Stallgeruch

Meine Kinder haben diese Gabe. Sie wittern autoritäre Schwachstellen. Erzieherische Lücken füllen sie traumwandlerisch sicher mit der Erfüllung eigener Wünsche. Meist warten sie bis ich lese oder anderweitig in Anderweitiges vertieft bin. Und sobald sie sich ganz sicher sind, dass mein monotaskendes Hirn auf Durchzug geschaltet hat, schicken sie das bestgelittenste Glied der geschwisterlichen Kette, um alles entscheidende Fragen zu stellen. “Papa wir haben keine Lust auf Linsensuppe zum Mittagessen, können wir Nutella-Brote essen?”, “Papa, können wir mit dem Gartenschlauch die Straße vereisen?”, “Papa, können wir am Wochenende Kart-fahren gehen?”. “Papa, kann ich mein Geburtstagsgeschenk jetzt schon haben?” Mein apathisches Brummen wird dann gerne als “Ja” interpretiert. Und dann esse ich alleine Linsensuppe, warte auf Glatteisopfer mit Unterschenkelhalsbrüchen oder fahre Kart in öden Kreisbewegungen. Mittlerweile habe ich Angst mich in Dinge zu vertiefen. Zu oft schon habe ich Unaufmerksamkeit teuer bezahlt.

Ich stehe nackt im Bad. Auf dem Weg in die Dusche habe ich Emil vertrieben, bevor er es sich zum Kacken bequem machen konnte. Er ist das einzige Kind, dass die Toilette so besitzt wie andere einen Ohrensessel vor einem warmen Kaminfeuer. Wohlig seufzend und in völliger Entspannung. Emil trollt sich mürrisch grunzend in das Bad ein Stockwerk höher. Duschen im Fäkaldunst ist kein sehr sinnliches Erlebnis. Jetzt gehören diese 7 Quadratmeter Wohlfühloase mir. Nur mir. Denke ich naiv. Da fällt eine hektische Tochter aufgeregt mit der Tür in mein erobertes Territorium. “Papa. Sie kommen. Jetzt. Sie kommen endlich!” Das völlig ekstatische Kind stürzt wieder davon. Bevor ich fragen kann wer da kommt und ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, höre ich draußen einen Schwerlasttransporter vorfahren. Oder ist es ein Panzer? Ist es doch der Russe? Die Erde bebt. Bremsen quietschen. “Wo sollen die Dinger denn hin?”, donnert die Stimme des örtlichen Bauunternehmers, Hauke Hartmann. Hauke Hartmann steht vor meinem Haus. Und wenn Hauke Hartmann naht, dann ist das kein Spaß. Jetzt bekomme ich langsam Panik. Ich finde nichts was sich innerhalb von drei Nanosekunden anziehen lässt. Aber es muss schnell gehen, denn wenn Hauke Hartmann erstmal in den Arbeitsmodus schaltet, dann ist man besser weit weg.

“Also? Wo ist dein Vater, Kind!” Hauke Hartmann wird böse. Scheiße. Hauke Hartmann mit schlechter Laune in meinem Vorgarten. Ich schnappe mir Lottes Bademantel. Den mit dem verspielten roten Tauwerk, das sich in neckischen Herzformen um blaue Anker schlängelt. In Größe 158. Es ist alles egal. Hauptsache Hauke Hartmann muss nicht länger warten. Als ich endlich vor ihm stehe ist Hauke sehr fasziniert von meiner Kleiderwahl. Lottes Bademantel bedeckt gerade das Wichtigste und an den Füßen trage ich meine grell-braunen Garten-Birkenstocks. Fuck it. “Hallo Hauke. Was soll wo hin?” Mir ist kalt und ich will alle bauunternehmerischen Vorhaben möglichst schnell im Keim ersticken.

