VerBucht

Jetzt bin ich ein Buch geworden. Man hat mich genommen. Mir meine Fehler ausgemerzt und mich auf Papier gedruckt. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Aber solltet ihr das gut finden, dann dürft ihr mich gerne bestellen. Gegen Geld natürlich. 14,00 € um genau zu sein (zzgl. Versand). Bei den kapitalistischen Internet-Großhändlern wird es mich erst ab Mitte Juli 2017 geben. Aber wenn ihr es gar nicht abwarten könnt, dann bestellt mich vor. Wie? Entweder ihr schreibt eine Mail an wortinfarkt@gmail.com oder ihr besucht diese Webseite. Ganz wie ihr wollt.

VerBucht

Reichtum

„Hau mal ab. Du hast keine Ahnung von Geld.“ Ich zucke zusammen, weil ich denke, dass Marie mich meint. Aber sie meint Ida. Die kleine, nervige Schwester hat es gewagt, Marie beim Abzählen ihrer Barschaft über die Schulter zu schauen. Jetzt ist sie rausgekommen. „Jetzt bin ich rausgekommen! Wegen dir muss ich jetzt wieder von vorne anfangen“, rohrspatzt Marie laut, während Ida lächelnd mit den Augen rollt und sich davon macht. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt. Geld? Was ist schon Geld? Ihr Desinteresse an der Sache könnte größer nicht sein.

Marie wendet sich, Beschimpfungen murmelnd, wieder ihrem Vermögen zu. Sie zählt. Neben ihr liegen Bleistift und ein kariertes DIN A5 Heft mit einem aussterbenden WWF-Werbetiger auf dem Cover. Sie führt Buch. Ich traue meinen Augen kaum. Meine Tochter führt ein Haushaltsbuch. Damit ist sie mir um Lichtjahre voraus. Ich stelle mich hinter sie, um zu lernen. Sie hat eine kleine Excel-Tabelle gezeichnet. Mit ihrem Geodreieck – Pragmatismus aus Plastik. Das Ende der Phantasie. Maries hat die Spalten mit Geldwerten überschrieben. 1 Cent, 2 Cent, 5 Cent, 10 Euro, 20 Euro. Darunter führt sie Strichlisten. Es sieht alles sehr langweilig und sehr kompliziert aus. „Es ist nicht so kompliziert, wie es aussieht, Papa.“, versichert sie mir und klopft mir dabei aufmunternd auf die Schulter. Danke. Das beruhigt mich. Erst jetzt sehe ich, dass unter dem bedrohten Papier-Tiger ein lustiges Taschenbuch liegt. Dagobert badet in Geld. „Ein Millionär hat’s schwer!“ Wenn der wüßte, wie schwer es ist, Nichts zu verwalten. Wichser. Ich erinnere mich an den letzten Banktermin und die besorgte Miene meiner Sparkassenberaterin. Ihr betrübtes Kopfschütteln. Das traurige Seufzen und ihr mitleidiges Lächeln als ich meinen sorgsam ausgearbeiteten 5-Jahresplan zur Eindämmung der Euroabwanderung auf meinem Konto unterbreitete. Ihre helle Freude hätte die Dame an meinem fiskalbegabten Nachwuchs gehabt.

Marie blättert in ihrer Excel-Tabelle vor und zurück. Sie macht hier und dort Striche. Zählt dabei leise. Es ist so kompliziert wie es aussieht. „Weißt du, Papa. Es ist auch, um Diebe in die Irre zu führen. Ohne meine Aufzeichnungen ist dieses Geld nämlich nichts mehr Wert.“ Ich bin sprachlos und versuche die tiefere Wahrheit hinter den Worten dieses Kindes zu greifen. Hier sitze ich, der Wirtschafts-Waise, neben ihr, der Wirtschafts-Weisen. Blut von meinem Blut. Marie ist ein Apfel, der ganz weit weg vom Stamm gefallen ist.

Inzwischen hat die minderjährige Wirtschafts-Philosophin Spalten erreicht, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treiben. 50 Euro. 100 Euro. Ich will gerade fragen, da fällt mir der Apfel auch schon ins Wort. „Die sind perspektivisch gedacht, Papa.“ Sie denkt Geld perspektivisch. Fuck. Ich werde sie in Zukunft häufiger um Rat fragen. Ich schäme mich. Und weine leise. „Na, Na, Papa. Schließlich willst du, dass ich irgendwann mal auf eigenen Füßen stehe, nicht wahr?!“ Damit hat sie recht. Aber mit 10 Jahren sind ihre Füße schon fast doppelt so groß wie meine.

