Traumatänzer

Mit Schwäche kann man im Hause der Mutter meiner Mutter wenig anfangen und das obwohl der Vater im Krieg geblieben ist. Oder vielleicht deswegen. Im Krieg geblieben. Ich erinnere mich kaum an ihn. An meinen Opa. In meinem Kopf sind nur noch wenige Sequenzen. In kaum einer spielt er eine aktive Rolle. Er ist eine verwaschene Randnotiz, die ich mir aus einigen wenigen Erinnerungsfetzen zusammengeklebt habe. Vergilbt, mit reichlich verwaschenem Bleistift geschrieben und kaum zu entziffern. Wenn ich nach meinem Großvater suche, um ihn zu erzählen, dann muss ich zwischen den Zeilen lesen und seine lückenhafte Biographie mit Konjunktiven füllen. Wäre er nur da gewesen, dann hätte er dies oder das sein können. 

Er sitzt einfach nur da. Auf diesem riesigen Sessel. Vor dem Panoramafenster. Hinter dem Fenster ein winziger Garten. Dahinter eine Wiese mit Kühen. Dahinter der Wald. Die Idylle dahinten übt keinerlei Faszination auf meinen Opa aus. Er sieht sie nicht. Morgens schleppt er sich, auf seinen Wurzelholzgehstock gestützt, zu seinem Sessel und lässt sich laut seufzend darauf niedersinken. Mit Blick auf den nicht eingeschalteten Fernseher. Da sitzt er und trinkt und raucht. Er tut nichts anderes mehr. Der Krieg holt ihn heim, höhlt ihn aus, betreibt Raubbau an den Überresten seines Innen. Jeden Morgens fährt er ein. Ins Dunkel. Und dort bleibt er dann. Unter Tage. Die Arbeiten hören nicht auf. Der Krieg ist in ihm geblieben. 

Neben dem Sessel meines Opas steht ein kleiner Elefant aus Bast. Auf dem Rücken trägt der Elefant ein silbernes Tablett. Auf dem Tablett steht eine kleine geschliffene Glaskaraffe. Jeden Morgen in der Frühe sorgt Meine Oma dafür, dass die Karaffe voll ist. Daneben stellt sie das passend geschliffene Glas. Und wenn mein Opa sich morgens aus dem Bett quält, schnaufend die Treppen herunterpoltert und sich neben den kleinen Elefanten in den Sessel plumpsen lässt, dann trägt dieser bereits schwer an der Last, die für meinen Opa große Erleichterung bedeutet. Morgens ist die Karaffe voll. Mittags leer. Dann ist mein Opa voll und sein Blick leer. 

Er sitzt, seufzt und starrt blind auf die dunkle Mattscheibe vor ihm. Eines seiner Augen ist aus Glas. Das echte hat ihm ein Freund mit Pfeil und Bogen ausgeschossen. Es ist die einzige Geschichte aus der Kindheit meines Opas, die ich jemals höre. Ein Bogen, der gespannt wird. Ein Pfeil, der fliegt. Direkt in das Auge von Karl-Heinz. “So ein Auge läuft einfach aus. Wie ein zerbrochenes Ei.” Keiner weiß ob das stimmt, aber da niemand meiner Oma jemals offen widerspricht ist es die Wahrheit. Nachdem also das Auge des kleinen Karl-Heinz ausgelaufen ist, hält gläserner Ersatz Einzug in die verlassene Augenhöhle. 

Wenn wir Enkelkinder uns unbeobachtet fühlen, dann schleichen wir in das Schlafzimmer meiner Großeltern, öffnen die Schublade des großväterlichen Nachtschränkchens und blicken tief in seine leeren Glasaugen. Er hat drei. Als ich die Augen das erste Mal sehe, bin ich enttäuscht. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt. Ich hatte Tischtennisbälle erwartet. Oder wenigstens große Glasmurmeln. Stattdessen liegen da auf Watte gebettet stumpf blickende, halbrunde Hohlkörper. Ob sie den Krieg gesehen haben, wissen wir nicht. Alt genug könnten sie sein. 