Hauke löst seinen belustigten Blick von meinen unvorteilhaften Äußeren und fuchtelt mit seinem riesigen Kanonenarm in Richtung seines monströsen Traktors. Auf dem Anhänger dahinter thront ein massiver Kaninchenstall aus deutscher Eiche. Kein furnierter Scheiß. So groß wie das Badezimmer aus dem ich gerade komme. “Ich brauche keinen Kaninchenstall, danke.” Ich frage mich, wie er auf die Idee kommt, das Ding hier abladen zu wollen. “Der muss hinter das Haus!”, höre ich eine Kinderstimme rufen. Lotte kommt aus dem Haus gelaufen und mustert mich kurz. “Papa. Das ist mein Bademantel. Häng’ ihn bitte nachher zurück.” Dann geht sie auf Hauke Hartmann zu und schüttelt seine riesige Pranke. “MOMENT! Was soll das eigentlich? Ein Kaninchenstall? Warum? Es gibt keinen Stall und keine Kaninchen. Wir haben darüber gespro…”. Und dann schneidet das gleißende Licht der Erkenntnis durch meinen Hirnnebel. “Du hast vorgestern “ja” gesagt, Papa.” Neben mir steht Ida und zupft an Lottes Bademantel. Nichts habe ich gesagt. “Nichts habe ich gesagt, Ida!”. Sie sieht mich mitleidig an. “Doch Papa. Ich habe dich gefragt, ob wir die Kaninchen von Hauke Hartmann haben können, weil er sie sonst aufessen wird.” Tränen stehen in Idas Augen. “Und du hast etwas in deinen Computer getippt und hast “ja” gesagt.” Ich habe allenfalls gebrummt. “Und du hast mit dem Kopf genickt.” Ich habe allenfalls mit dem Kopf gewackelt. Und jetzt steht der Kaninchenfresser Hauke Hartmann auf meinem Grund und Boden, um seinen monströsen Stall samt tierischem Inhalt in meinem Garten zu verklappen. Na toll.

Meine Position ist aussichtslos. Ich trage einen Kinderbademantel und habe brummend mit dem Kopf gewackelt. Ich habe verloren. “Also gut, Hauke. Hinter das Haus.” Hauke Hartmann klettert befriedigt schnaufend in seinen Traktor. Zündet die riesige Maschine und pflügt einmal quer durch den Vorgarten, um den Stall hinter das Haus zu fahren. 2 Minuten und einen verwüsteten Rasen später ist alles vorbei. Lotte und Ida lächeln triumphierend. Wartet nur ihr beiden. Weihnachten schenke ich euch Bücher. Ich kehre zurück ins Bad, um mir den Ärger aus dem Kopf zu duschen und mich anschließend in etwas würdevolleres zu kleiden. Im Bad begegne ich Emil. Er hat die Chance genutzt, um sein Lieblingsklo zu besteigen. Es stinkt fürchterlich. Emil lächelt mich an. “Fahren wir gleich in den Zoo, Papa? Du hast es gestern versprochen!”

Stallgeruch

Hörsturz

Lotte hört Mark Forster. Mark Fucking Forster. Laut und ungnädig. Ich stehe am Fuß der Treppe. Mein Bauch will schreiend die Musik übertönen und heftig um Gnade flehen, als der Kopf sagt: “Lass sie. Deine Mutter hat Herbert Grönemeyer und Roxette in Endlosschleife ertragen. Da wirst du wohl Mark Forster ignorieren können.” Bauch sagt zu Kopf ja und ich ärgere mich, weil ich zwischen ihnen stehe. Wie konnte es dazu kommen? Habe ich nicht genug gute Musik gehört? War sie zu leise? Waren die Roots nicht wunderbar genug? Hat Lauryn Hill am Ende vielleicht doch keine tolle Stimme? Und was haben Kevin Johansen, Vinicio Capossela und Keziah Jones falsch gemacht? Versager sind sie. Allesamt. Keine/r von ihnen hat Mark Forster verhindern können. Oder Andreas Bourani.

Ich schleiche von dannen und Mark Forster plärrt mir weise Worte hinterher. “Ich lass Konfetti für dich regnen / Ich schütt dich damit zu / Ruf deinen Namen aus allen Boxen / Der beste Mensch bist du.” Ein Lyriker. Tiefgründig und wortgewaltig. Reim dich oder ich beiß dich. Als mein Heulkrampf nachlässt und ich mir das Blut aus den Ohren gewischt habe, wanke ich ins Wohnzimmer. Emil sitzt unter einem riesigen Couchkissengebirge und ruft: “Such mich, Papa!” Er ist wirklich der Schlechteste Versteckspieler aller Zeiten. Und der am besten gelaunte. “Emil? Emil? Wo bist du nur?” Das Couchkissengebirge kichert laut. Ich fange an zu graben und Emil kreischt, weil er die Spannung nicht aushalten kann. Als ich den zappelnden Sohn endlich an einem Bein aus seinem Versteck gefischt habe, kommt Ida, setzt sich an den Rechner und versucht sich in meinem Musikstreaming-Account zurecht zu finden. Sie sucht summend nach ihrem aktuellen Lieblingslied. “Die perfekte Welle”. Es ist wieder 2004. Big Brother. Gefärbte Haare und ein unentschuldbarer Kleidungsstil. Der Krieg gegen die Achse des Bösen endet gerade in der Besetzung des Irak. Was damals weh getan hat, ist auch heute noch schmerzhaft. Schön, dass 2004 jetzt auch im Westerwald angekommen ist. Mit dreizehnjähriger Verspätung plätschert nun die neue deutsche Welle auch durch unser Haus. “Ist das nicht ein tolles Lied, Papa?”, Ida sucht nach Bestätigung für ihren guten Musikgeschmack. Ich frage mich, ob hier die Wahrheit Not tut? Als ich gerade zum großen Schlag gegen die deutsche Leidkultur ausholen will, kommt Marie ins Zimmer gehüpft. “Geiles Lied, Ida!” Ich klappe den Mund wieder zu, vergesse zu atmen und lasse es geschehen. “Dein Brett ist verstaubt. Deine Zweifel schäumen über.” Ich verstehe Juli nicht. 2004 ist ein Rätsel.