Marie fügt ihrem kapitalistischen Tagebuch noch die altruistische Spalte „Spenden“ hinzu. Sie trägt dort eine Zahl ein, verbirgt den Betrag mit ihrer Hand und funkelt mich ungeduldig an. Richtig. Immer eine Armlänge Abstand halten. Ich stehe auf und will gerade das Zimmer verlassen, als sie mich fragt ob ich wissen wolle, was sie mit dem ganzen Geld anzufangen gedenke. Natürlich will ich. In der Hoffnung auf einen brandheißen Tipp, wie ich mein ganzes Nichts am Kapitalmarkt möglichst schnell investieren und vermehren kann, setze ich mich wieder neben sie. „Bitte. Sag es mir. Marie. Bitte.“ Ich hänge an ihren Lippen. Marie erklärt mit ernster Miene: „Also. Ich habe jetzt 51 Euro und 22 Cent. Nach Abzug der Spenden werden mir noch etwa 45 Euro bleiben. Und davon kaufe ich mir Chips, eine Armbrust mit richtigen Pfeilen und ein Robin-Hood-Kostüm.“ Ich bin erst enttäuscht und dann begeistert. So in etwa, haben meine Investitionen in den letzten Jahren auch ausgesehen. So falsch kann ich also nicht gelegen haben.

Reichtum

Krieg

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel herab. Auf die Gerechten und die Ungerechten gleichermaßen. Es sind fast 18 Grad. Die Erde glüht. Dem Deutschen schwant böses. Ist das schon der Frühling? Er stürzt zum Fenster. Sein Blick schweift über das Draußen vor und hinter seinem Haus. Ihm schwillt der Hals und in sein zornrotes Gesicht tritt der Ausdruck wilder Entschlossenheit. Es wird Frühling und der Deutsche weiß, was er zu tun hat. It is on! Und es wird episch.

Es ist an der Zeit, den Schöpfungswillen der Natur durch aufrechte, preußische Schaffenskraft zu brechen. Der Deutsche hört den Ruf der Wildnis draußen in seinem Garten. Sie spottet. Schweig, Wildnis. Hör auf zu wachsen! Drohend schwenkt der Germane seine Faust in Richtung des sprießenden Rasens. Der knospende Busch wird drohend fixiert und das Moos in den Fugen der Einfahrt wird wüst beschimpft. Hier geht es nicht um Frühlingsgefühle. Es ist fucking Krieg. Der Mensch gegen die Natur. So war es schon immer. In Deutschland müssen nun schweißtreibend blutige Kämpfe geführt werden. Mutter Erde soll dafür büßen, dass sie die Dreistigkeit besitzt, sich so früh im Jahr zu zeigen. Schlampe! Geschlossen ruft die deutsche Volksfront der Grund- und Bodenbesitzer deshalb laut: “Eingrenzen! Kultivieren! Zubetonieren!” Auf den 35 Quadratmetern seines deutschen Vorgartens ist der Deutsche Gott und diesen Anspruch wird er mit Astschere und Rasenmäher verteidigen.

Der Deutsche muss jetzt zwei Dinge tun. Er muss einkaufen gehen. Nicht irgendwas. Nein. Er muss in den Baumarkt und er muss Fleisch besorgen. Für den Weber Kugelgrill. Für die Zeit nach dem Krieg.

Ich bin mittendrin statt nur dabei. Ich brauche Schrauben und Gaffa-Tape. Gaffa-Tape ist meine Allzweckwaffe. Sogar die Platzwunden und offenen Brüche meiner Kinder erstversorge ich mit dieser Errungenschaft. Mit meinem lächerlich kleinen Auto rolle ich auf den Parkplatz des Baumarktes meines Vertrauens. Es ist der größte Parkplatz der Welt. Und er ist voll. Überall verklappen Menschen Plastiksäcke mit Blumenerde und große Kanister mit Unkrautvernichtern in die Kofferräume ihrer Mittelklasse-Limousinen. Ich habe Emil dabei. Emil findet Baumärkte gut. Aber er hasst Menschenmassen. “Ich mag nicht so viele Leute. Können wir nach Hause fahren?” Nein. Können wir nicht. Ich brauche diese Schrauben. Und Gaffa-Tape braucht Mann sowieso immer.

