Damals

Patrick nennt sich selbst “Pätrick”. Wahrscheinlich weil das cooler klingt. Oder weil seine Eltern bescheuert sind. Pätrick geht in meine Klasse. Er ist ein zorniger Junge. Wir haben alle Angst vor seinen Wutausbrüchen. Als wir ihn das letzte mal gereizt haben, da hat er mit einem Tisch nach uns geworfen. Ein paar fanden das lustig. Ich habe mit vor Angst fast in die Hosen gemacht. Der Tisch ist riesig. Vielleicht ist er auch nicht riesig, aber ich bin sehr klein. Aus meiner Perspektive ist alles riesig, was nach mir geworfen wird. Jedenfalls schlägt der größte Tisch der Welt in das Regal links neben mir ein. Es ist das Regal in dem unsere hässlichen Kartoffeldrucke zum Trocknen endlagern.

Keiner weiß, was Pätricks bescheuerte Eltern mit ihm anstellen, aber es ist uns allen klar, dass da was nicht stimmt. Bei Pätrick zu Hause. Wir finden es nie raus, weil Pätrick nie jemanden zu sich einlädt. Auch nicht an seinen Geburtstagen. Er feiert nie.

Ich bekomme Liebesbriefe von Nicole. Niekolle. So heißt sie hier. Wir sind schließlich in Köln. Ich kreuze wieder “vielleicht” an. Niekolle ist darüber nicht ganz unglücklich und ich darf mich unschuldig fühlen. Bis zum nächsten „Vielleicht“. Es ist ein guter Deal. Erst Jahre später kreuzt Florian “Ja” an. Wir halten ihn für ziemlich mutig. Und dämlich. Florian ist ein Arztsohn. Zahnarztsohn. Mit einem eigenen Wellensittich. Der ist grün und darf in Florians Zimmer frei herumfliegen. Und alles vollscheißen. Das macht dann Florians Mutter weg. Jetzt hat Florian eine Freundin und wir bekommen den Wellensittich nicht mehr zu sehen, weil er immer mit Dschennifer rumhängt.

Wir haben ein Aquarium in der Klasse. Eigentlich steht es vor der Klasse. Damit wir uns auch weiterhin konzentrieren können. Es sind Guppis. Die finden alle ziemlich langweilig. Alle erwarten mehr, von Fischen die „Guppi“ heißen. Wir sollen selbst dafür sorgen, dass dieses Aquarium immer sauber bleibt. Und dass die Guppis genug zu fressen kriegen. Das klappt zwei Wochen lang. Danach sehe ich nie wieder jemanden das Aquarium sauber machen oder Guppis füttern. Es scheint auch nicht nötig zu sein. Das Aquarium ist immer sauber und die Fische scheinen niemals Hunger zu leiden. Es müssen ganz besondere Guppis sein. Irgendwann sind sie weg. “Ich habe das Aquarium jetzt mit nach Hause genommen”, sagt Frau Klein im Stuhlkreis und fragt dann Pätrick, ob er nicht etwas von seinem Wochenende erzählen will. Er will nicht. Irgendwann ist Pätrick nicht mehr da. Nach einer Woche fragen wir uns, wo er wohl stecken mag. Und noch eine Woche später haben wir ihn alle vergessen.

Für den Weg von der Schule nach Hause brauche ich 25 Minuten. Ich laufe. Zwischen mir und dem Rhein liegen vier Spuren Hauptverkehrsstrasse. Ich muss unter einer Brücke durch. Unter der Brücke riecht es immer nach Pisse. Da liegen oft tote Tiere. Tauben. Viele Tauben. Auch Kaninchen und Füchse. Alle totgefahren. Ich frage mich warum sie immer unter der Brücke liegen, wo es hier doch so schlimm nach Pisse riecht. Direkt hinter der Brücke liegt der Spielplatz. Umgeben von einem kinderfreundlichen Brennesselwald. Kleine Kinder dürfen da auch nackt spielen. Mit 4 habe ich mich nackt in dem Brennesselwald verlaufen. Meine Mutter meint, dass ich sehr tapfer gewesen sei und kaum geweint hätte. Ich kann das nicht ganz glauben. Mit Schmerz kann ich nicht so gut umgehen. Während andere sich auf dem Schulhof prügeln, stehe ich im Hintergrund und versuche unsichtbar zu sein.

Amir ist mein bester Freund. Wenigstens denke ich das. Jeder hat einen besten Freund. Also brauche ich auch einen. Amir wohnt im Stollwerckhof. Er kommt aus einer Patchwork-Familie. Sein Bruder heißt Robert. Robert ist älter und hat die heißesten und angesagtesten Konsolen-Spiele. Pixel so groß, dass sie mich nach einer Stunde Konsum mit heftigen Kopfschmerzen belohnen. Wenn Robert nicht da ist, dann spielen wir mit seinen Heiligtümern und lassen uns dafür hinterher wüst von ihm beschimpfen. Robert hat auch Hefte mit nackten Frauen drin. Wir finden sie als wir nach den Spielzeugpistolen suchen, die Robert zum Geburtstag bekommen hat. Einige der nackten Frauen können wir uns nicht mehr anschauen, weil die Seiten verklebt sind. Aber die Hefte sind eh eklig und wir legen sie wieder zurück – unter den Stapel Spiderman-Comics. Wenn Robert gewusst hätte, dass wir wussten, dass Peter Parker auf riesigen verklebten Möpsen liegt, dann wäre es sicher nicht bei wüsten Beschimpfungen geblieben.

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