Aus meiner inneren Zerissenheit befreit mich Emil. Er beschwert sich lautstark darüber, dass ich ihn noch immer festhalte. Ich lasse ihn erschrocken ins Kissengebirge plumpsen. Er rappelt sich auf, springt von der Couch, rennt hinüber zu Ida und baut sich drohend vor ihr auf. “Ich will das nicht hören. Das ist blöde Musik. Ich will Feuerwehrmann Sam hören!” Das ist mein Sohn. Nie zuvor schwoll meine Vaterbrust stolzer. Ida schüttelt den Kopf. “Immer willst du die gleiche Folge hören. Das nervt. Feuerwehrmann Sam nervt!” Das ist zuviel. Niemand lästert dem ewig gut gelaunten Kämpfer für ein feuerfreies Ponty Pandy. Emil brüllt seinen neusten Kampfschrei: “DAS IST DOCH NICHT ZU FASSEN!” und ruft nach seinen imaginären Verbündeten, “WACHEN NEHMT MEINE SCHWESTER FEST”. Dann zieht und zerrt er solange an Ida herum, bis die endlich die Spotify-Kommandozentrale räumt. “Ich muss eh aufs Klo.”

Ich setze mich vor den Rechner und will gerade das erkämpfte Hörspiel starten, als Emil es sich anders überlegt. “Kann ich bitte doch Kinderlieder hören?” Nein. Eigentlich darfst du keine Kinderlieder hören. Schon gar nicht solche, die von anderen Kindern gesungen werden. Die sind nämlich oft scheiße. Mehrstimmig scheiße. “Hmmm. Ja klar!”, höre ich mich selbst murren. Die Suche gestaltet sich als schwierig. Die Auswahl an furchtbaren Kinderliedern ist erschreckend groß. Nach 30 Minuten finden wir eine Playlist, deren Coverbild Emil zusagt. Emil hört gerne mit den Augen. Als ich den Play-Button drücke dauert es eine kleine Weile bis ich unter den elektronisch wummernden Beats den Kinderklassiker “In der Weihnachtsbäckerei” erkenne. Scooter meets Ralf Zuckowski. Kopf und Bauch heulen gleichzeitig laut auf. Emil findet das Bild immer noch super. Die Musik nimmt er in Kauf. Schmerzgeplagt krieche ich in Richtung Couch davon und vergrabe mich tief in den dunklen Gängen des Couchkissengebirges. „Es gibt nichts was mich hält Au Revoir.“

Hörsturz

Sex

Es ist zu früh. Viel zu früh. Es ist ein Feiertag, aber meinem Sohn ist das egal. Ich schaffe es gerade so, eine wertvolle pädagogische Maßnahme zu ergreifen. Fernsehen. Schlaftrunken klappe ich den Rechner auf, suche, finde und starte eine Tier-Doku über Grizzlybären in Alaska. Ich versuche einzuschlafen, aber irgendwann geht es um Sex. Signalworte. Ich bin hellwach. Emil ist Sex egal. Er sieht nur die Grizzlies. Diese riesigen Bären, die sich auf einer Wiese einfinden, um neue, riesige Bären zu zeugen. Unter diesen beeindruckenden Tieren gibt es einen Giganten. Er heißt Van. Van ist der größte Bär des Universums. Die Forscher übertreffen einander mit Superlativen. “A league of his own!” Van ist auf der Suche nach Alice. Er will nur diese eine Bärin. Die Forscher erklären mir und Emil, dass dieses Verhalten sehr ungewöhnlich sei. Und während auf der Wiese mehr und mehr paarungswillige Bären eintreffen, kriechen auch Emils Schwestern aus ihren Verstecken und quetschen sich zu uns auf die Couch.

Van und seine Kollegen sind damit beschäftigt sich selbst auf die Hintertatzen zu urinieren, um beim Laufen Duftmarken zu hinterlassen. Das wird ausgiebig gezeigt. Auch in Zeitlupe. Emils Schwestern finden das sehr eklig. Emil findet das nicht. Inspiriert jaulend springt er auf und rennt in Richtung Bad. Bevor er um die Ecke biegt, bleibt er stehen und brüllt “Ich hab’ einen Penis und muss Pipi!”. Bevor er sich auf die Füße pinkeln kann, ermutigen wir ihn im Chor: “Dann geh’ schnell aufs Klo!”

