Angst

Der Schweiß läuft mir in großen Tropfen den Rücken hinunter. Erst in meinen verwaschenen, hellblauen Frottee Schlafanzug, dann in die häßliche Biber-Bettwäsche mit dem verstörenden  Muster. Die Decke habe ich mir über den Kopf gezogen. Ich habe darauf geachtet, dass nirgendwo ein Loch ist. Nur einen winzigen Spalt muss ich lassen, um nicht zu ersticken. Ich habe Angst. Riesige Angst. Wovor genau? Ich weiß es nicht. Vor Allem wahrscheinlich. Völlig erstarrt liege ich in meinem Bett, unfähig mich zu rühren. Ich darf mich nicht bewegen, darf keinen Laut von mir geben. Um keinen Preis. Denn dann werden sie mich finden. Dann werden sie kommen und meine dunkle Angst in grelle Panik verwandeln. 

Ich bin acht Jahre alt. Vor ein paar Minuten hat meine Mutter mir „Gute Nacht“ gesagt und sich dann umgedreht, um die Wohnung zu verlassen. Sie muss arbeiten. Neben ihrer Ausbildung kellnert sie. Sie muss. Wir haben nicht viel Geld. Ich höre wie die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fällt. Und dann bin ich allein. Allein in dieser riesigen Wohnung mit den hohen Decken. Die Wohnung mit den vielen Ecken und Verstecken, in denen alles Mögliche lauert und nur darauf wartet endlich nach mir zu greifen. Es ist ist Sommer und die Wohnung hat sich über den Tag in einen Hochofen verwandelt. Aber lieber ersticke ich, als meine Daunenhöhle zu verlassen. Allein. Ich bin ganz allein in dieser riesigen Wohnung.

Ich versuche, an schöne Dinge zu denken. Es wollen mir keine einfallen. Die Angst in meinem Magen schmeckt so bitter, dass ich kotzen möchte. Ich schlucke hart und versuche mich zu konzentrieren. In meinem Kopf suche ich nach Bildern, die mir Halt geben. An denen ich mich festkrallen kann, um nicht ins Dunkel zu stürzen. Tagsüber ist mein Zimmer ein schöner Ort. Nachts wird er zur Hölle. In der Mitte meines Zimmers hängt eine Strickleiter von der Decke. Heute Mittag habe ich auf der höchsten Sprosse gesessen, mich von der Decke hängen lassen und Grönemeyer gehört. In Dauerschleife. Kinder an die Macht. Solange bis meine Mutter irgendwann entnervt mein Zimmer stürmt und Herbert das Maul stopft. “Es reicht. Ich kann das nicht mehr. Du musst etwas anderes hören.” Kinder an die Macht. 

Ich kneife die Augen fest zusammen und sehe den Dom vor meinem Fenster. Ich weiß, dass er da ist. Er ist immer da. Jeden Abend schimmert er grün durch die Nacht. Grün ist der Dom, weil ihn die Tauben der Stadt in ihre Scheiße gehüllt haben. Das hat mir Amir erzählt. Woher er das weiß? Er zuckt nur mit den Schultern. Isso. Vogelscheiße leuchtet eben grün. Mich beruhigt der Anblick des Doms. Wie er da über den Dächern thront. Beschissen und Unverrückbar. Vielleicht passt er auf mich auf. Ich will mir das einbilden. Auf der Straße vor dem Haus höre ich Autos über Kopfsteinpflaster rollen. Da draußen sind Menschen. Wenn ich nur laut genug schreie, dann kommen sie und beschützen mich. Bestimmt. Allein. Ich bin ganz allein in dieser riesigen Wohnung.Ich versuche ruhig zu atmen. Ganz leise. Sonst hört er mich. Der Drache. Die Summe meiner Ängste. Ständig wechselt er seine Form. Gerade sieht mein Drache aus wie Freddy Krueger. Im Kino habe ich ein Poster von ihm gesehen. Das hakennasige Gesicht hinter den furchtbaren Scherenhänden. Zerfressen vom Feuer. Wir wollten “Flussfahrt mit Huhn“ schauen. Zum sechsten Mal. Kinder an die Macht. Aber statt einem Floss mit Kindern drauf, habe ich jetzt eine Fratze im Kopf, die mich bestimmt holen kommt, wenn ich einschlafe. Amir hat mir die Geschichte zu dem Poster erzählt. Er kennt sie von Robert, seinem Bruder. Der hat den Film gesehen. Amir teilt Roberts Erzählungen mit mir. “Und dann kommt Freddy und holt sich die Kinder im Traum. Er schlitzt sie auf. Sie schreien sehr laut.” Er hat auch Angst. Ich kann sie in seinen Augen sehen. 

Ich liege dort. Stunde um Stunde. Ab und zu nicke ich kurz ein, wache aber immer wieder auf und die Angst ist sofort da. Durch den Luftschlitz will sie zu mir unter die Decke kriechen und mich dann zerreißen. Mit ihrem grausigen Gesicht und den Scherenhänden. Ich muss auf Toilette. Aber das kommt überhaupt nicht in Frage. Niemals würde ich den ganzen Weg durch die dunkle Wohnung bis zum Bad überleben. Ich müsste sterben da draußen. Alle würden sie aus ihren Ecken und Verstecken hervor gestürzt kommen und mich unter sich begraben. Allein. Ich bin ganz allein in dieser riesigen Wohnung. Irgendwann fängt es an weh zu tun. Ich habe Angst mich umzudrehen, aber wenn ich auf dem Bauch liegen bleibe, dann wird meine Blase platzen und ich werde ins Bett auslaufen. Das darf nicht nochmal passieren. Als meine Mutter mich das letzte Mal so vorfindet ist sie nicht sauer. Mit müdem Gesicht wechselt sie meine ganze Bettwäsche. Ich sitze nackt auf dem roten Holzhocker vor dem Bett und schaue ihr dabei zu. Das ganze Zimmer riecht nach Pisse. Ich auch. Der nasse, helblaue Frottee Schlafanzug liegt vor mir auf dem Teppich. 

Irgendwann höre ich den Schlüssel im Türschloss. Ich schrecke aus meinem Halbschlaf hoch. Sie ist wieder da. Erleichterung überwältigt mich. Ich höre wie meine Mutter die Schlüssel auf den Küchentisch legt. Das würde Freddy Krueger nicht tun. Der legt keinen Schlüssel ab, bevor er Kinder aufschlitzt. Da bin ich mir sicher. Meine Zimmertür geht auf und zwischen den Füßen meiner Mutter sehe ich Licht auf die Strickleiter fallen. Ich hebe meinen Kopf und sehe das Licht die Sprossen erklimmen. Du schläfst gar nicht? Nein. Sie kommt und streicht mir die nassen Haare aus dem verschwitzten Gesicht. Sie hat mich nicht verlassen. Meine Mutter muss mich auf Toilette tragen. Völlig verkrümmt hänge ich in ihren Armen. Ich kann nicht mehr laufen, so weh tut mir meine Blase. Ich bin nicht mehr alleine in dieser riesigen Wohnung.

 

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