Intelligenzbestien

“Papa. Ich will dir mal erzählen, was deine Tochter besonders gut kann!” Marie will über sich selbst sprechen. Neuerdings gerne in der dritten Person. Ihre große Schwester verdreht die Augen. Es ist wieder so weit. Marie atmet tief ein, um weiter ausholen zu können. “Ich schreibe gute Noten, ohne zu lernen. Ich bin eine begabte Schauspielerin. Ich bin sportlich. Ich kann singen. Und ich bin schön.” Sie holt nochmal Luft und fährt dann fort. “Ich habe ein überragendes Gedächtnis. Ich bin humorvoll und niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie ich.” Das stimmt leider. Niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie sie. Allerdings kann auch niemand mit Gewissheit behaupten, dass Marie beim Spielen nicht betrügt. Alles geht so schnell, wenn sie Steine sammelt und verteilt.

Als Marie ihre kleine Eigenlobhymne beendet hat, stolziert sie zufrieden davon, um woanders schön, klug und sportlich zu sein. Ihre große Schwester bleibt sitzen und sagt gar nichts. Lotte grübelt leise vor sich hin. Ich erahne die Gedanken hinter ihrer sorgfältig gefalteten Stirn. Manchmal ist es schwer eine so offensiv begabte und selbstbewusste Schwester zu haben. Ich leide leise mit ihr. Emil kommt vorbei geschlendert. Er kann Gedanken und Traurigkeit riechen. Er bleibt vor seiner Schwester stehen und mustert sie eingehend. Dann dreht er sich um und holt Lotte ein Taschentuch. Sie zieht ihn mitsamt Taschentuch auf ihren Schoß. Die beiden verstehen sich und andere. Oft auch ohne Worte.

Wir haben schon oft darüber gesprochen, dass es unterschiedlichste Begabungen gibt und dass viele davon in der Schule keine zählbare Rolle spielen. Aber das hilft Lotte im Moment natürlich nicht weiter. Was nicht gemessen und benotet wird… das zählt auch nicht. Ist nichts wert. Ach ja. Schule. Der Ort, der es der einen Tochter so einfach macht sich für etwas Besonderes zu halten, während die andere darunter leidet, dass einige ihrer Talente nicht ins Notenschema passen. Lotte weiß, wer sie ist und was sie kann. Aber sowas vergisst man in der Schule schnell.

Ich will Lotte etwas zeigen. Wir ziehen uns an und spazieren rüber zu meiner Mutter. Die hat nämlich ihren Dachboden aufgeräumt und dabei Teile meiner Kindheit gefunden. Dunkle Kapitel meiner Schulkarriere. Mathe-Klassenarbeitshefte mit zynischen Lehrer-Kommentaren unter meinen ahnungslosen Rechenbemühungen. “Die Arbeit sieht so aus, als hättest du an meinem Unterricht nicht teilgenommen.” Mangelhaft. Ungenügend. Vernichtende Urteile mit Rotstiften ins Papier gebrannt, während die bleigestiftete Geometrie darüber längst verblasst ist.

Das überhaupt irgendwas aus mir geworden ist, grenzt an ein Wunder. Lotte ist begeistert. Ihr Vater war keiner von den Guten. “Du bist sicher, dass Marie deine Tochter ist?” Lotte blickt ungläubig in meine Hefte, die vor schlechter Grammatik und miserabler Zeichensetzung nur so strotzen. Ich versichere ihr, dass ich bei der Zeugung ihrer Schwester zugegen war und nehme ihr meine Vergangenheit aus den unverschämten Händen. Verzogene Göre. Aus dem rotgetränkten Deutschheft (Klasse 6d) fällt ein maschinell beschriebenes Blatt. Einer meiner ersten Texte. Ein frühes Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger. Es trägt den Titel “Anselm der Größte”. Lotte entreißt mir das vergilbte Papier und beginnt laut vorzulesen.

fullsizerender

Lotte lacht laut. Meine Mutter auch. Ich kann nichts witziges daran finden. “Ja. Lustig. Lacht ihr nur. Ich war 4 als ich das geschrieben habe. Ich bin ein Genie.” Meine Mutter hebt lächelnd die Augenbrauen und weist ihre Enkeltochter an, das Datum auf der Rückseite des Blattes vorzulesen. Lotte kommt dem Wunsch gerne nach und verkündet laut die niederschmetternde Wahrheit. 1991. “Mein Lieber. Es tut mir leid, aber als du das geschrieben hast… warst du 10”.