Emil ist weg und Van wird von einer Bärendame, die nicht Alice ist, zum Sex eingeladen. Er will Sex. Aber nicht mit ihr. Er gibt das der Bärin mehr als deutlich zu verstehen und beißt sie tot. Die Forscher sind entsetzt. Meine Töchter sind entsetzt. Ich bin entsetzt. Nur Alice findet es toll und nachdem sie Van tagelang hingehalten hat, lässt sie ihn nun gewähren. Neben der Leiche ihrer Kontrahentin. Die Natur und ihr Recht. Emil kommt erleichtert zurück und merkt das irgendwas nicht stimmt. Aber es ist ihm egal, weil in Alaska jetzt irgendein Jungbär irgendeinen Baum hinaufklettert.

Die Doku geht zu Ende. Van und Alice gehen getrennte Wege. Sie haben sich über einen Robben-Kadaver entzweit. Ida und Marie flüstern miteinander. Ich gehe duschen und lasse meine schockierten Kinder zurück.

Ich wasche mir gerade das Shampoo aus den Haaren. Als ich die Augen aufmache stehen da Marie und Ida und starren konzentriert auf meine Körpermitte. Instinktiv verberge ich meine Genitalien hinter der Ombia-Med-Flasche. Mit der freien Hand richte ich den Duschkopf auf die glotzenden Kinder. Sie stürzen schreiend davon. Dringend brauchen wir wieder einen Schlüssel für diese Tür. Auch wenn das bedeutet, dass ich Emil alle zwei Tage mit dem Freischneider aus dem Bad befreien muss.

Als ich erfrischt und gedemütigt ins Wohnzimmer komme, sitzen Marie und ihre kleine Schwester mit leuchtenden Augen auf der Couch. Sie halten zerlesene Tim und Struppi Comics in den Händen, aber das Thema ist ein anderes. Nämlich Maries neues Bio-Buch. “… und dann hat Jan-Hendrik gesagt, dass wir ja nicht Seite 56 aufschlagen sollen. Also haben alle Seite 56 aufgeschlagen.” Ida hält die Luft an und lauscht ihrer aufgeklärten Schwester. “Und stell dir mal vor, was da zu sehen ist. Ein paar Nackte sind da zu sehen. Und die machen Sex!” Ida stellt flüsternd den visuellen Kontext her, “wie die Bären!” Marie blinzelt irritiert. “Na ja. Nein. Also. Fast.” Sie denkt angestrengt nach. Wie die Nackten denn ausgesehen hätten, will Ida von ihrer Schwester wissen. “Die Frau hatte lange, blonde Haare und der Mann hatte kurze braune…” Ida schlägt erschrocken die Hände vor dem Mund zusammen. “Die kenne ich!”

Irgendwo in Alaska lachen sich Van und Alice in die blutigen Tatzen und haben Sex auf grünen Wiesen.

Sex

Damals

Patrick nennt sich selbst “Pätrick”. Wahrscheinlich weil das cooler klingt. Oder weil seine Eltern bescheuert sind. Pätrick geht in meine Klasse. Er ist ein zorniger Junge. Wir haben alle Angst vor seinen Wutausbrüchen. Als wir ihn das letzte mal gereizt haben, da hat er mit einem Tisch nach uns geworfen. Ein paar fanden das lustig. Ich habe mit vor Angst fast in die Hosen gemacht. Der Tisch ist riesig. Vielleicht ist er auch nicht riesig, aber ich bin sehr klein. Aus meiner Perspektive ist alles riesig, was nach mir geworfen wird. Jedenfalls schlägt der größte Tisch der Welt in das Regal links neben mir ein. Es ist das Regal in dem unsere hässlichen Kartoffeldrucke zum Trocknen endlagern.

Keiner weiß, was Pätricks bescheuerte Eltern mit ihm anstellen, aber es ist uns allen klar, dass da was nicht stimmt. Bei Pätrick zu Hause. Wir finden es nie raus, weil Pätrick nie jemanden zu sich einlädt. Auch nicht an seinen Geburtstagen. Er feiert nie.

Ich bekomme Liebesbriefe von Nicole. Niekolle. So heißt sie hier. Wir sind schließlich in Köln. Ich kreuze wieder “vielleicht” an. Niekolle ist darüber nicht ganz unglücklich und ich darf mich unschuldig fühlen. Bis zum nächsten „Vielleicht“. Es ist ein guter Deal. Erst Jahre später kreuzt Florian “Ja” an. Wir halten ihn für ziemlich mutig. Und dämlich. Florian ist ein Arztsohn. Zahnarztsohn. Mit einem eigenen Wellensittich. Der ist grün und darf in Florians Zimmer frei herumfliegen. Und alles vollscheißen. Das macht dann Florians Mutter weg. Jetzt hat Florian eine Freundin und wir bekommen den Wellensittich nicht mehr zu sehen, weil er immer mit Dschennifer rumhängt.

