt, überlässt ihrer Schwester aber die freie Hand. “Ich brauche die andere Hand. Links ist nur Nebel. Rechts liegt die Wahrheit… das Brot kannst du hier ablegen.” Sie deutet auf ihren leeren Teller. Ida tut wie ihr geheißen. Marie, die Wahrsagerin, befummelt die rechte Handfläche ihrer Schwester und brummt dabei mystisch. “Ida… ich sehe… ich sehe, dass du morgen um 06.45 Uhr von Papa geweckt werden wirst.” Sie ist gut. “Außerdem sehe ich… ooohhh… ich sehe, dass du heute Abend noch Ärger bekommen wirst, weil du zu lange brauchst, um dich bettfertig zu machen… es wird schlimm werden.” Idas Augen weiten sich. Ihr Mund klappt auf und zu. Marie hält Idas Hand weiter fest. Die Augen verschlossen. “Ida… ich sehe dein Zimmer. Es ist sehr unordentlich. Papa wird dich anbrüllen, weil du es nicht aufgeräumt hast.” Das ist zuviel. Ida hat Tränen in den Augen. “Ich war heute den ganzen Tag weg! Mein Zimmer ist ordentlich.” Marie zuckt mit den Achseln. “Die Hand lügt nicht…”

Jetzt weiß ich auch was Marie den ganzen Tag mit ihren Freundinnen in der oberen Etage getan hat. In Idas Zimmer steht die Verkleidungskiste. Noch ein Privileg, das sie ihrer Schwester seit Monaten missgönnt. Das Spiel von Marie und ihren Freundinnen hatte sich sehr nach Verwüstung angehört. “Habt ihr aufgeräumt?”, hatte ich streng gefragt, bevor ich die Freundinnen des Hauses verwies. Heftiges Kopfnicken. Natürlich haben sie. Machen sie das nicht immer? Von ganz alleine. Ohne, dass irgendwer sie daran erinnern müsste? Wie kann ich es nur wagen, diese Frage zu stellen.

Ida stürzt weinend aus dem Esszimmer und eilt die Treppenstufen hinauf. Ich werfe Marie einen bösen Blick zu und eile dann ihrer Schwester hinterher. Als ich oben ankomme steht Ida bereits zitternd im Türrahmen. Ihre Hand hat wirklich nicht gelogen. So sieht die Apokalypse aus.

Ich nehme Ida in den Arm und versichere ihr, dass ihre Schwester für diese Schandtat büßen wird. “Jetzt iss erstmal auf und dann quälen wir Marie!” Ida lächelt versöhnt. Als wir wieder am Esszimmertisch ankommen, sind Marie und Idas Brot wie vom Erdboden verschluckt. Ida überlegt. “Ich weiß ungefähr wie Maries Abend aussehen wird, Papa!” Ich nicke. Wir essen Gemüse und malen uns gemeinsam Maries düstere Zukunft aus.

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