Ich bin mir sicher, dass ich dafür andere Dinge gut konnte. Dinge, auf die es keine Noten gab. Lotte nimmt meine Hand und keine zwei Sekunden später steht Emil mit einem Taschentuch vor mir. Wir können andere Dinge.

Intelligenzbestien

Wahrsager

Ich schiebe einen Einkaufswagen durch die vollen Gänge des Discounters. Ich will hier nicht sein. Heute beginnen die Handwerkerwochen. Trotzdem sind hier keine Männer zu sehen. Männer wollen keine King Craft Schwingschleifer, um die Küchenarbeitsflächen ihrer Frauen wieder herzustellen. Männer wollen starkstrombetriebene Abbruchhämmer von Hilti, um Küchen komplett zu entkernen und niederzureißen. Männer wollen Küchen vernichten und dann Handwerker bestellen. Sollen die doch das Chaos beseitigen und lavendelfarbene Hochglanzküchenzeilen einbauen. Trotzdem halten diese Frauen das kleine King Craft Heimwerkerset mit den 2000 Teilen für ein gutes Weihnachtsgeschenk.

Ich will nichts von alledem. Ich will nur Milch. Und ich habe eine kleine Marie dabei. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Sie sitzt in diesem gemütlichen, liebevoll designten Einkaufswagen-Kindersitz aus deutschem Qualitäts-Stahl. Maries kleine Speckbeine haben kaum durch die herausgefrästen Öffnungen gepasst. Sie wollte es trotzdem so. Aber ich habe Bedenken. Erstens befindet sich nun alles in Griffhöhe dieses unberechenbaren Kindes und zweitens werde ich bestimmt eine King Craft Flex kaufen müssen, um mein Kind aus dem Sitz herausschneiden zu können. First things first. Milch! Ich schubse den Wagen durch den Gang. Vorbei an Brot, Süßigkeiten und Spirituosen. Marie ist ruhig und konzentriert. Sonst redet sie wie ein Wasserfall. Aus Gewohnheit gebe ich zustimmende Geräusche von mir. “Ja. Hmmmm… ja. Gleich.” Marie schaut mich skeptisch an. Sie schaut tief in meine Seele und deaktiviert den väterlichen Autopiloten. Dann plötzlich erregt ein Stapel Plastikflaschen ihre Aufmerksamkeit. Sie wedelt aufgeregt mit ihren kleinen, dicken Händen. Und brüllt dann laut: “GUCK PAPA. DA STEHT DAS BIER!”

Augenblicklich wird es still. Die Zeit bleibt stehen. In der Ferne bellt ein Hund. Mütterblicke durchbohren mich. Köpfe kopfschütteln. „Aha!“, denken sie alle. „Kindermund tut Wahrheit Kund.“ Marie strahlt. Ich wünsche mir einen King Craft Klappspaten, um mir mein eigenes Grab schaufeln zu können.

7 Jahre später. Dieselbe Marie sitzt am Küchentisch vor einem großen Gemüseteller und schaut ihrer jüngeren Schwester neidisch beim Essen zu. Marie darf zur Zeit Abends nur noch ein Brot essen. Ihre Liebe zu Kohlenhydraten, hat diese Maßnahme nötig gemacht. Ich sehe, dass die ungerecht Behandelte einen Plan hat. Sie lächelt diabolisch. “Ida… gib mir mal deine Hand. Ich kann dir die Zukunft vorhersagen.” Ida ist nur mäßig überzeugt, überlässt ihrer Schwester aber die freie Hand. “Ich brauche die andere Hand. Links ist nur Nebel. Rechts liegt die Wahrheit… das Brot kannst du hier ablegen.” Sie deutet auf ihren leeren Teller. Ida tut wie ihr geheißen. Marie, die Wahrsagerin, befummelt die rechte Handfläche ihrer Schwester und brummt dabei mystisch. “Ida… ich sehe… ich sehe, dass du morgen um 06.45 Uhr von Papa geweckt werden wirst.” Sie ist gut. “Außerdem sehe ich… ooohhh… ich sehe, dass du heute Abend noch Ärger bekommen wirst, weil du zu lange brauchst, um dich bettfertig zu machen… es wird schlimm werden.” Idas Augen weiten sich. Ihr Mund klappt auf und zu. Marie hält Idas Hand weiter fest. Die Augen verschlossen. “Ida… ich sehe dein Zimmer. Es ist sehr unordentlich. Papa wird dich anbrüllen, weil du es nicht aufgeräumt hast.” Das ist zuviel. Ida hat Tränen in den Augen. “Ich war heute den ganzen Tag weg! Mein Zimmer ist ordentlich.” Marie zuckt mit den Achseln. “Die Hand lügt nicht…”