Wir haben ein Aquarium in der Klasse. Eigentlich steht es vor der Klasse. Damit wir uns auch weiterhin konzentrieren können. Es sind Guppis. Die finden alle ziemlich langweilig. Alle erwarten mehr, von Fischen die „Guppi“ heißen. Wir sollen selbst dafür sorgen, dass dieses Aquarium immer sauber bleibt. Und dass die Guppis genug zu fressen kriegen. Das klappt zwei Wochen lang. Danach sehe ich nie wieder jemanden das Aquarium sauber machen oder Guppis füttern. Es scheint auch nicht nötig zu sein. Das Aquarium ist immer sauber und die Fische scheinen niemals Hunger zu leiden. Es müssen ganz besondere Guppis sein. Irgendwann sind sie weg. “Ich habe das Aquarium jetzt mit nach Hause genommen”, sagt Frau Klein im Stuhlkreis und fragt dann Pätrick, ob er nicht etwas von seinem Wochenende erzählen will. Er will nicht. Irgendwann ist Pätrick nicht mehr da. Nach einer Woche fragen wir uns, wo er wohl stecken mag. Und noch eine Woche später haben wir ihn alle vergessen.

Für den Weg von der Schule nach Hause brauche ich 25 Minuten. Ich laufe. Zwischen mir und dem Rhein liegen vier Spuren Hauptverkehrsstrasse. Ich muss unter einer Brücke durch. Unter der Brücke riecht es immer nach Pisse. Da liegen oft tote Tiere. Tauben. Viele Tauben. Auch Kaninchen und Füchse. Alle totgefahren. Ich frage mich warum sie immer unter der Brücke liegen, wo es hier doch so schlimm nach Pisse riecht. Direkt hinter der Brücke liegt der Spielplatz. Umgeben von einem kinderfreundlichen Brennesselwald. Kleine Kinder dürfen da auch nackt spielen. Mit 4 habe ich mich nackt in dem Brennesselwald verlaufen. Meine Mutter meint, dass ich sehr tapfer gewesen sei und kaum geweint hätte. Ich kann das nicht ganz glauben. Mit Schmerz kann ich nicht so gut umgehen. Während andere sich auf dem Schulhof prügeln, stehe ich im Hintergrund und versuche unsichtbar zu sein.

Amir ist mein bester Freund. Wenigstens denke ich das. Jeder hat einen besten Freund. Also brauche ich auch einen. Amir wohnt im Stollwerckhof. Er kommt aus einer Patchwork-Familie. Sein Bruder heißt Robert. Robert ist älter und hat die heißesten und angesagtesten Konsolen-Spiele. Pixel so groß, dass sie mich nach einer Stunde Konsum mit heftigen Kopfschmerzen belohnen. Wenn Robert nicht da ist, dann spielen wir mit seinen Heiligtümern und lassen uns dafür hinterher wüst von ihm beschimpfen. Robert hat auch Hefte mit nackten Frauen drin. Wir finden sie als wir nach den Spielzeugpistolen suchen, die Robert zum Geburtstag bekommen hat. Einige der nackten Frauen können wir uns nicht mehr anschauen, weil die Seiten verklebt sind. Aber die Hefte sind eh eklig und wir legen sie wieder zurück – unter den Stapel Spiderman-Comics. Wenn Robert gewusst hätte, dass wir wussten, dass Peter Parker auf riesigen verklebten Möpsen liegt, dann wäre es sicher nicht bei wüsten Beschimpfungen geblieben.

Damals

Intelligenzbestien

“Papa. Ich will dir mal erzählen, was deine Tochter besonders gut kann!” Marie will über sich selbst sprechen. Neuerdings gerne in der dritten Person. Ihre große Schwester verdreht die Augen. Es ist wieder so weit. Marie atmet tief ein, um weiter ausholen zu können. “Ich schreibe gute Noten, ohne zu lernen. Ich bin eine begabte Schauspielerin. Ich bin sportlich. Ich kann singen. Und ich bin schön.” Sie holt nochmal Luft und fährt dann fort. “Ich habe ein überragendes Gedächtnis. Ich bin humorvoll und niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie ich.” Das stimmt leider. Niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie sie. Allerdings kann auch niemand mit Gewissheit behaupten, dass Marie beim Spielen nicht betrügt. Alles geht so schnell, wenn sie Steine sammelt und verteilt.

