Wiegenfest

Unsere Kinder werden ständig auf Geburtstage eingeladen. Ich frage mich woran das liegt?! Entweder gibt es zu viele Kinder, deren Eltern sich so abgöttisch über ihre Sprösslinge freuen, dass diese gleich mehrmals im Jahr ihre Ankunft feiern dürfen, oder aber meine Töchter sind einfach sehr beliebt. Zweiteres halte ich für ausgeschlossen. Ich kenne diese Mädchen. Es ist ein Phänomen. Sobald sie in fremde Häuser marschieren, sind sie zuvorkommend, folgsam und können mit Messer und Gabel essen. Aber wehe es fällt die heimische Tür ins Schloss.

Am Ende ist es auch egal, ob sich Marie ihre Geburtstagseinladungen mit lauteren Mitteln erprügelt hat oder nicht – die Konsequenz ist immer dieselbe: Helena oder ich?! Irgendjemand muss sie abholen. Diesmal bin ich es.

Ich fahre also die Auffahrt hinauf. Nein. Ich würde die Auffahrt gerne hinauffahren, aber das geht nicht. Dort stehen bereits viele viele Autos. So viele Freunde wie dort Autos stehen kann niemand haben, denke ich und werde eines Besseren belehrt. Aus der offenen Haustür quillt ein bunter Schwall völlig überzuckerter Kinder. Ich falle rückwärts zu Boden. Kinder trampeln über mich hinweg. Irgendwann beugt sich Marie über mich und brüllt mir mit irrem Blick “SCHNITZELJAGD!” ins Gesicht. Dann ist sie weg. Von drinnen höre ich einen gut gelaunten Vater rufen: “Halli Hallo. Kommse rein könnse rausgucken! HAHAHA. Sie sind ein bißchen früh, mein Lieber. wir haben noch nicht gegessen. Warten sie doch einfach hier.”

Kommse rein, könnse rausgucken? Ich muss mich verhört haben. Aber dann ist der Vorzeigevater aus den 80er Jahren auch schon an mir vorbei. “Stückt mal nen Rück!”, höre ich ihn jodeln als er zu den Kindern aufschließt. Mittlerweile stehe ich wieder. Und als ich mir das Blut aus den Augen gewischt habe, eröffnet sich mir das ganze furchtbare Ausmaß dieses Wiegenfestes.

Ich bin vertraut mit Rosa und Pink und Prinzessinnen. Aber das hier ist lächerlich. Ich blicke in den Vorhof des Mädchenhimmels. Alles blinkt und glitzert und riecht nach Vanille und fühlt sich flauschig an. Bunte Luftballons mit Barbie- und Pferdemotiven kleben unter der Decke. Rosapinkglitzerkonfetti und Luftschlangen bedecken den Boden. Überall. Knöcheltief. Ich stolpere ins Wohnzimmer und stehe direkt vor einer anderthalb meter hohen Geburtstagstorte. Kunstvoll geschmückt ist dieses Backwunderwerk mit Buttercremeschleifen und Zuckerergüssen. Auf den verschiedenen Tortenebenen sind die aufregendsten Szenen aus dem Leben der Prinzessin Lillifee nachgebildet. Aus Marzipan.

In einer Ecke des riesigen Wohnzimmers sitzen auf einer weißen Holzbank mit roten Herzen ein paar verstörte Väter, die auch gedacht haben, dass die handgebastelte, singende, klingende Einladung zu diesem Geburtstag 19.00 Uhr meinte, als sie das Ende der Feier um 19.00 Uhr besang. Wir sind also alle zu früh. Und die Kinder haben noch nicht gegessen. Ich quetsche mich zu den anderen auf die Bank. Links neben uns steht ein enormes Süßigkeiten Büffet. auf einem liebevoll – vermutlich handgedrechselten – Art-Deko Schränkchen. Alles ist pink. Pinke Maoam-Kracher, pinke Lutscher, pinke Weingummischnüre, pinke Zuckerwatte. Unter dem Büffet liegt ein kleiner junge und hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den aufgeblähten, pinken Bauch.