Jetzt weiß ich auch was Marie den ganzen Tag mit ihren Freundinnen in der oberen Etage getan hat. In Idas Zimmer steht die Verkleidungskiste. Noch ein Privileg, das sie ihrer Schwester seit Monaten missgönnt. Das Spiel von Marie und ihren Freundinnen hatte sich sehr nach Verwüstung angehört. “Habt ihr aufgeräumt?”, hatte ich streng gefragt, bevor ich die Freundinnen des Hauses verwies. Heftiges Kopfnicken. Natürlich haben sie. Machen sie das nicht immer? Von ganz alleine. Ohne, dass irgendwer sie daran erinnern müsste? Wie kann ich es nur wagen, diese Frage zu stellen.

Ida stürzt weinend aus dem Esszimmer und eilt die Treppenstufen hinauf. Ich werfe Marie einen bösen Blick zu und eile dann ihrer Schwester hinterher. Als ich oben ankomme steht Ida bereits zitternd im Türrahmen. Ihre Hand hat wirklich nicht gelogen. So sieht die Apokalypse aus.

Ich nehme Ida in den Arm und versichere ihr, dass ihre Schwester für diese Schandtat büßen wird. “Jetzt iss erstmal auf und dann quälen wir Marie!” Ida lächelt versöhnt. Als wir wieder am Esszimmertisch ankommen, sind Marie und Idas Brot wie vom Erdboden verschluckt. Ida überlegt. “Ich weiß ungefähr wie Maries Abend aussehen wird, Papa!” Ich nicke. Wir essen Gemüse und malen uns gemeinsam Maries düstere Zukunft aus.

Wahrsager

Kinderschmuggel

Ida steht vor mir. Die Hände hält sie hinter dem Rücken versteckt. “Ida! Was habt ihr draußen vor?” Ida guckt erstaunt. “Nichts!” Nichts. Natürlich. Wie konnte ich nur fragen. Meine Kinder haben meistens nichts vor. Nach all den Jahren halten diese Kinder ihre Eltern immer noch für leicht beschränkt. “Ida! Was hast du mit Pelle draußen vor?” Pelle, der Nachbarjunge, hat sich schon bei meiner ersten inquisitorischen Frage aus dem Staub gemacht. Er lungert im Schatten der Garderobe und fingert sehr interessiert an unserem Staubsauger herum. Pelle hat nie zuvor in seinem Leben einen Staubsauger gesehen. Ein Wunderwerk der Technik. Was die wohl als nächstes erfinden werden? Pelle glänzt eher durch gute Einfälle als durch Mut und Entschlossenheit. Besser ist das.

Ida wird ungeduldig. “Können wir jetzt gehen, sonst wird das Holz draußen nass!” Aha! Ich höre wie Pelle erschrocken nach Luft schnappt und vor lauter Angst den Staubsauger umarmt. “Ida? Für wie blöde hälst du mich? Du hast da Streichhölzer hinter deinem Rücken… was habt ihr damit vor?” Marie schlendert durchs Bild. Nur mit einer Unterhose bekleidet. Sie will in den Keller. Da stehen die Süßigkeitenkisten der Kinder. Sie murmelt etwas von “Wäscheleine… Lieblingsjeans” und verschwindet dann.

Ida senkt betreten den Kopf. Woher hat ihr Vater das gewusst? Hat sie etwa nicht gut genug aufgepasst als sie sich mit linkisch-unnatürlichen Schleichbewegungen dem Tisch näherte? Und war es zu auffällig gewesen, als sie sich beiläufig mitten auf den Tisch legte, um die Streichholzschachtel unter ihrem Körper zu begraben? Was hatte sie nur verraten? War es der Moment als sie sich schwerfällig vom Tisch rollte und die Schachtel auf den Boden fiel? War es das panische Flüstern im Anschluss an das Missgeschick? “Pelle! Komm schnell! Da liegt die Schachtel!” Oder war es Pelles Schuld? Seine feuchten, nervösen Hände hatten die Schachtel erst aufgeweicht und dann zerrissen. Nein. Auch in dem Moment hatte Papa weiter auf seinen Laptop geschaut und irgendwas getippt. Sie hatten wie kleine Schatten gearbeitet, als sie die Streichhölzer geräuschvoll vom Küchenboden auflasen. Ida ist das alles ein Rätsel. Der Plan war perfekt gewesen.