Nach 30 Minuten finden wir eine winzige Parklücke für mein winziges Auto. Mit dem unwilligen Sohn an der Hand betrete ich den Baumarkt. Hier wimmelt es von engagierten Heimwerkern und ahnungslosen Mitarbeiter_innen. Die stören nicht weiter. Der Deutsche weiß was er braucht und wird sicher keine Baumarkt-Mitarbeiter_in um Rat fragen. So tief sinkt hier keiner. Ohnehin geht es heute noch nicht um das Errichten nutzbarer Bauwerke. Heute geht es um Waffen. Um Spaten, Kreuzhacken und Unkrautstecher. Unkrautstecher! Ich muss kurz dümmlich Grinsen, als ich das große Werbeplakat für dieses ungemein wichtige Werkzeug über dem Eingang hängen sehe. “Aus dem Weg”, brummt ein humorloser Veteran mich an und schiebt mir seinen schweren Einkaufswagen gegen das Schienbein. Ich will protestieren, überlege es mir aber anders als ich erst seinen Gesichtsausdruck und dann den Inhalt seines Wagens sehe. Der Mann ist auf einer Mission. Heckenschere, Gartenhäcksler und… eine Motorsäge. Die Atomwaffe des deutschen Gartenbesitzers. Keine mit Akku. Eine Echte. Benzinbetrieben. Der Mann ist bereit für den Erstschlag. Ich weiche schnell zur Seite und ziehe Emil aus dem Weg, bevor er von dem Einkaufswagen erfasst wird.

Emil hat schon wieder keine Lust mehr. Es muss schnell gehen. Weil ich nicht oft hier bin, weiß ich auch nicht wo sie Schrauben aufbewahren. Ich frage eine herumlungernde Mitarbeiterin. “Schrauben?”, sie schaut mich verächtlich an, “die sind drüben neben den Waschbecken und Kloschüsseln!” Natürlich. Wo auch sonst. Wir finden die Schrauben – die natürlich nicht neben den Kloschüsseln, sondern in der Fliesenabteilung feilgeboten werden. Wo auch sonst. Emil quengelt. Menschen hasten an mir vorbei. Jede Minute in diesem Laden bedeutet, dass sich die Natur dort draußen weiter ungehindert ausbreiten kann. Ich will hier weg. Aber nicht ohne mein Gaffa-Tape. Ich versuche es noch einmal. Diesmal bitte ich einen 12 jährigen Mitarbeiter mit Akne um Auskunft. “Gaffa-Tape? Wassen das?” Ich erkläre es ihm. “Ahso!”, ruft er erleuchtet, “du meinst Panzer-Band”! Natürlich. Panzer-Band. Ich habe vergessen, dass wir uns im Krieg befinden. Ich finde das Panzer-Band. Emil quengelt. Ich überlege kurz ihm den Mund zu verpanzern.

Wir zahlen und fliehen. Emil quengelt nicht mehr ganz so laut, weil ich ihm das Maul mit einem Mars-Riegel gestopft habe. Nach Minuten, die mir wie Minuten vorkommen, finden wir das Auto und versuchen den Parkplatz zu verlassen. Es wird noch ein Weilchen dauern. Die Straßenverkehrsordnung ist zusammengebrochen. Deutsche Männer schieben schweres Kriegsgerät und chemische Kampfstoffe vor sich her. Mutter Natur kichert leise. Noch. Die Sonne brennt vom Himmel. Auf Gerechte und Ungerechte.

Krieg

Zugvögel

Vor mir im Zug sitzt Morgan Freeman. Morgan Freeman liest die Bibel. Auf Hebräisch. Oder Griechisch. Oder Arabisch. Ich bin mir nicht sicher. Wie auch? Zwischen den beiden Rückenlehnen der Vordersitze hindurch, sehe ich zwischen fremdartigen Schriftzeichen, kleine gezeichnete Ikonographien. Maria, Jesus und Männer mit beneidenswert vollen Bärten. Wahrscheinlich Jünger. Oder Propheten. Oder so. Immer wenn Morgan Freeman auf eine dieser Zeichnungen stößt hebt er sie an seine Lippen und küsst kurz das Papier auf das sie gedruckt wurden. Ich möchte Morgan Freeman gerne fragen wer er ist und warum. Aber dazu fehlt mir der Mut. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Morgan Freeman wahrscheinlich nur Altgriechisch spricht. Oder Arabisch. In beiden Sprachen fühle ich mich nicht besonders zuhause.