“Unfassbar”, sagt der Vater neben mir und deutet mit dem Kopf in das monochrome Inferno. Ich nicke. Die anderen beiden halten sich die Augen zu. Einer der Väter scheint nur mit Mühe, einen epileptischen Anfall niederkämpfen zu können. “Glaubst du das ist gefährlich? Es riecht hier nach Krebs. Wir sollten die Evakuierung unserer Kinder einleiten”. Aber dazu kommt es nicht. Aus der Küche kommt die Herrin des Hauses getrippelt. Sie hat sich kleine Glocken ins Haar gebunden. Ihre Fingernägel sind gülden lackiert. Sie reicht uns Saft und Erdbeereis.

Fünf Minuten später stürmen, angeführt vom Vintage-Vater, schwerbepackte Kinder das Wohnzimmer. Marie erspäht mich. Sie hat lauter Geschenke im Arm. Sie schwitzt und atmet schwer. “Schau mal Papa. Das haben wir alles gefunden!”. Sie lässt ihren Beuteanteil vor meine Füße fallen. Es sind mehr Geschenke als Marie und ihre Geschwister zusammen zu Weihnachten bekommen haben. Der Junge unter dem Tisch wimmert nicht mehr.

“Kommt ihr lieben Gebrutstagsprinzessinnen! Es gihihihibt Kuchen!”, flötet die Dame des Hauses. Alle versammeln sich um die Torte. “Und jetzt noch ein Geburtstagslied für unser liebstes Geburtstagskind!”, fordert der Vater. Mit einem Nicken gibt er den verfrühten Vätern zu verstehen, dass Mitsingen durchaus erwünscht ist. Nun stehen wir also alle um die Torte und singen “heute kann es regnen, stürmen oder…”, als die Torte anfängt sich zu bewegen. Alle weichen erschrocken zurück. Es singen nur noch die Übereltern. Laut und Schrill. Und dann explodiert die Torte. Kinder schreien, laufen wild durcheinander und versuchen den umherfliegenden Marzipansplittern auszuweichen. Dann wird es ruhig. Und als sich der Glitzer-Kuchen-Konfetti-Nebel gelegt hat, klettert ein kleines Pony aus der Tortenruine. Es tänzelt anmutig auf den Hinterbeinen und wiehert dann euphorisch. “Herzlichen Glückwunsch, Schatzi!”, jubilieren die Eltern hysterisch.

Marie zupft an meinem Pulli. “Papa. können wir jetzt bitte gehen?” Vorsichtig klettern wir über weinende Kinder. Ein Vater sucht, verzweifelt rufend, nach seiner Tochter. Wir erreichen den Ausgang. Steigen ins Auto. In der Ferne wiehert ein kleines Pony, kreischen ekstatische Eltern. Gemeinsam mit meiner Tochter fahre ich in den Sonnenuntergang, der den Himmel pink gefärbt hat.

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Wiegenfest

8 Gedanken zu “Wiegenfest

  1. göttlich, ich lache immer noch….meine tochter hätte sowas (bis zum zeitpunkt, an dem die torte explodiert) geliebt und hat mich früher dafür gehasst, dass ich die rosa-pinke-lillifee-phase nur bedingt unterstützt habe. jetzt sind wir beide froh, dass diese phase vorbei ist (wobei…erwähnte ich, dass mein sohn sich eine pinke ziege wünscht…
    https://wortgeflumselkritzelkram.wordpress.com/2016/04/29/maeh/#more-429

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  2. :D:D:D Heuzutage bestimmen die Kinder über die Eltern, deren einziger Lebensinhalt ihre Prinzessin und ihr Prinz sind. Völlig durchgeknallte Pekip Eltern und amerikanisierte Kindergeburtstage erleben wir auch regelmäßig. Deswegen komme ich immer zu spät:D

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  3. Seien Sie beruhigt, zuviel Rosa löst keine epileptischen Anfälle aus. Es führt lediglich zu einem Reizdarm mit eventuellem Nebennierenkollaps. Bei Kontamination immer mit viel Alkohol desinfizieren!
    Beste Grüße
    Frau Körb

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