Ich habe mir das alles mit Genuss angeschaut. Was für ein Schauspiel. Viel auffälliger ging es kaum. Das angstvolle Schielen in meine Richtung. Die Schweißausbrüche auf Pelles Stirn. Idas panisches Schreiflüstern. Ein Jahrhundertraub! Ein echtes Privileg, diese beiden genialen Kinderhirne in Tateinheit arbeiten zu sehen. Bei mir ist es damals nicht anders gewesen. Auch ich wurde laufend enttarnt und habe nie verstanden wie es dazu kommen konnte. Gewitzt wie ich war. Offensichtlich wird dieses Talent weitervererbt. Die nächste Generation von Meisterdieben.

Ida tritt nervös von einem Bein aufs andere. “Wir wollen nur was ausprobieren!” Ein Geständnis. Hinter mir fällt Pelle in Ohnmacht. Im Hintergrund steigt Marie schwer keuchend die Kellertreppen herauf und drängelt sich unauffällig durch die Szene. Eine Hose hat sie immer noch nicht an. Dafür aber eine dicke Winterjacke. Die mit den großen Taschen.

Ich einige mich mit Ida darauf, dass sie auf unserem Hof bleiben und nichts anzünden was entweder lebt oder den Wert von zwei Eiskugeln überschreitet. Wir rechnen in Eiskugeln. Damit kann hier jeder was anfangen. Ida ist zufrieden mit dem Deal. Sie weckt Pelle und die beiden ziehen von dannen. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Ich werde einen Text darüber schreiben. Als ich mich setze wird Helena In der oberen Etage laut: “Marie! Ich will wissen, was du da in den Taschen hast!”

Kinderschmuggel

Sankt Martin

Es ist kalt und die Kinder sind begeistert. Wir werden einem sehr alten Pony hinterherlaufen und dabei noch ältere Lieder singen. Von einem Mann, der zu geizig war, um seinen ganzen Mantel zu verschenken. Ein echtes Vorbild. Wir geben gerade soviel, dass es uns selbst nicht weh tut und fahren dann in unseren hübschen Autos in unsere hübschen Häuser. Eigentlich ist die Geschichte vom Sankt Martin eine sozialkritische Veranstaltung.

Da verschenkt einer die Hälfte seines Mantels und bekommt dafür einen eigenen Gedenktag. Kein schlechter Deal. Wir verklappen Kinderklamotten säckeweise in Rotkreuz-Containern. Da war sicher auch schon der eine oder andere Mantel dabei. Und die waren dann auch nicht zerschnitten. In 1600 Jahren wird es also einen Tag geben, an dem Kinder hinter einem klapprigen Kleinwagen herlaufen und singend meinem Lebenswerk huldigen.

Der Flur ist erfüllt vom Funktionsjackengeraschel. Kinder lachen Kinderlachen. Dann Geschrei. “Das ist meine Jacke, Marie! Gib sie her!” Lotte zückt den Schuhanzieher. Den großen, handgeschmiedeten mit den scharfen Kanten und geht damit auf ihre Schwester los. Marie pariert die Attacke geschickt mit ihrem schweren Lederstiefel. Bevor Blut fließt entwaffne ich die Kontrahentinnen und drohe mit Hausarrest auf Lebenszeit. Ich bin sehr glaubwürdig. Und weil die Kinder wissen, dass ich jede spontane Drohung kompromisslos durchsetze, ziehen sie murrend von dannen. Ich klopfe mir selbst auf die Schulter. Ich weiß gar nicht was die Leute immer haben. Kindererziehung ist überhaupt kein Ding. Heulsusen. Klappt doch. Wenn man es so gut macht wie ich. Helena schiebt sich an mir vorbei und murmelt mir “Glückstreffer!” an den Kopf. Ich suche nach dem Schuhanzieher.

Irgendwann sind wir tatsächlich alle soweit. Der Treffpunkt ist die Backhaus-Bauruine in der Mitte des Dorfes. 20 Meter Fußweg. Als wir dort ankommen hängt bereits die Hälfte unserer Laternen in Fetzen von zerbrochenen Stöcken. Die Stimmung könnte besser nicht sein. Größere Kinder jagen ihre kleineren Geschwister mit brennenden Fackeln. Der Kampfhund des sympathischen Nachbarn bellt lustig und schnappt verspielt nach vorbei laufenden Kinderbeinen. Der Mob ist bereit.