In Köln steige ich aus. Morgan Freeman auch. Er verschwindet betend in der Menschenmenge. Ich warte auf Gleis 5. Der ICE hat Verspätung. Ich stehe unter der riesigen 4711 Leuchtreklame – Der Geruch von Ewigkeit, geschraubt zwischen Stahlträger. Neben mir steht ein angedickter Business-Punk und spielt irgendein Endlos-Game mit Minions auf seinem iPad. Den Scheiß spielen meine Kinder auch. Und sie sehen dabei genauso gelangweilt aus wie der Business-Punk. Zeit totschlagen mit Langeweile. Auf Gleis 5 wird der Teufel noch mit dem Teufel ausgetrieben. Er merkt, dass ich ihn beobachte, hebt den Blick und starrt mit leeren Augen durch mich hindurch. Da stehen wir. Zusammen mit Tausend anderen Menschen. Und alle geben sich die größte Mühe einander nicht zu sehen. Wir sind alle unsichtbar.

Der Zug hat Verspätung. 35 Minuten. Blechern schallt die Ansage durch die riesige Bahnhofshalle, zerbricht an der gigantischen 4711-Reklame in eine Milliarde Klangsplitter, die in wartende Ohren und fragende Gesichter regnen. „Hä? Was hat die Kuh gesagt?“, fragt rechts von mir der beige Mittsechziger seine graue Frau. Sie reagiert nicht. Hält stattdessen mit steinerner Miene ihren Rollkoffergriff mit der fleckigen Hand fest umschlossen. Der Business-Punk hat das Klangpuzzle erfolgreich zusammengesetzt und eilt zur Hilfe. Er schnaubt ein genervtes „Personenschaden“ in Richtung des unwirschen Ehemanns und interpretiert die Botschaft der Kuh: „Da hat sich doch bestimmt wieder einer auf die Gleise gelegt. Vollidiot.“ Zustimmendes Nicken in beige und grau. Sowas geht gar nicht. Was für ein Egoist. Und überhaupt: War die Bahn jemals pünktlich? Was ist eigentlich mit Deutschland los? Und die Flüchtlinge? Das wird man wohl nochmal sagen dürfen. Schnell sind sich alle einig: Frau Merkel muss weg, wenn es mit diesem Land wieder aufwärts gehen soll. Die Leiche auf den Gleisen ist zur Randnotiz geworden. Der Tod ist nur noch ein sanftes Hintergundrauschen.

Ich habe Bauchschmerzen und rede mir ein, dass es Hunger sein könnte und keine Leiche. Nichts was ich mit lieblos überbackenem Laugengebäck nicht erfolgreich ignorieren könnte. Ungesehen gleite ich an Menschen vorbei und fahre mit der Rolltreppe hinunter in den Fressbereich des Bahnhofs. Auf dem Weg zu Frittiertem, Gesottenem und Gebratenem kommen mir eine schreiende Mutter mit einem weinenden Kind an der Hand entgegen. Dicht gefolgt von einem schreienden Kind mit einer weinenden Mutter an der Hand. Zwischen völlig überteuerten Kohlenhydraten betteln Menschen andere Menschen an. Dass Bettler nicht genauso unsichtbar sein können, wie alle anderen hier, das nervt die meisten. Niemand lässt sich gerne an Elend erinnern.

Irgendwann sehr viel später fließt der ICE zäh in den Bahnhof. Einsteigende Menschen drängeln sich an aussteigenden Menschen vorbei. Im Hintergrund ruft ein Schaffner sein Verslein in Endlosschleife “Erst aussteigen lassen, bitte!” Es ist sinnlos. Der Deutsche wird “erst aussteigen lassen”, in keinem Leben mehr lernen. Ich warte irgendwo im Hintergrund bis das blutige Geschubse endlich vorbei ist. Als ich 30 Minuten Später endlich an meinem Sitz ankomme, ist der Platz neben mir schon besetzt. Morgan Freeman lächelt mich an und wünscht mir einen “schönen guten Morgen”. Gott ist tot? Fucking Schwachsinn. Da sitzt er. Direkt neben mir. Gott fährt zweite Klasse und mit mir nach München. Es gibt viel zu besprechen.