Mein Opa hat ein Lieblingsauge. Es ist hellblau und außergewöhnlich schlecht gefertigt. Man sieht ihm die Falschheit sofort an. Es lungert da schief und blind in seiner runzeligen Augenhöhle herum und gibt sich keinerlei Mühe wie ein echtes Auge auszusehen. Nicht einmal die Farbe stimmt. Aber das ist nicht so schlimm, denn meistens trägt mein Opa eine Brille deren Gläser so schlierig sind, dass man die Augen dahinter ohnehin nicht sehen kann. Wie mein einäugiger Opa es mit seiner verdreckten Brille überhaupt jemals in den Krieg geschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Ob er ein willenloser Blindgänger war oder der einäugige König unter den ideologisch Verblendeten, darüber gehen die Meinungen in der Familie weit auseinander. An der Front kann er Freund und Feind jedenfalls nur erahnt haben.

Ein einziges Mal sehe ich meinen Opa seine starrende Starre überwinden. Ich bin vielleicht 9 Jahre alt. Vielleicht auch nicht. Ole ist auch da. Ole ist mein Cousin. Einer von vielen. Er ist ein paar Jahre älter als ich. Wir kennen uns kaum, weil seine Eltern sich getrennt und ihn aufgeteilt haben. Er ist bei seiner Mutter geblieben, während sein Vater mit seinem Bruder in die USA ausgewandert ist. Oles Mutter hasst diesen Teil der Familie. Meinen Teil. Deshalb kommt Ole, wenn er kommt, immer alleine. Mit dem Zug oder mit einer seiner unzähligen Tanten. Jetzt ist Ole also hier, weil eine seiner unzähligen Tanten meine Mutter ist. 

Uns ist langweilig. Wir haben bereits mit den beiden ausgestopften Krokodilen gespielt, die auf der riesigen Schrankwand im Wohnzimmer lauern. Zu oft haben wir die Fünf Freunde Platten gehört und uns gemeinsam darüber aufgeregt, dass die Pfeifen sich ständig entführen lassen und gefühlte 1000 mal Sommerferien haben. Bleiben nur noch die Comics. Meine Oma hasst Comics und drückt uns, als pädagogische Alternative, ihr Luftgewehr in die Hände. Das Luftgewehr. Der Moment auf den wir natürlich gewartet haben. Endlich. “Comics lesen macht dumm. Geht endlich mal raus an die frische Luft.” 5 Sekunden später stehen wir in dem winzigen Garten und schießen auf die kleine Sport-Zielscheibe, die am Ende des winzigen Gartens in dem morschen Jägerzaun-Pfosten steckt. Die Zielscheibe wiederum steckt in einem kleinen Trichter aus Metall. Wenn wir schießen und treffen, dann schlägt die Kugel mit einem leisen “Plick” erst durch die Scheibe und dann in den Trichter dahinter ein. Wir schießen eine lange Weile. Plick. Plick. Plick. Euphorie und Wildwest-Romantik sind schnell verflogen. Comics machen zwar dumm, aber das hier ist auch nicht besonders clever. Kugeln sollten nicht “Plick” machen, wenn sie irgendwas treffen. Dinge, auf die man schießt sollten explodieren, wenn man sie trifft. Plick. Plick. Wir langweilen uns jetzt nicht mehr drinnen sondern draußen. Plick.

Mir sind die Kühe hinter dem Jägerzaun natürlich auch aufgefallen, aber Ole spricht sie zuerst an. “Da sind Kühe auf der Wiese.” Ja, Ole. Das stimmt. Dass wir nicht dürfen, was wir gleich tun werden, ist uns beiden klar. Verstohlen und vollkommen unauffällig schauen wir uns um. Oma ist nicht zusehen. Hinter dem Panoramafenster sitzt lediglich mein regloser Opa. Er ist weit weg. Ganz tief unten. Eingefahren ins Reich der Schatten. Die Flasche vor ihm ist halbleer. Halbleer ist gut. Halbleer bedeutet er ist halbvoll. Halbleer bedeutet Narrenfreiheit. “Die Kühe sind fällig”. Teuflisch grinsend öffnet Ole den Kipplauf der Waffe und legt einen dieser merkwürdigen Bolzen ein, die Diabolo heißen. Die Ironie entgeht uns. Wir wissen, dass es bei Todesstrafe verboten ist, auf Lebewesen zu schießen. Egal. Todesstrafe ist besser als Langeweile. Ole drückt mir das geladene Gewehr in die Hand, nickt mir aufgeregt zu und stellt sich hinter mich. Ich denke kurz über den Tod nach, der mich in Form meiner wutentbrannten Oma ereilen wird, wenn sie herausfindet, dass ich eine Nachbarskuh erschossen habe. Allein mir fehlt die Phantasie, um mir mein eigenes, gewaltsames Ableben vorzustellen. Keine Phantasie, keine Angst. Außerdem habe ich etwas anderes zu tun. Da wartet eine Kuh auf mich.