Und dann die Hiobsbotschaft. Mit Tränen in den Augen steht Ida vor mir und gibt weiter, was soeben in den Reihen der Blaskapelle geflüstert wurde. “Der Sankt Martin kommt nicht! Sein Pony ist krank” Sie sagt es zu laut. Die Welt steht für einen Moment still. Dann weiten sich Augen. Unterlippen beginnen zu beben. Dann bricht das Chaos los. Kinder schreien. Mütter wehklagen. Männer raufen sich gegenseitig die Haare aus. Die Verzweiflung ist groß. Was sollen wir nun tun? Was im Leben macht jetzt noch Sinn? Am Ende spricht der Ortsbürgermeister ein Machtwort. “Wir lassen uns den Martinszug nicht nehmen! Wir laufen trotzdem. Jetzt erst recht!” Der Mob beruhigt sich. Köpfe nicken. Mütter trocknen Kindertränen. Zustimmendes Gemurmel. “Das Pony sah schon im letzten Jahr nicht gut aus.” “Nach meiner Lara hat das Vieh geschnappt. Hoffentlich stirbt der Gaul!” Und so wird unser Martinszug zu einer wütenden Protestbewegung. Trotzig marschieren wir gegen die Unwägbarkeiten des Lebens. Die Blaskapelle spielt zornig ihr limitiertes Repertoire an Martinsliedern und wir brüllen “Rabimmel, Rabammel, Rabumm. BUMM! BUMM!”. Wie Montags in Dresden!: schießt es mir durch den Kopf. Lag die Singbeteiligung im letzten Jahr noch bei unter 12%, so steigt sie heute Abend auf nahezu sozialistische 90%. Wenn der deutsche Wutbürger Sankt Martin feiert, dann richtig.

Nur Emil will immer noch nicht wahrhaben, dass er Sankt Martin ohne Sankt Martin auskommen soll. Er fragt immer wieder nach dem Verbleib des berittenen Helden und am Ende müssen wir ihm erzählen, dass das Pony vermutlich dem Angriff eines riesigen Leoparden-Rudels zum Opfer gefallen ist und gefressen wurde. Das leuchtet Emil ein. Ob auch ein Gorilla an dem Pony-Mord beteiligt war, will er noch wissen. Natürlich war da auch ein Gorilla. Wahrscheinlich sogar zwei.

Später sitzen wir um ein loderndes Feuer. Menschen starren in die Flammen. Auf den Bänken liegen zerstückelte Weckmänner. Kinder spielen mit Ton-Pfeifen im Mund fangen. Im Hintergrund werden Würstchen verkauft und tote Hühner und Enten verlost. Lotte gewinnt eine Ente. Wir schleppen die Geflügel-Leiche in einer Plastiktüte nach Hause und Lotte wird nicht müde zu betonen, dass unsere Familie noch niemals zuvor so viel Glück gehabt hätte.

Sankt Martin

Vorgeführt

Marie und ihre Schwestern haben das Puppentheater aus den Untiefen einer lang verschollenen Spielzeugkiste geborgen. Auch der Prinz ist aufgetaucht. Und das Krokodil. Und die ganze Kasperle-Bande. Die Idee, ein Stück auf die Bühne zu bringen, liegt auf der Hand. Die Proben dauern 11 Minuten und fordern einige Opfer.

Das Erste „ich mach nicht mehr mit!“ wird nach 20 Sekunden durchs Kinderzimmer geschrien. Ida wollte die Prinzessin spielen. Alle anderen auch. Lotte verlässt das Zimmer mit einem Weinkrampf. Auf dem Weg in ihr eigenes Refugium, hämmert sie zwei Türen in ihre wackligen Schlösser. Für die Galerie brülle ich ein „Hört auf, die Türen zu schlagen“ in die obere Etage. Meine Ansage ist nicht mal ein „Ich war das nicht!“ wert. Ich interessiere niemanden. Das Projekt ist wichtig. Sonst nichts. Aber wenigstens habe ich dem elterlichen Protokoll genüge getan.

Die Proben gehen ohne Lotte weiter. Wenig später steht die Story. Die verbliebenen Schwestern sind zufrieden und gratulieren sich gegenseitig zu ihrer schlüssigen Geschichte. Dann schmeißen sie ihren Bruder aus dem Zimmer. „Emil, wir brauchen keinen Leoparden!“ Emil kann zur Zeit keine Kompromisse eingehen. Er ist ein Leopard oder nichts. Schon seit Wochen. Und er ist ein guter Leopard. Laut und wild und gefährlich für seine Umgebung. Ida und Marie zerren ihren fauchenden Bruder liebevoll fluchend aus dem Zimmer. An den Füssen. Ein Unterfangen, das sich als schwierig herausstellt, weil der Leopard sich knurrend in den Bühnenrand verbissen hat. Nach einem kurzen Gerangel hebelt Marie ihrem Bruder mit einer Playmobil Feuerwehrleiter die Bühne aus dem Kiefer und schleift ihn erfolgreich aus dem Raum. Wieder fliegt eine Tür zu. Der Leopard jault eine Weile vor verschlossenen Toren und tritt dann widerwillig den Rückzug an.