Zugvögel

Männlich

Jetzt bin ich 15. Keine gute Zeit. Zum Glück weiß ich das nicht. Ich ahne es nur. Seit Monaten bin ich glücklich unglücklich verliebt. In jugendlichem Größenwahn halte ich mich für Romeo und sie für Julia. Das ist natürlich völliger Blödsinn, aber die ganzen Hormone und der Weltschmerz trüben meine Wahrnehmung. Meine Realität ist stark verpixelt und an den Rändern sehr verschwommen. Trotzdem. Ich weiß alles besser. Wirklich. Fucking Alles. Ich lese Schiller, Goethe und Shakespeare. Ich halte mich für intellektuell und jedem überlegen. Allein, zu meinem Glück fehlt mir ein Bart. Ich wünsche mir üppiges Gestrüpp ins Gesicht, um ein paar Pickel verstecken zu können. Der Bart kommt später. 20 Jahre später.

Es ist 1996… und Fettes Brot sagen “Jein”, während ich mir ein Zimmer mit meinem Cousin, Jamie, teile. Jamie kommt aus den Staaten und wird für ein Jahr bleiben. Es wird ein großes Jahr. Ein wichtiges. Für uns beide. Als Jamie kommt, sind seine Fußnägel blau. “It just happened. Don’t really remember how”, sagt er mit einem Achselzucken. Ich bin misstrauisch. Wir kennen uns noch nicht richtig und mir kommen auf einmal ein paar Bedenken. Immerhin soll ich ein Jahr lang das Zimmer mit ihm teilen. Ich sage ihm, dass ich Mädchen ziemlich gut finde. Ganz beiläufig. Nur um sicher zu gehen. Jamie zuckt wieder mit den Schultern, nimmt sich seine Gitarre und klimpert irgendwas von den Foo Fighters. Ob mich seine Erklärung beruhigt? Jein.

Zwei Wochen später sind meine Fußnägel auch blau. And I don’t really remember how. Wir fahren nach Köln, um einen Playboy zu kaufen. T’n’A statt Schiller und Shakespeare. Genug Geist. Wir wollen Körper. Jetzt geht es um echte Literatur. Und es geht darum, es zu tun. Eine Mutprobe. Das Internet gibt es noch nicht und wir wollen nicht darauf warten. Wir müssen jetzt Brüste begaffen. Also müssen wir sie kaufen. Wie echte Männer. Wir schlendern lässig in einen dieser Bahnhofs-Zeitschriften-Läden. Langsam arbeiten wir uns in die Ecke mit den offenherzigen Damen vor. Auf dem Weg in den Brüste-Himmel blättern wir interessiert durch ein paar Heimwerker-Magazine und unterhalten uns angeregt über den Leitartikel in der neuen Ausgabe der Brigitte: “8 Sex-Fragen, die Männer uns gerne stellen würden – sich aber nicht trauen” Schwachsinn. Wir haben keine Fragen. Wir wissen alles und den Rest wollen wir endlich sehen.

Wir sind smooth. Niemand kann auch nur erahnen warum wir wirklich hier sind. Vor dem Regal mit den Hunde-Hochglanz-Magazinen gerät unser Plan ins Stocken. Die schönen Frauen mit ohne Klamotten liegen ausladend einladend direkt gegenüber. Hier warten wir. Beim Kauf hochbrisanter visueller Literatur geht es um den richtigen Moment. Und der richtige Moment ist gekommen, wenn wir die beiden einzigen Menschen auf der Welt sind und skeptisch dreinschauende Kassierer durch Roboter ersetzt wurden. Wir sind uns schnell einig, dass das noch ein wenig dauern kann. Der Kassierer ist mittlerweile auf uns aufmerksam geworden. Unser reges Interesse an den Monatsschriften “Wuff” und “Lumpi” nimmt er uns offenbar nicht ganz ab. Er beäugt uns argwöhnisch. “I told you, we should have brought that neighbors dog!”, raunt Jamie mir verärgert zu. Jaja. Ich bin dagegen gewesen. Ob Goethe und Schiller verschämt Holzschnitte nackter Frauen käuflich erworben haben? Mit Hunden im Schlepptau? Wohl nicht. Die konnten schreiben. Wer schreiben und dichten kann, hat den Einkauf erotischer Medien wohl kaum nötig.

