Reichtum

„Hau mal ab. Du hast keine Ahnung von Geld.“ Ich zucke zusammen, weil ich denke, dass Marie mich meint. Aber sie meint Ida. Die kleine, nervige Schwester hat es gewagt, Marie beim Abzählen ihrer Barschaft über die Schulter zu schauen. Jetzt ist sie rausgekommen. „Jetzt bin ich rausgekommen! Wegen dir muss ich jetzt wieder von vorne anfangen“, rohrspatzt Marie laut, während Ida lächelnd mit den Augen rollt und sich davon macht. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt. Geld? Was ist schon Geld? Ihr Desinteresse an der Sache könnte größer nicht sein.

Marie wendet sich, Beschimpfungen murmelnd, wieder ihrem Vermögen zu. Sie zählt. Neben ihr liegen Bleistift und ein kariertes DIN A5 Heft mit einem aussterbenden WWF-Werbetiger auf dem Cover. Sie führt Buch. Ich traue meinen Augen kaum. Meine Tochter führt ein Haushaltsbuch. Damit ist sie mir um Lichtjahre voraus. Ich stelle mich hinter sie, um zu lernen. Sie hat eine kleine Excel-Tabelle gezeichnet. Mit ihrem Geodreieck – Pragmatismus aus Plastik. Das Ende der Phantasie. Maries hat die Spalten mit Geldwerten überschrieben. 1 Cent, 2 Cent, 5 Cent, 10 Euro, 20 Euro. Darunter führt sie Strichlisten. Es sieht alles sehr langweilig und sehr kompliziert aus. „Es ist nicht so kompliziert, wie es aussieht, Papa.“, versichert sie mir und klopft mir dabei aufmunternd auf die Schulter. Danke. Das beruhigt mich. Erst jetzt sehe ich, dass unter dem bedrohten Papier-Tiger ein lustiges Taschenbuch liegt. Dagobert badet in Geld. „Ein Millionär hat’s schwer!“ Wenn der wüßte, wie schwer es ist, Nichts zu verwalten. Wichser. Ich erinnere mich an den letzten Banktermin und die besorgte Miene meiner Sparkassenberaterin. Ihr betrübtes Kopfschütteln. Das traurige Seufzen und ihr mitleidiges Lächeln als ich meinen sorgsam ausgearbeiteten 5-Jahresplan zur Eindämmung der Euroabwanderung auf meinem Konto unterbreitete. Ihre helle Freude hätte die Dame an meinem fiskalbegabten Nachwuchs gehabt.

Marie blättert in ihrer Excel-Tabelle vor und zurück. Sie macht hier und dort Striche. Zählt dabei leise. Es ist so kompliziert wie es aussieht. „Weißt du, Papa. Es ist auch, um Diebe in die Irre zu führen. Ohne meine Aufzeichnungen ist dieses Geld nämlich nichts mehr Wert.“ Ich bin sprachlos und versuche die tiefere Wahrheit hinter den Worten dieses Kindes zu greifen. Hier sitze ich, der Wirtschafts-Waise, neben ihr, der Wirtschafts-Weisen. Blut von meinem Blut. Marie ist ein Apfel, der ganz weit weg vom Stamm gefallen ist.

Inzwischen hat die minderjährige Wirtschafts-Philosophin Spalten erreicht, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treiben. 50 Euro. 100 Euro. Ich will gerade fragen, da fällt mir der Apfel auch schon ins Wort. „Die sind perspektivisch gedacht, Papa.“ Sie denkt Geld perspektivisch. Fuck. Ich werde sie in Zukunft häufiger um Rat fragen. Ich schäme mich. Und weine leise. „Na, Na, Papa. Schließlich willst du, dass ich irgendwann mal auf eigenen Füßen stehe, nicht wahr?!“ Damit hat sie recht. Aber mit 10 Jahren sind ihre Füße schon fast doppelt so groß wie meine.

Marie fügt ihrem kapitalistischen Tagebuch noch die altruistische Spalte „Spenden“ hinzu. Sie trägt dort eine Zahl ein, verbirgt den Betrag mit ihrer Hand und funkelt mich ungeduldig an. Richtig. Immer eine Armlänge Abstand halten. Ich stehe auf und will gerade das Zimmer verlassen, als sie mich fragt ob ich wissen wolle, was sie mit dem ganzen Geld anzufangen gedenke. Natürlich will ich. In der Hoffnung auf einen brandheißen Tipp, wie ich mein ganzes Nichts am Kapitalmarkt möglichst schnell investieren und vermehren kann, setze ich mich wieder neben sie. „Bitte. Sag es mir. Marie. Bitte.“ Ich hänge an ihren Lippen. Marie erklärt mit ernster Miene: „Also. Ich habe jetzt 51 Euro und 22 Cent. Nach Abzug der Spenden werden mir noch etwa 45 Euro bleiben. Und davon kaufe ich mir Chips, eine Armbrust mit richtigen Pfeilen und ein Robin-Hood-Kostüm.“ Ich bin erst enttäuscht und dann begeistert. So in etwa, haben meine Investitionen in den letzten Jahren auch ausgesehen. So falsch kann ich also nicht gelegen haben.

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