„Papa. Wir haben fertig geprobt! Komm!“ Ich will nicht. Ich verstecke mich im Keller. Zwischen den Konserven. Da wird Marie nicht suchen. Ich stehe zwischen Gurken, Würstchen und einer großen Auswahl an Eingemachtem aus den 90er Jahren – frühe Werke meiner Mutter. Die Lektüre der Etiketten ist alles andere als Kurzweilig: „Sommertraum: Waldfrüchte mit Minze. 1997“, „Herbstabend: Apfel-Walnuss mit Koriander. 1999“. Wir sind mit diesen Köstlichkeiten also dreimal umgezogen. Wenn es soweit ist, werden mir Würstchengläser mit Fruchtmatsch als Grabbeilage in die leblosen Hände gedrückt. Die Fähre über den Styx werde ich mir also nicht leisten können. „Tut mir leid. Wäre es Erdbeer-Marmelade gewesen… aber viel Spaß beim Schwimmen!“ Charon lächelt freundlich, während er ablegt, um ein paar dunkle Seelen in den Hades zu schippern.

„Papa, was machst du hier?“ Vor mir steht Marie. Sie ist offensichtlich überrascht, mich hier zu finden. Ich bin es auch. Fast entgleitet mir der Herbstabend. „Ich… schaue wieviel Marmelade wir noch haben.“ Marie ist skeptisch. „Hast du dich hier versteckt?“ Ich räuspere mich, stelle den Herbstabend für die nächsten 20 Jahre zurück ins Regal und murmele ein eloquentes „Ähhh…!“ Marie fällt ihr Projekt wieder ein. „Komm jetzt. Wir wollen dir etwas vorführen.

Sekunden später sitze ich vor dem Puppentheater. Auf einem kleinen Ikea-Plastikhocker, der seinen Namen „Mammut“ völlig zu unrecht trägt. Hinter dem geschlossenen Vorhang treffen die Darstellerinnen letzte Absprachen. Ida und Marie vergessen mich. Sie streiten kurz darüber, ob das Krokodil erst verhauen wird und dann den Prinzen frisst oder ob der Prinz verschlungen und dann mitsamt Krokodil verprügelt werden sollte. Dann wird das ganze Stück über den Haufen geworfen. Ich frage, ob ich vielleicht nochmal kurz weggehen kann. Weit weg. „Warte Papa, gleich geht es los!“ Gleich. Aha. Ich fische mir ein lustiges Taschenbuch von Idas Nachttisch und mache es mir auf dem winzigen Hocker so gemütlich wie möglich. Nebenan knurrt ein Leopard. 10 Minuten später ist es soweit.

Der Vorhang gleitet auf. Das Stück ist ein wenig vorhersagbar und voller Gewalt. In schneller Reihenfolge werden erst das Krokodil und dann ein Ritter von der Prinzessin in die Flucht geschlagen. Als der Prinz eintrifft hat sich die Prinzessin bereits selbst gerettet. Der Prinz wird zudringlich und besteht auf den Kuss. Die Prinzessin wehrt sich und gibt dem Prinzen ordentlich Backenfutter. Ende. Das Stück hat genau 30 Sekunden gedauert. Auch Ida und Marie fällt auf, dass es der Geschichte an Tiefe und den Charakteren an Schärfe gefehlt hat. Also tritt jetzt nach und nach dass Gesamte Handpuppen-Kabinett auf und kassiert ebenfalls Haue. Der Polizist, die Oma, der Kasperle und am Ende auch der Teufel selbst… sie alle fallen dem Amoklauf der Prinzessin zum Opfer. Ida und Marie befinden sich im Blutrausch und zerren nun auch ihre Stofftiere auf die Bühne, um sie niederzumetzeln. Mir wird das zu doof. Ich stehe auf, öffne die Tür einen Spalt, rufe leise nach Emil, während im Hintergrund ein kleines, flauschiges Robbenbaby niedergeknüppelt wird. Emil schleicht – ganz Raubkatze – auf allen Vieren ins Zimmer. Als er die Kampfhandlungen sieht, beginnen seine Augen erst zu leuchten und verengen sich dann zu schmalen Schlitzen. Der Leopard setzt zum Sprung an. Frisches Robbenfleisch. Das ist genau sein Ding. Als der Leopard mit lautem Gebrüll in die Bühne fliegt, verlasse ich leise den Raum. Ich habe noch ein paar Marmeladen-Gläser zu inspizieren.