Den Schein wahrend, ziele ich erst auf die Scheibe und dann auf das friedlich weidende Vieh rechts dahinter. Ich erinnere mich an das zerlaufende Auge meines Opas und entscheide mich gegen den Kopf und für den riesigen Hintern der Kuh als Ziel. Der hat keine Augen und ist außerdem kaum zu verfehlen. Ich drücke ab. Diesmal macht es nicht “Plick”, dafür aber explodiert die Kuh. Sie springt hoch in die Luft, schlägt mehrere Male wild mit ihren Hufen nach hinten aus und bockt dann wie verrückt über die Wiese. Die anderen Kühe bekommen Angst, weichen vor ihrer wildgewordenen Mitkuh zurück und beginnen laut zu brüllen. Ole und ich stehen nur da und glotzen. Mama Muh bekommt Panik. Wir auch. In diesem Moment folgt eine zweite Explosion. Hinter uns. Im Haus. Ein lauter Schrei. Von ganz tief unten. Direkt aus der Hölle. Die Tür fliegt auf. Und da steht schwankend der Racheengel Karl-Heinz mit seinem hoch erhobenen, feurigen Schwert aus Wurzelholz. Er brüllt laute Laute, die wir nicht verstehen. Dann stürzt mein Opa sich auf Ole. Ole steht nur da. Zur Salzsäule erstarrt. Der erste Stockschlag trifft Ole krachend an der Schulter. Er stolpert. Stürzt. Meine Opa stürzt stolpernd hinterher. “Ich bring dich um, du verdammter Hurensohn!” Sie fallen miteinander. Übereinander. Aufeinander. “Ich bring dich um!”. Die Kühe brüllen mit meinem Opa um die Wette. Das Innen mein Opas ist nun Außen. Um uns herum. Der Krieg ist wieder da. Und ich habe ihn eingeladen.

Ich höre Ole jammern. Er liegt auf dem Rücken. Die Arme zum Schutz um Kopf und Körper geschlungen. Quer über ihm liegt der gefallene Racheengel. Er brüllt nicht mehr. Die Kraft, die ihn gerade noch aus dem Sessel gerissen und in den Garten getrieben hat, ist nun aus ihm gewichen. Mit seinen alten Fäusten schlägt er verzweifelt und ziellos nach seinem Enkel. Er trifft ihn nicht. Tränen strömen aus seinem Auge. Meine Oma kommt aus dem Haus gerannt. Sie hat Brotteig an den Händen. Jetzt steht sie. Neben mir. Wie angewurzelt. Sie starrt. Ich starre. Die Kühe starren. Ole kämpft sich unter meinem schluchzenden Opa hervor, kriecht auf allen Vieren über die Terasse. Setzt sich neben mich und erstarrt mit uns. 

Meine Oma fängt sich als erste. Sie hilft ihrem Mann auf die Beine. Es ist ein komisches Schauspiel. Teigige Hände, die nach einem sehr alten, gebrochenen Mann greifen. “Helft mir!”. Ich helfe ihr so gut ich kann. Aber ich bin sehr klein und habe keinerlei Hebelwirkungen beizusteuern. Ole bleibt sitzen, die Hände zu Fäusten geballt. Als mein Opa endlich steht, bringt meine Oma ihn leise schimpfend ins Bett. Warum er immer so viel trinken muss? Warum er ihr das antut? Ich höre ihn schluchzend eine Entschuldigung murmeln. Arm in Arm schlurfen sie die schmale Treppe zum Schlafzimmer hoch. Ich schaue nach Ole, der noch immer still auf dem Boden hockt. Als sich unsere Blicke treffen beginnt er zu lächeln und öffnet eine seiner Fäuste. Aus Oles Hand schaut mich vorwurfsvoll das Glasauge meines Opas an. jetzt bin ich mir sicher, dass es den Krieg gesehen hat. 

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