Als Marie ihre kleine Eigenlobhymne beendet hat, stolziert sie zufrieden davon, um woanders schön, klug und sportlich zu sein. Ihre große Schwester bleibt sitzen und sagt gar nichts. Lotte grübelt leise vor sich hin. Ich erahne die Gedanken hinter ihrer sorgfältig gefalteten Stirn. Manchmal ist es schwer eine so offensiv begabte und selbstbewusste Schwester zu haben. Ich leide leise mit ihr. Emil kommt vorbei geschlendert. Er kann Gedanken und Traurigkeit riechen. Er bleibt vor seiner Schwester stehen und mustert sie eingehend. Dann dreht er sich um und holt Lotte ein Taschentuch. Sie zieht ihn mitsamt Taschentuch auf ihren Schoß. Die beiden verstehen sich und andere. Oft auch ohne Worte.

Wir haben schon oft darüber gesprochen, dass es unterschiedlichste Begabungen gibt und dass viele davon in der Schule keine zählbare Rolle spielen. Aber das hilft Lotte im Moment natürlich nicht weiter. Was nicht gemessen und benotet wird… das zählt auch nicht. Ist nichts wert. Ach ja. Schule. Der Ort, der es der einen Tochter so einfach macht sich für etwas Besonderes zu halten, während die andere darunter leidet, dass einige ihrer Talente nicht ins Notenschema passen. Lotte weiß, wer sie ist und was sie kann. Aber sowas vergisst man in der Schule schnell.

Ich will Lotte etwas zeigen. Wir ziehen uns an und spazieren rüber zu meiner Mutter. Die hat nämlich ihren Dachboden aufgeräumt und dabei Teile meiner Kindheit gefunden. Dunkle Kapitel meiner Schulkarriere. Mathe-Klassenarbeitshefte mit zynischen Lehrer-Kommentaren unter meinen ahnungslosen Rechenbemühungen. “Die Arbeit sieht so aus, als hättest du an meinem Unterricht nicht teilgenommen.” Mangelhaft. Ungenügend. Vernichtende Urteile mit Rotstiften ins Papier gebrannt, während die bleigestiftete Geometrie darüber längst verblasst ist.

Das überhaupt irgendwas aus mir geworden ist, grenzt an ein Wunder. Lotte ist begeistert. Ihr Vater war keiner von den Guten. “Du bist sicher, dass Marie deine Tochter ist?” Lotte blickt ungläubig in meine Hefte, die vor schlechter Grammatik und miserabler Zeichensetzung nur so strotzen. Ich versichere ihr, dass ich bei der Zeugung ihrer Schwester zugegen war und nehme ihr meine Vergangenheit aus den unverschämten Händen. Verzogene Göre. Aus dem rotgetränkten Deutschheft (Klasse 6d) fällt ein maschinell beschriebenes Blatt. Einer meiner ersten Texte. Ein frühes Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger. Es trägt den Titel “Anselm der Größte”. Lotte entreißt mir das vergilbte Papier und beginnt laut vorzulesen.

fullsizerender

Lotte lacht laut. Meine Mutter auch. Ich kann nichts witziges daran finden. “Ja. Lustig. Lacht ihr nur. Ich war 4 als ich das geschrieben habe. Ich bin ein Genie.” Meine Mutter hebt lächelnd die Augenbrauen und weist ihre Enkeltochter an, das Datum auf der Rückseite des Blattes vorzulesen. Lotte kommt dem Wunsch gerne nach und verkündet laut die niederschmetternde Wahrheit. 1991. “Mein Lieber. Es tut mir leid, aber als du das geschrieben hast… warst du 10”.

Ich bin mir sicher, dass ich dafür andere Dinge gut konnte. Dinge, auf die es keine Noten gab. Lotte nimmt meine Hand und keine zwei Sekunden später steht Emil mit einem Taschentuch vor mir. Wir können andere Dinge.

Intelligenzbestien

Wahrsager

Ich schiebe einen Einkaufswagen durch die vollen Gänge des Discounters. Ich will hier nicht sein. Heute beginnen die Handwerkerwochen. Trotzdem sind hier keine Männer zu sehen. Männer wollen keine King Craft Schwingschleifer, um die Küchenarbeitsflächen ihrer Frauen wieder herzustellen. Männer wollen starkstrombetriebene Abbruchhämmer von Hilti, um Küchen komplett zu entkernen und niederzureißen. Männer wollen Küchen vernichten und dann Handwerker bestellen. Sollen die doch das Chaos beseitigen und lavendelfarbene Hochglanzküchenzeilen einbauen. Trotzdem halten diese Frauen das kleine King Craft Heimwerkerset mit den 2000 Teilen für ein gutes Weihnachtsgeschenk.