Vorgeführt

Style

In die Grundschule trage ich am liebsten Jogginghosen. Ich habe zwei. Die eine ist lila und die andere pink. Es sind die 80er Jahre, also ist die Farbwahl entschuldbar. Ich aber setze dem baumwollenen Ensemble die Modekrone auf. Denn obwohl meine Mutter mich mit Engelszungen davon abbringen möchte… meine Pullover gehören selbstverständlich IN die Hose. Hosenbundwulst und oben drüber mein blauer Scout-Ranzen mit dem Delphin drauf. An den Füßen alte Victory-Turnschuhe. Wahrscheinlich mit Klettverschluss. Ich bin 9 und liebe Klettverschlüsse. Die Haare trage ich selbstverständlich lang. Ich bin der David Bowie meiner Grundschule. Meine Mutter wird mir später gestehen, dass sie innerlich tausend Mode-Tode gestorben ist, wenn sie mich so aus dem Haus gehen ließ.

In der Schule nennt man mich auch Modepapst und meine Mitkinder werfen mir neidische Blicke zu. So viel Style.

Zu Hause essen wir oft Nudeln. Das stört mich nicht. Auch die Tatsache, dass ich außer den zwei Jogginghosen nur noch eine andere Hose besitze, fällt mir nicht auf. Ich bin satt und immer sehr gut angezogen. Das meine Mutter kaum Geld hat, wird mir das erste Mal bewusst als ich mit 10 auch die neuen Reebok-Pump Basketballschuhe haben will. Die sind zwar hässlich und knöchelhoch, aber die wollen alle. Also will ich die auch. Dabei hasse ich knöchelhohe Schuhe. Pullover in der Hose sind super. Aber Hosen die in Schuhen stecken? Das geht gar nicht. Trotzdem. Demnächst fallen meine veganen Plastik-Victory Schuhe völlig auseinander. Der Schuster hat in seinem mündlichen Obduktionsbericht vermerkt: “Ming leeve Frau. Die sin us Plaste. Kleben lohnt nich’ mehr!” Wir müssen also Schuhe kaufen. Meine Mutter ist von den technischen Vorteilen der Reeboks nicht überzeugt. Auch meine nahende Basketball-Karriere will sie nicht umstimmen. Ich bin der Kleinste in meiner Klasse. Das sagt sie so nicht, aber ihr mitleidiger Blick spricht Bände. “Außerdem habe ich kein Geld, um sie dir zu kaufen.” Sie stellt es fest und ich bin überrascht. Ich wußte das nicht. Na gut. Ich entscheide mich für ein anderes Paar Reeboks. Die haben zwar keinen orangenen Basketball zum Aufpumpen der Schuhsohle auf der Zunge, aber dafür sind die auch knöchelhoch und hässlich. Meine Mutter bezahlt die Schuhe mit den 30 Mark, die sie nicht hat. Ich bin zufrieden und abends essen wir Nudeln.

1991 kommt Hypercolor in die Läden. Krebserregende Textilien, die bei Wärme die Farbe ändern. Neon. Alles in Neon. T-shirts und Radlerhosen. Radlerhosen sind super. Finden alle. Ich nicht, aber ich mache trotzdem mit. Die Kosten halten sich in Grenzen. Vermutlich weil der Hersteller weiß, dass sein, mit Batteriesäure gefärbtes Produkt, in naher Zukunft Menschenleben fordern wird. Mir ist das egal, weil ich es ja nicht weiß und außerdem essen wir auch wieder Pilze. Trotz Tschernobyl. Ich bin also unsterblich. Hypercolor kann mir gar nichts. Und ich trage meine Neongelbe Radlerhose mit stolz in die Schule. Das T-shirt stilsicher in den Radlerhosenbund gestopft. Mein Weg zur Schule ist lang und ich bin spät dran. Also renne ich. Als ich zu spät ins Klassenzimmer stolpere, wird der große Nachteil einer wärmeempfindlichen Radlerhose offenbar. Mein Schritt ist grün. Ich brauche eine Weile, um allen glaubhaft zu versichern, dass David Bowie nicht unter Enuresis leidet und Herr über seine Blase ist. Am nächsten Tag komme ich wieder in Jogginghose. Sie ist pink und die Welt wieder in Ordnung.

Style

Schauspiel

Meine Mutter ist Schauspielerin. Wirklich. Damals jedenfalls war sie es. Ich bin 10 oder 11. Meine Mutter ist Antigone. Sprechtheater. Vor den Aufführungen sitzt sie in der Maske und betäubt ihr Lampenfieber mit Klosterfrau Melissengeist. Dann geht sie auf die Bühne, begräbt wortreich ihren toten Bruder Polyneikes vor den Toren Thebens und stirbt dann sehr glaubhaft einen beklemmenden Tod.

