Krieg

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel herab. Auf die Gerechten und die Ungerechten gleichermaßen. Es sind fast 18 Grad. Die Erde glüht. Dem Deutschen schwant böses. Ist das schon der Frühling? Er stürzt zum Fenster. Sein Blick schweift über das Draußen vor und hinter seinem Haus. Ihm schwillt der Hals und in sein zornrotes Gesicht tritt der Ausdruck wilder Entschlossenheit. Es wird Frühling und der Deutsche weiß, was er zu tun hat. It is on! Und es wird episch.

Es ist an der Zeit, den Schöpfungswillen der Natur durch aufrechte, preußische Schaffenskraft zu brechen. Der Deutsche hört den Ruf der Wildnis draußen in seinem Garten. Sie spottet. Schweig, Wildnis. Hör auf zu wachsen! Drohend schwenkt der Germane seine Faust in Richtung des sprießenden Rasens. Der knospende Busch wird drohend fixiert und das Moos in den Fugen der Einfahrt wird wüst beschimpft. Hier geht es nicht um Frühlingsgefühle. Es ist fucking Krieg. Der Mensch gegen die Natur. So war es schon immer. In Deutschland müssen nun schweißtreibend blutige Kämpfe geführt werden. Mutter Erde soll dafür büßen, dass sie die Dreistigkeit besitzt, sich so früh im Jahr zu zeigen. Schlampe! Geschlossen ruft die deutsche Volksfront der Grund- und Bodenbesitzer deshalb laut: “Eingrenzen! Kultivieren! Zubetonieren!” Auf den 35 Quadratmetern seines deutschen Vorgartens ist der Deutsche Gott und diesen Anspruch wird er mit Astschere und Rasenmäher verteidigen.

Der Deutsche muss jetzt zwei Dinge tun. Er muss einkaufen gehen. Nicht irgendwas. Nein. Er muss in den Baumarkt und er muss Fleisch besorgen. Für den Weber Kugelgrill. Für die Zeit nach dem Krieg.

Ich bin mittendrin statt nur dabei. Ich brauche Schrauben und Gaffa-Tape. Gaffa-Tape ist meine Allzweckwaffe. Sogar die Platzwunden und offenen Brüche meiner Kinder erstversorge ich mit dieser Errungenschaft. Mit meinem lächerlich kleinen Auto rolle ich auf den Parkplatz des Baumarktes meines Vertrauens. Es ist der größte Parkplatz der Welt. Und er ist voll. Überall verklappen Menschen Plastiksäcke mit Blumenerde und große Kanister mit Unkrautvernichtern in die Kofferräume ihrer Mittelklasse-Limousinen. Ich habe Emil dabei. Emil findet Baumärkte gut. Aber er hasst Menschenmassen. “Ich mag nicht so viele Leute. Können wir nach Hause fahren?” Nein. Können wir nicht. Ich brauche diese Schrauben. Und Gaffa-Tape braucht Mann sowieso immer.

Nach 30 Minuten finden wir eine winzige Parklücke für mein winziges Auto. Mit dem unwilligen Sohn an der Hand betrete ich den Baumarkt. Hier wimmelt es von engagierten Heimwerkern und ahnungslosen Mitarbeiter_innen. Die stören nicht weiter. Der Deutsche weiß was er braucht und wird sicher keine Baumarkt-Mitarbeiter_in um Rat fragen. So tief sinkt hier keiner. Ohnehin geht es heute noch nicht um das Errichten nutzbarer Bauwerke. Heute geht es um Waffen. Um Spaten, Kreuzhacken und Unkrautstecher. Unkrautstecher! Ich muss kurz dümmlich Grinsen, als ich das große Werbeplakat für dieses ungemein wichtige Werkzeug über dem Eingang hängen sehe. “Aus dem Weg”, brummt ein humorloser Veteran mich an und schiebt mir seinen schweren Einkaufswagen gegen das Schienbein. Ich will protestieren, überlege es mir aber anders als ich erst seinen Gesichtsausdruck und dann den Inhalt seines Wagens sehe. Der Mann ist auf einer Mission. Heckenschere, Gartenhäcksler und… eine Motorsäge. Die Atomwaffe des deutschen Gartenbesitzers. Keine mit Akku. Eine Echte. Benzinbetrieben. Der Mann ist bereit für den Erstschlag. Ich weiche schnell zur Seite und ziehe Emil aus dem Weg, bevor er von dem Einkaufswagen erfasst wird.

Emil hat schon wieder keine Lust mehr. Es muss schnell gehen. Weil ich nicht oft hier bin, weiß ich auch nicht wo sie Schrauben aufbewahren. Ich frage eine herumlungernde Mitarbeiterin. “Schrauben?”, sie schaut mich verächtlich an, “die sind drüben neben den Waschbecken und Kloschüsseln!” Natürlich. Wo auch sonst. Wir finden die Schrauben – die natürlich nicht neben den Kloschüsseln, sondern in der Fliesenabteilung feilgeboten werden. Wo auch sonst. Emil quengelt. Menschen hasten an mir vorbei. Jede Minute in diesem Laden bedeutet, dass sich die Natur dort draußen weiter ungehindert ausbreiten kann. Ich will hier weg. Aber nicht ohne mein Gaffa-Tape. Ich versuche es noch einmal. Diesmal bitte ich einen 12 jährigen Mitarbeiter mit Akne um Auskunft. “Gaffa-Tape? Wassen das?” Ich erkläre es ihm. “Ahso!”, ruft er erleuchtet, “du meinst Panzer-Band”! Natürlich. Panzer-Band. Ich habe vergessen, dass wir uns im Krieg befinden. Ich finde das Panzer-Band. Emil quengelt. Ich überlege kurz ihm den Mund zu verpanzern.

Wir zahlen und fliehen. Emil quengelt nicht mehr ganz so laut, weil ich ihm das Maul mit einem Mars-Riegel gestopft habe. Nach Minuten, die mir wie Minuten vorkommen, finden wir das Auto und versuchen den Parkplatz zu verlassen. Es wird noch ein Weilchen dauern. Die Straßenverkehrsordnung ist zusammengebrochen. Deutsche Männer schieben schweres Kriegsgerät und chemische Kampfstoffe vor sich her. Mutter Natur kichert leise. Noch. Die Sonne brennt vom Himmel. Auf Gerechte und Ungerechte.

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4 Gedanken zu “Krieg

  1. Im Zweifel ließe sich im Kampfgetümmel eines Baumarkts auch das Kind als Wunderwaffe einsetzen. Spätestens an der Kassenzeile. Nur das Tape und die paar Schrauben? Dann gehen Sie doch mal vor mit dem Kind! Dürfte man es natürlich nicht mithilfe eines Marsriegels befriedet haben. –

    Nette Texte, lese ich gerne!

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