SchnickSchnackSchnuck. Wir spielen, um unsere Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Wer verliert, wird alleine zum Mann. Ich gewinne. “Best out of three”, fordert Jamie. Ich gewinne. “Best out of five. That’s the way men play it!” Ich verliere. Jamie zwinkert dem Kassierer zu und stürzt dann erleichtert davon. Augen zu und durch. Ich greife hastig in den Schmuddelblätterwald und knalle dem Kassierer das Heft und 8 Mark 50 souverän auf die Theke. “Hat aber gedauert, Alter!” Ich sage nichts und ertrage die Schmach mit hochrotem Kopf.

Vor dem Laden wartet Jamie. Er gratuliert mir zur Mannwerdung. Wenn sich Männer so fühlen, dann muss ich mir das nochmal überlegen. Ich bin nicht Romeo und Julia wäre sicher nicht stolz auf mich. Wenigstens das habe ich geklärt.

Männlich

Stallgeruch

Meine Kinder haben diese Gabe. Sie wittern autoritäre Schwachstellen. Erzieherische Lücken füllen sie traumwandlerisch sicher mit der Erfüllung eigener Wünsche. Meist warten sie bis ich lese oder anderweitig in Anderweitiges vertieft bin. Und sobald sie sich ganz sicher sind, dass mein monotaskendes Hirn auf Durchzug geschaltet hat, schicken sie das bestgelittenste Glied der geschwisterlichen Kette, um alles entscheidende Fragen zu stellen. “Papa wir haben keine Lust auf Linsensuppe zum Mittagessen, können wir Nutella-Brote essen?”, “Papa, können wir mit dem Gartenschlauch die Straße vereisen?”, “Papa, können wir am Wochenende Kart-fahren gehen?”. “Papa, kann ich mein Geburtstagsgeschenk jetzt schon haben?” Mein apathisches Brummen wird dann gerne als “Ja” interpretiert. Und dann esse ich alleine Linsensuppe, warte auf Glatteisopfer mit Unterschenkelhalsbrüchen oder fahre Kart in öden Kreisbewegungen. Mittlerweile habe ich Angst mich in Dinge zu vertiefen. Zu oft schon habe ich Unaufmerksamkeit teuer bezahlt.

Ich stehe nackt im Bad. Auf dem Weg in die Dusche habe ich Emil vertrieben, bevor er es sich zum Kacken bequem machen konnte. Er ist das einzige Kind, dass die Toilette so besitzt wie andere einen Ohrensessel vor einem warmen Kaminfeuer. Wohlig seufzend und in völliger Entspannung. Emil trollt sich mürrisch grunzend in das Bad ein Stockwerk höher. Duschen im Fäkaldunst ist kein sehr sinnliches Erlebnis. Jetzt gehören diese 7 Quadratmeter Wohlfühloase mir. Nur mir. Denke ich naiv. Da fällt eine hektische Tochter aufgeregt mit der Tür in mein erobertes Territorium. “Papa. Sie kommen. Jetzt. Sie kommen endlich!” Das völlig ekstatische Kind stürzt wieder davon. Bevor ich fragen kann wer da kommt und ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, höre ich draußen einen Schwerlasttransporter vorfahren. Oder ist es ein Panzer? Ist es doch der Russe? Die Erde bebt. Bremsen quietschen. “Wo sollen die Dinger denn hin?”, donnert die Stimme des örtlichen Bauunternehmers, Hauke Hartmann. Hauke Hartmann steht vor meinem Haus. Und wenn Hauke Hartmann naht, dann ist das kein Spaß. Jetzt bekomme ich langsam Panik. Ich finde nichts was sich innerhalb von drei Nanosekunden anziehen lässt. Aber es muss schnell gehen, denn wenn Hauke Hartmann erstmal in den Arbeitsmodus schaltet, dann ist man besser weit weg.

“Also? Wo ist dein Vater, Kind!” Hauke Hartmann wird böse. Scheiße. Hauke Hartmann mit schlechter Laune in meinem Vorgarten. Ich schnappe mir Lottes Bademantel. Den mit dem verspielten roten Tauwerk, das sich in neckischen Herzformen um blaue Anker schlängelt. In Größe 158. Es ist alles egal. Hauptsache Hauke Hartmann muss nicht länger warten. Als ich endlich vor ihm stehe ist Hauke sehr fasziniert von meiner Kleiderwahl. Lottes Bademantel bedeckt gerade das Wichtigste und an den Füßen trage ich meine grell-braunen Garten-Birkenstocks. Fuck it. “Hallo Hauke. Was soll wo hin?” Mir ist kalt und ich will alle bauunternehmerischen Vorhaben möglichst schnell im Keim ersticken.