An der Uni spielt sie auch Theater. Sie studiert Sonderschullehramt. Zusammen mit vielen strickenden Männern. Ich sitze im Hörsaal und habe meinen neuen Gameboy dabei. Den Allerersten. Der mit dem grünen Bildschirm. Meine Mutter konnte es sich nicht leisten, aber sie hat ihn mir trotzdem zum Geburtstag geschenkt. Ich finde Tetris scheiße, aber alle finden es toll und ich weiß noch nicht, dass eine eigene Meinung nichts schlimmes ist. Als ich im Hörsaal die vielen strickenden Menschen sehe, kommt mir Tetris auf einmal gar nicht mehr so blöde vor. Der Professor sieht aus wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Da blieb ihm gar nichts anderes übrig. Er bringt das Leben des Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf die Bühne. Und weil so ziemlich jeder im Hörsaal mitmachen darf, kriege auch ich eine Rolle. Das Stück dauert lange. Hinter der Bühne wird nervös gestrickt. Das Stück dauert wirklich sehr lange. Nach Stunden, die sich wie Stunden anfühlen, klettere ich auf die Bühne. In Lumpen gehüllt stelle ich mich an ein imaginäres Feuer über dem ein leerer Suppenkessel baumelt. “Mutter, Mutter… ich hab’ Hunger!”. Das ist mein Satz und ich sage ihn so überzeugend, dass Friedrich Wilhelm Raiffeisen mir hinterher persönlich auf die Schulter klopft und mir eine Fanta spendiert.

Weil meine Mutter und ich alleine sind, bin ich meistens dabei. Bei Proben. Sprechunterricht. Aufführungen. Ich sitze in den Stuhlreihen oder in irgendwelchen großen Räumen mit Spiegelwänden und schaue dabei zu wie meine Mutter auf dicken Tauen liegt, wirre Zungenbrecher brüllt, flüstert, jammert oder singt. Und alle anderen machen das auch. 12 Menschen mit Rückenschmerzen versuchen laut Laute zu formen. In Ulm und um Ulm und Ulm herum. Später kreisen Köpfe, Arme und Schultern und 12 Menschen seufzen, ächzen und stöhnen. Kriechen laut kreischend über den eiskalten Estrich. Ich habe Freude daran. Nur bei den ganz peinlichen Übungen verstecke ich mich hinter meinen Schulbüchern und versuche das Geschehen auszublenden. Ich mache erste Bekanntschaft mit Fremdscham. Während meine Mutter auf den Kleinkunstbühnen Kölns tausend griechische Tode stirbt und Klosterfrau Melissengeist zum großen finanziellen Durchbruch verhilft, mache ich Hausaufgaben auf Klappstühlen.

Ein wenig später wechselt meine Mutter das Theatergenre und wird ein Engel. Bewegungstheater. Das Stück heißt “Die Schöpfung danach” und mein zukünftiger Stiefvater ist der Teufel. Das Ensemble ist gut. Das sehe sogar ich. Und ich habe keine Ahnung. Ich sitze wieder zwischen den Stuhlreihen, mache Hausaufgaben und schaue mir die Proben an. Und die Aufführungen. Und die weiblichen Schauspielerinnen. In der Umkleide sind alle nackt. Hinter der Bühne ist kein Raum für Scham. Warum auch? Man hat sich ja schon auf der Bühne nackig gemacht. Ich finde das spannend. Eva ist natürlich besonders hübsch. Und auch nackt. Im richtigen Leben spielt sie professionell Sega-Spiele und schreibt die Anleitungen dazu. Nicht den Tetris-Quatsch. Die richtigen Spiele. Sega Mega Drive. Nach den Vorstellungen gehen wir oft noch Pizza essen. Gott sitzt neben mir. Rülpst. Und bietet mir den Rest seines Kristallweizens an. Der Teufel verbietet es ihm.

Der Erfolg steigt allen zu Kopf. Viele denken, dass sie richtige Schauspieler sind. „Die Schöpfung danach fällt“ und mit den „Hofnarren“ wird alles sehr viel mehr ARTE. Keiner versteht es mehr. Aber dafür meinen alle, echte Kunst zu schaffen. Das Stück geht auf Tournee. In die Ukraine. Nach Bulgarien. Im Ostblock scheint man ARTE zu wollen, während in Deutschland RTL II auf Sendung geht. Der Teufel und der Engel haben dem Theater den Rücken gekehrt, geheiratet und arbeiten in sehr irdischen Jobs.

Schauspiel