Walweise

Ich bin ein Wal. Und wenn es mir an der Wasseroberfläche zu viel wird, dann hole ich tief Luft und tauche ab. Ganz tief nach unten. Dahin wo kein Licht kommt. Und da unten weine ich dann. Dort schallt mein sonares Heulen durch die Tiefsee. Von allen ungehört. Irgendwann wird es mir zu doof und ich kehre zurück. Nach oben. Dorthin, wo ich ein großer Wal bin und jeder denkt, dass so etwas Großes und Überlegenes sich niemals klein fühlen kann.

Ich bin ein Wal. Und wenn ich nicht mehr singen will, dann kommen Forscher und forschen nach mir. Dann fragen sie sich mit zuckenden Schultern, was denn wohl mit mir los sei. Mit diesem Wal der da in großer Stille vor sich hintreibt. Ich sage dann nichts, blase 1000 Liter Wasser durch das Loch in meinem Kopf und liefere ein Naturschauspiel, das alle in Ehrfurcht verstummen lässt. Ein Tier, das so etwas tut, dem kann es nicht schlecht gehen.

Ich bin ein Wal. Und der Gesang der anderen Wale nervt mich gewaltig. Besonders der von Erik. Erik singt so schön, dass ich ihn am liebsten mit meiner Schwanzflosse erschlagen würde. Ich sehe Erik, wie er leblos ins dunkle Schwarz trudelt. Ein paar Luftblasen steigen aus seinem Kopf und zersprudeln sanft das leuchtende Blau vor meinen kleinen Augen.

Ich bin ein Wal. Und ich singe selten das Richtige. Alle anderen Wale schauen mich dann fragend an und ich summe eine leise Entschuldigung. Dann nicken die anderen Wale sanft und verschlucken weiter Krill. Krill schmeckt furchtbar. Aber wenn ich ihn nicht fresse, dann kriege ich riesigen Hunger und werde ganz dünn. Bis ich sterbe. Und von allen Dingen in meiner Welt, will ich sterben am allerwenigsten.

Ich bin ein Wal. Und mir ist oft kalt. Ich verstehe nicht, warum wir wandern müssen. Dahin wo Eisberge von Eisgebirgen brechen und mit einen solchen Lärm im Meer versinken, dass ich mir am liebsten die Ohren zuhalten würde. Schwierig. Dann wünsche ich mir, da unten zu sein. Da wo Erik jetzt liegt. In den Armen des hungrigen Oktopus, nach dem die Forscher noch forschen.

Ich bin ein Wal. Und wenn ich mich an einer Koralle oder einem Schleppnetz verletze, dann legt das Meer mir seine salzigen Finger in die Wunden. Ich beiße die Barten zusammen und tue so als wäre nichts. Die anderen Wale bewundern dann meine Tapferkeit und singen bedächtig ihre Zufriedenheit in meine Richtung.

Ich bin ein Wal. Und mein größtes Hobby ist die Luft anzuhalten bis mir fast rabenschwarz vor Augen wird. Ich kann das länger als alle anderen. Länger als Bertram, Georg und Stephanie. Und die können das ziemlich lange. Ich mache es ewig. Bis aus schwarz hell wird. Am Ende des Tunnels, durch den ich in diesen Momenten schwimme. Aber noch bevor mich der Tunnel verschluckt tauche ich wieder auf und verdränge mit großem Getöse Massen von Wasser. Plopp.

Ich bin ein Wal. Und ich liebe die schönste Waldame, die du dir kaum vorstellen kannst. Sie ist warm und weiß und sie singt so seltsam wie ich. Sie hat mich gefunden als ich mich gerade verstecken wollte. Wir haben uns geküsst und unsere Bäuche aneinander gerieben. Und wenn wir eines Tages genug Plastik verschluckt haben, um daran zu sterben, dann gehen wir gemeinsam zum Grunde.

Ich bin Wal. Und ich bin nicht allein. Mit meinem Gesang. Meiner riesigen Kleinheit. Meiner tödlichen Eifersucht. Meinem ekligen Hunger. Mit all den anderen Walen.

Ich bin ein Wal. Und wenn es mir an der Wasseroberfläche zu viel wird, dann hole ich tief Luft und tauche ab. Ganz tief. Dahin wo kein Licht kommt.

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