Ich will nichts von alledem. Ich will nur Milch. Und ich habe eine kleine Marie dabei. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Sie sitzt in diesem gemütlichen, liebevoll designten Einkaufswagen-Kindersitz aus deutschem Qualitäts-Stahl. Maries kleine Speckbeine haben kaum durch die herausgefrästen Öffnungen gepasst. Sie wollte es trotzdem so. Aber ich habe Bedenken. Erstens befindet sich nun alles in Griffhöhe dieses unberechenbaren Kindes und zweitens werde ich bestimmt eine King Craft Flex kaufen müssen, um mein Kind aus dem Sitz herausschneiden zu können. First things first. Milch! Ich schubse den Wagen durch den Gang. Vorbei an Brot, Süßigkeiten und Spirituosen. Marie ist ruhig und konzentriert. Sonst redet sie wie ein Wasserfall. Aus Gewohnheit gebe ich zustimmende Geräusche von mir. “Ja. Hmmmm… ja. Gleich.” Marie schaut mich skeptisch an. Sie schaut tief in meine Seele und deaktiviert den väterlichen Autopiloten. Dann plötzlich erregt ein Stapel Plastikflaschen ihre Aufmerksamkeit. Sie wedelt aufgeregt mit ihren kleinen, dicken Händen. Und brüllt dann laut: “GUCK PAPA. DA STEHT DAS BIER!”

Augenblicklich wird es still. Die Zeit bleibt stehen. In der Ferne bellt ein Hund. Mütterblicke durchbohren mich. Köpfe kopfschütteln. „Aha!“, denken sie alle. „Kindermund tut Wahrheit Kund.“ Marie strahlt. Ich wünsche mir einen King Craft Klappspaten, um mir mein eigenes Grab schaufeln zu können.

7 Jahre später. Dieselbe Marie sitzt am Küchentisch vor einem großen Gemüseteller und schaut ihrer jüngeren Schwester neidisch beim Essen zu. Marie darf zur Zeit Abends nur noch ein Brot essen. Ihre Liebe zu Kohlenhydraten, hat diese Maßnahme nötig gemacht. Ich sehe, dass die ungerecht Behandelte einen Plan hat. Sie lächelt diabolisch. “Ida… gib mir mal deine Hand. Ich kann dir die Zukunft vorhersagen.” Ida ist nur mäßig überzeugt, überlässt ihrer Schwester aber die freie Hand. “Ich brauche die andere Hand. Links ist nur Nebel. Rechts liegt die Wahrheit… das Brot kannst du hier ablegen.” Sie deutet auf ihren leeren Teller. Ida tut wie ihr geheißen. Marie, die Wahrsagerin, befummelt die rechte Handfläche ihrer Schwester und brummt dabei mystisch. “Ida… ich sehe… ich sehe, dass du morgen um 06.45 Uhr von Papa geweckt werden wirst.” Sie ist gut. “Außerdem sehe ich… ooohhh… ich sehe, dass du heute Abend noch Ärger bekommen wirst, weil du zu lange brauchst, um dich bettfertig zu machen… es wird schlimm werden.” Idas Augen weiten sich. Ihr Mund klappt auf und zu. Marie hält Idas Hand weiter fest. Die Augen verschlossen. “Ida… ich sehe dein Zimmer. Es ist sehr unordentlich. Papa wird dich anbrüllen, weil du es nicht aufgeräumt hast.” Das ist zuviel. Ida hat Tränen in den Augen. “Ich war heute den ganzen Tag weg! Mein Zimmer ist ordentlich.” Marie zuckt mit den Achseln. “Die Hand lügt nicht…”

Jetzt weiß ich auch was Marie den ganzen Tag mit ihren Freundinnen in der oberen Etage getan hat. In Idas Zimmer steht die Verkleidungskiste. Noch ein Privileg, das sie ihrer Schwester seit Monaten missgönnt. Das Spiel von Marie und ihren Freundinnen hatte sich sehr nach Verwüstung angehört. “Habt ihr aufgeräumt?”, hatte ich streng gefragt, bevor ich die Freundinnen des Hauses verwies. Heftiges Kopfnicken. Natürlich haben sie. Machen sie das nicht immer? Von ganz alleine. Ohne, dass irgendwer sie daran erinnern müsste? Wie kann ich es nur wagen, diese Frage zu stellen.

Ida stürzt weinend aus dem Esszimmer und eilt die Treppenstufen hinauf. Ich werfe Marie einen bösen Blick zu und eile dann ihrer Schwester hinterher. Als ich oben ankomme steht Ida bereits zitternd im Türrahmen. Ihre Hand hat wirklich nicht gelogen. So sieht die Apokalypse aus.