Hauke löst seinen belustigten Blick von meinen unvorteilhaften Äußeren und fuchtelt mit seinem riesigen Kanonenarm in Richtung seines monströsen Traktors. Auf dem Anhänger dahinter thront ein massiver Kaninchenstall aus deutscher Eiche. Kein furnierter Scheiß. So groß wie das Badezimmer aus dem ich gerade komme. “Ich brauche keinen Kaninchenstall, danke.” Ich frage mich, wie er auf die Idee kommt, das Ding hier abladen zu wollen. “Der muss hinter das Haus!”, höre ich eine Kinderstimme rufen. Lotte kommt aus dem Haus gelaufen und mustert mich kurz. “Papa. Das ist mein Bademantel. Häng’ ihn bitte nachher zurück.” Dann geht sie auf Hauke Hartmann zu und schüttelt seine riesige Pranke. “MOMENT! Was soll das eigentlich? Ein Kaninchenstall? Warum? Es gibt keinen Stall und keine Kaninchen. Wir haben darüber gespro…”. Und dann schneidet das gleißende Licht der Erkenntnis durch meinen Hirnnebel. “Du hast vorgestern “ja” gesagt, Papa.” Neben mir steht Ida und zupft an Lottes Bademantel. Nichts habe ich gesagt. “Nichts habe ich gesagt, Ida!”. Sie sieht mich mitleidig an. “Doch Papa. Ich habe dich gefragt, ob wir die Kaninchen von Hauke Hartmann haben können, weil er sie sonst aufessen wird.” Tränen stehen in Idas Augen. “Und du hast etwas in deinen Computer getippt und hast “ja” gesagt.” Ich habe allenfalls gebrummt. “Und du hast mit dem Kopf genickt.” Ich habe allenfalls mit dem Kopf gewackelt. Und jetzt steht der Kaninchenfresser Hauke Hartmann auf meinem Grund und Boden, um seinen monströsen Stall samt tierischem Inhalt in meinem Garten zu verklappen. Na toll.

Meine Position ist aussichtslos. Ich trage einen Kinderbademantel und habe brummend mit dem Kopf gewackelt. Ich habe verloren. “Also gut, Hauke. Hinter das Haus.” Hauke Hartmann klettert befriedigt schnaufend in seinen Traktor. Zündet die riesige Maschine und pflügt einmal quer durch den Vorgarten, um den Stall hinter das Haus zu fahren. 2 Minuten und einen verwüsteten Rasen später ist alles vorbei. Lotte und Ida lächeln triumphierend. Wartet nur ihr beiden. Weihnachten schenke ich euch Bücher. Ich kehre zurück ins Bad, um mir den Ärger aus dem Kopf zu duschen und mich anschließend in etwas würdevolleres zu kleiden. Im Bad begegne ich Emil. Er hat die Chance genutzt, um sein Lieblingsklo zu besteigen. Es stinkt fürchterlich. Emil lächelt mich an. “Fahren wir gleich in den Zoo, Papa? Du hast es gestern versprochen!”

Stallgeruch

Hörsturz

Lotte hört Mark Forster. Mark Fucking Forster. Laut und ungnädig. Ich stehe am Fuß der Treppe. Mein Bauch will schreiend die Musik übertönen und heftig um Gnade flehen, als der Kopf sagt: “Lass sie. Deine Mutter hat Herbert Grönemeyer und Roxette in Endlosschleife ertragen. Da wirst du wohl Mark Forster ignorieren können.” Bauch sagt zu Kopf ja und ich ärgere mich, weil ich zwischen ihnen stehe. Wie konnte es dazu kommen? Habe ich nicht genug gute Musik gehört? War sie zu leise? Waren die Roots nicht wunderbar genug? Hat Lauryn Hill am Ende vielleicht doch keine tolle Stimme? Und was haben Kevin Johansen, Vinicio Capossela und Keziah Jones falsch gemacht? Versager sind sie. Allesamt. Keine/r von ihnen hat Mark Forster verhindern können. Oder Andreas Bourani.

