Hörsturz

Lotte hört Mark Forster. Mark Fucking Forster. Laut und ungnädig. Ich stehe am Fuß der Treppe. Mein Bauch will schreiend die Musik übertönen und heftig um Gnade flehen, als der Kopf sagt: “Lass sie. Deine Mutter hat Herbert Grönemeyer und Roxette in Endlosschleife ertragen. Da wirst du wohl Mark Forster ignorieren können.” Bauch sagt zu Kopf ja und ich ärgere mich, weil ich zwischen ihnen stehe. Wie konnte es dazu kommen? Habe ich nicht genug gute Musik gehört? War sie zu leise? Waren die Roots nicht wunderbar genug? Hat Lauryn Hill am Ende vielleicht doch keine tolle Stimme? Und was haben Kevin Johansen, Vinicio Capossela und Keziah Jones falsch gemacht? Versager sind sie. Allesamt. Keine/r von ihnen hat Mark Forster verhindern können. Oder Andreas Bourani.

Ich schleiche von dannen und Mark Forster plärrt mir weise Worte hinterher. “Ich lass Konfetti für dich regnen / Ich schütt dich damit zu / Ruf deinen Namen aus allen Boxen / Der beste Mensch bist du.” Ein Lyriker. Tiefgründig und wortgewaltig. Reim dich oder ich beiß dich. Als mein Heulkrampf nachlässt und ich mir das Blut aus den Ohren gewischt habe, wanke ich ins Wohnzimmer. Emil sitzt unter einem riesigen Couchkissengebirge und ruft: “Such mich, Papa!” Er ist wirklich der Schlechteste Versteckspieler aller Zeiten. Und der am besten gelaunte. “Emil? Emil? Wo bist du nur?” Das Couchkissengebirge kichert laut. Ich fange an zu graben und Emil kreischt, weil er die Spannung nicht aushalten kann. Als ich den zappelnden Sohn endlich an einem Bein aus seinem Versteck gefischt habe, kommt Ida, setzt sich an den Rechner und versucht sich in meinem Musikstreaming-Account zurecht zu finden. Sie sucht summend nach ihrem aktuellen Lieblingslied. “Die perfekte Welle”. Es ist wieder 2004. Big Brother. Gefärbte Haare und ein unentschuldbarer Kleidungsstil. Der Krieg gegen die Achse des Bösen endet gerade in der Besetzung des Irak. Was damals weh getan hat, ist auch heute noch schmerzhaft. Schön, dass 2004 jetzt auch im Westerwald angekommen ist. Mit dreizehnjähriger Verspätung plätschert nun die neue deutsche Welle auch durch unser Haus. “Ist das nicht ein tolles Lied, Papa?”, Ida sucht nach Bestätigung für ihren guten Musikgeschmack. Ich frage mich, ob hier die Wahrheit Not tut? Als ich gerade zum großen Schlag gegen die deutsche Leidkultur ausholen will, kommt Marie ins Zimmer gehüpft. “Geiles Lied, Ida!” Ich klappe den Mund wieder zu, vergesse zu atmen und lasse es geschehen. “Dein Brett ist verstaubt. Deine Zweifel schäumen über.” Ich verstehe Juli nicht. 2004 ist ein Rätsel.

Aus meiner inneren Zerissenheit befreit mich Emil. Er beschwert sich lautstark darüber, dass ich ihn noch immer festhalte. Ich lasse ihn erschrocken ins Kissengebirge plumpsen. Er rappelt sich auf, springt von der Couch, rennt hinüber zu Ida und baut sich drohend vor ihr auf. “Ich will das nicht hören. Das ist blöde Musik. Ich will Feuerwehrmann Sam hören!” Das ist mein Sohn. Nie zuvor schwoll meine Vaterbrust stolzer. Ida schüttelt den Kopf. “Immer willst du die gleiche Folge hören. Das nervt. Feuerwehrmann Sam nervt!” Das ist zuviel. Niemand lästert dem ewig gut gelaunten Kämpfer für ein feuerfreies Ponty Pandy. Emil brüllt seinen neusten Kampfschrei: “DAS IST DOCH NICHT ZU FASSEN!” und ruft nach seinen imaginären Verbündeten, “WACHEN NEHMT MEINE SCHWESTER FEST”. Dann zieht und zerrt er solange an Ida herum, bis die endlich die Spotify-Kommandozentrale räumt. “Ich muss eh aufs Klo.”

Ich setze mich vor den Rechner und will gerade das erkämpfte Hörspiel starten, als Emil es sich anders überlegt. “Kann ich bitte doch Kinderlieder hören?” Nein. Eigentlich darfst du keine Kinderlieder hören. Schon gar nicht solche, die von anderen Kindern gesungen werden. Die sind nämlich oft scheiße. Mehrstimmig scheiße. “Hmmm. Ja klar!”, höre ich mich selbst murren. Die Suche gestaltet sich als schwierig. Die Auswahl an furchtbaren Kinderliedern ist erschreckend groß. Nach 30 Minuten finden wir eine Playlist, deren Coverbild Emil zusagt. Emil hört gerne mit den Augen. Als ich den Play-Button drücke dauert es eine kleine Weile bis ich unter den elektronisch wummernden Beats den Kinderklassiker “In der Weihnachtsbäckerei” erkenne. Scooter meets Ralf Zuckowski. Kopf und Bauch heulen gleichzeitig laut auf. Emil findet das Bild immer noch super. Die Musik nimmt er in Kauf. Schmerzgeplagt krieche ich in Richtung Couch davon und vergrabe mich tief in den dunklen Gängen des Couchkissengebirges. „Es gibt nichts was mich hält Au Revoir.“

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