Ich nehme Ida in den Arm und versichere ihr, dass ihre Schwester für diese Schandtat büßen wird. “Jetzt iss erstmal auf und dann quälen wir Marie!” Ida lächelt versöhnt. Als wir wieder am Esszimmertisch ankommen, sind Marie und Idas Brot wie vom Erdboden verschluckt. Ida überlegt. “Ich weiß ungefähr wie Maries Abend aussehen wird, Papa!” Ich nicke. Wir essen Gemüse und malen uns gemeinsam Maries düstere Zukunft aus.

Wahrsager

Kinderschmuggel

Ida steht vor mir. Die Hände hält sie hinter dem Rücken versteckt. “Ida! Was habt ihr draußen vor?” Ida guckt erstaunt. “Nichts!” Nichts. Natürlich. Wie konnte ich nur fragen. Meine Kinder haben meistens nichts vor. Nach all den Jahren halten diese Kinder ihre Eltern immer noch für leicht beschränkt. “Ida! Was hast du mit Pelle draußen vor?” Pelle, der Nachbarjunge, hat sich schon bei meiner ersten inquisitorischen Frage aus dem Staub gemacht. Er lungert im Schatten der Garderobe und fingert sehr interessiert an unserem Staubsauger herum. Pelle hat nie zuvor in seinem Leben einen Staubsauger gesehen. Ein Wunderwerk der Technik. Was die wohl als nächstes erfinden werden? Pelle glänzt eher durch gute Einfälle als durch Mut und Entschlossenheit. Besser ist das.

Ida wird ungeduldig. “Können wir jetzt gehen, sonst wird das Holz draußen nass!” Aha! Ich höre wie Pelle erschrocken nach Luft schnappt und vor lauter Angst den Staubsauger umarmt. “Ida? Für wie blöde hälst du mich? Du hast da Streichhölzer hinter deinem Rücken… was habt ihr damit vor?” Marie schlendert durchs Bild. Nur mit einer Unterhose bekleidet. Sie will in den Keller. Da stehen die Süßigkeitenkisten der Kinder. Sie murmelt etwas von “Wäscheleine… Lieblingsjeans” und verschwindet dann.

Ida senkt betreten den Kopf. Woher hat ihr Vater das gewusst? Hat sie etwa nicht gut genug aufgepasst als sie sich mit linkisch-unnatürlichen Schleichbewegungen dem Tisch näherte? Und war es zu auffällig gewesen, als sie sich beiläufig mitten auf den Tisch legte, um die Streichholzschachtel unter ihrem Körper zu begraben? Was hatte sie nur verraten? War es der Moment als sie sich schwerfällig vom Tisch rollte und die Schachtel auf den Boden fiel? War es das panische Flüstern im Anschluss an das Missgeschick? “Pelle! Komm schnell! Da liegt die Schachtel!” Oder war es Pelles Schuld? Seine feuchten, nervösen Hände hatten die Schachtel erst aufgeweicht und dann zerrissen. Nein. Auch in dem Moment hatte Papa weiter auf seinen Laptop geschaut und irgendwas getippt. Sie hatten wie kleine Schatten gearbeitet, als sie die Streichhölzer geräuschvoll vom Küchenboden auflasen. Ida ist das alles ein Rätsel. Der Plan war perfekt gewesen.

Ich habe mir das alles mit Genuss angeschaut. Was für ein Schauspiel. Viel auffälliger ging es kaum. Das angstvolle Schielen in meine Richtung. Die Schweißausbrüche auf Pelles Stirn. Idas panisches Schreiflüstern. Ein Jahrhundertraub! Ein echtes Privileg, diese beiden genialen Kinderhirne in Tateinheit arbeiten zu sehen. Bei mir ist es damals nicht anders gewesen. Auch ich wurde laufend enttarnt und habe nie verstanden wie es dazu kommen konnte. Gewitzt wie ich war. Offensichtlich wird dieses Talent weitervererbt. Die nächste Generation von Meisterdieben.

Ida tritt nervös von einem Bein aufs andere. “Wir wollen nur was ausprobieren!” Ein Geständnis. Hinter mir fällt Pelle in Ohnmacht. Im Hintergrund steigt Marie schwer keuchend die Kellertreppen herauf und drängelt sich unauffällig durch die Szene. Eine Hose hat sie immer noch nicht an. Dafür aber eine dicke Winterjacke. Die mit den großen Taschen.

Ich einige mich mit Ida darauf, dass sie auf unserem Hof bleiben und nichts anzünden was entweder lebt oder den Wert von zwei Eiskugeln überschreitet. Wir rechnen in Eiskugeln. Damit kann hier jeder was anfangen. Ida ist zufrieden mit dem Deal. Sie weckt Pelle und die beiden ziehen von dannen. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Ich werde einen Text darüber schreiben. Als ich mich setze wird Helena In der oberen Etage laut: “Marie! Ich will wissen, was du da in den Taschen hast!”

Kinderschmuggel