Ich schleiche von dannen und Mark Forster plärrt mir weise Worte hinterher. “Ich lass Konfetti für dich regnen / Ich schütt dich damit zu / Ruf deinen Namen aus allen Boxen / Der beste Mensch bist du.” Ein Lyriker. Tiefgründig und wortgewaltig. Reim dich oder ich beiß dich. Als mein Heulkrampf nachlässt und ich mir das Blut aus den Ohren gewischt habe, wanke ich ins Wohnzimmer. Emil sitzt unter einem riesigen Couchkissengebirge und ruft: “Such mich, Papa!” Er ist wirklich der Schlechteste Versteckspieler aller Zeiten. Und der am besten gelaunte. “Emil? Emil? Wo bist du nur?” Das Couchkissengebirge kichert laut. Ich fange an zu graben und Emil kreischt, weil er die Spannung nicht aushalten kann. Als ich den zappelnden Sohn endlich an einem Bein aus seinem Versteck gefischt habe, kommt Ida, setzt sich an den Rechner und versucht sich in meinem Musikstreaming-Account zurecht zu finden. Sie sucht summend nach ihrem aktuellen Lieblingslied. “Die perfekte Welle”. Es ist wieder 2004. Big Brother. Gefärbte Haare und ein unentschuldbarer Kleidungsstil. Der Krieg gegen die Achse des Bösen endet gerade in der Besetzung des Irak. Was damals weh getan hat, ist auch heute noch schmerzhaft. Schön, dass 2004 jetzt auch im Westerwald angekommen ist. Mit dreizehnjähriger Verspätung plätschert nun die neue deutsche Welle auch durch unser Haus. “Ist das nicht ein tolles Lied, Papa?”, Ida sucht nach Bestätigung für ihren guten Musikgeschmack. Ich frage mich, ob hier die Wahrheit Not tut? Als ich gerade zum großen Schlag gegen die deutsche Leidkultur ausholen will, kommt Marie ins Zimmer gehüpft. “Geiles Lied, Ida!” Ich klappe den Mund wieder zu, vergesse zu atmen und lasse es geschehen. “Dein Brett ist verstaubt. Deine Zweifel schäumen über.” Ich verstehe Juli nicht. 2004 ist ein Rätsel.

Aus meiner inneren Zerissenheit befreit mich Emil. Er beschwert sich lautstark darüber, dass ich ihn noch immer festhalte. Ich lasse ihn erschrocken ins Kissengebirge plumpsen. Er rappelt sich auf, springt von der Couch, rennt hinüber zu Ida und baut sich drohend vor ihr auf. “Ich will das nicht hören. Das ist blöde Musik. Ich will Feuerwehrmann Sam hören!” Das ist mein Sohn. Nie zuvor schwoll meine Vaterbrust stolzer. Ida schüttelt den Kopf. “Immer willst du die gleiche Folge hören. Das nervt. Feuerwehrmann Sam nervt!” Das ist zuviel. Niemand lästert dem ewig gut gelaunten Kämpfer für ein feuerfreies Ponty Pandy. Emil brüllt seinen neusten Kampfschrei: “DAS IST DOCH NICHT ZU FASSEN!” und ruft nach seinen imaginären Verbündeten, “WACHEN NEHMT MEINE SCHWESTER FEST”. Dann zieht und zerrt er solange an Ida herum, bis die endlich die Spotify-Kommandozentrale räumt. “Ich muss eh aufs Klo.”

Ich setze mich vor den Rechner und will gerade das erkämpfte Hörspiel starten, als Emil es sich anders überlegt. “Kann ich bitte doch Kinderlieder hören?” Nein. Eigentlich darfst du keine Kinderlieder hören. Schon gar nicht solche, die von anderen Kindern gesungen werden. Die sind nämlich oft scheiße. Mehrstimmig scheiße. “Hmmm. Ja klar!”, höre ich mich selbst murren. Die Suche gestaltet sich als schwierig. Die Auswahl an furchtbaren Kinderliedern ist erschreckend groß. Nach 30 Minuten finden wir eine Playlist, deren Coverbild Emil zusagt. Emil hört gerne mit den Augen. Als ich den Play-Button drücke dauert es eine kleine Weile bis ich unter den elektronisch wummernden Beats den Kinderklassiker “In der Weihnachtsbäckerei” erkenne. Scooter meets Ralf Zuckowski. Kopf und Bauch heulen gleichzeitig laut auf. Emil findet das Bild immer noch super. Die Musik nimmt er in Kauf. Schmerzgeplagt krieche ich in Richtung Couch davon und vergrabe mich tief in den dunklen Gängen des Couchkissengebirges. „Es gibt nichts was mich hält Au Revoir.“

Hörsturz