Sprachlos

Wir besuchen Lotte im Kinder-Krankenhaus. Sie ist jetzt mit ohne Blinddarm und ihre Geschwister wollen die Wunde sehen. Wir nehmen die Treppen. Im dritten Stock ist Lotte untergebracht. Wir müssen also an zwei Stationen vorbei, bevor wir auf der Chirurgie ankommen.

Marie und Ida haben den Aufzug gesehen. Sie verstehen nicht, dass irgendwer auf der Welt lieber Treppen steigt, als Aufzug zu fahren. Auf der Treppe machen sie ihrem Unmut immer wieder Luft. Ich sage, dass ihnen ein bißchen Bewegung jetzt gut tut. Immerhin hätten sie gerade 40 Minuten lang nur im Auto rumgesessen. “Wir haben nicht rumgesessen. Wir haben gezankt!”, korrigiert mich Ida. Ich erinnere mich deutlich. Trotzdem bin ich nicht bereit, Streit als körperliche Ertüchtigung zu werten und scheuche die unwilligen Kinder vor mir her. Nur Emil ist völlig mit sich und der Situation im Reinen. Er hat seinen Spielzeug-Hubschrauber dabei. Es ist ein Feuerwehr-Hubschrauber. Mit nervigem Motorengeräuschen, Blaulicht und drehenden Rotorblättern. Emil schleppt das Ding seit einem Jahr durch sein Leben. Jetzt fliegt er damit die Treppen hoch.

Wir kommen an der Kinderherz-Station vorbei. Im Flur steht ein Mädchen mit seinen müden Eltern. Vielleicht ist sie 7 Jahre alt. Vielleicht auch 12. Schwer zu sagen in dieser Umgebung. Es wird geflüstert. “Bald… noch nicht… aber dann… Urlaub… vielleicht”. Gähnen. Aus dem zu großen Unterhemd des zu kleinen Mädchens wächst eine Narbe. Rot und riesig kriecht sie über ihr Brustbein. Sie ist so groß, dass sie fast unecht wirkt. Wie eine dieser Narben, die man in der Karnevals-Saison im Zombie-Kostüm-Set bei Aldi kaufen kann. Aber Karneval ist weit weg. Ida hat die Narbe auch gesehen. Und steht da. Festgewurzelt. Fasziniert. Wir starren zusammen. Bis die Eltern unsere Blicke auf ihrem Kind spüren und sich zu uns umdrehen. Ich werde rot, räuspere mich und schubse Ida weiter die Treppe hinauf.

Auf der zweiten Etage ist die Onkologie. Die Glastür zur Station ist geschlossen. Dahinter ist es dunkel. Den Kindern fällt das nicht auf. Es ist nur eine geschlossene Tür in einem riesigen Krankenhaus. Das Drahtglas in den schweren Metalltüren ist mit bunten Fensterbildern verziert. Vermutlich von Kinderhänden gemacht. Und weil das Licht dahinter fehlt, leuchten sie nicht. Sie schimmern bräunlich.

Der Hubschrauber ist auf der dritten Etage angekommen. Die Kinder stehen schwer keuchend vor dem Eingang zur Chirurgie. Als wir zusammen eintreten sitzt dahinter ein Junge in seinem Rollstuhl. Von seinem Kinn tropft Speichel und um seinen Kopf trägt er einen Metallring, der mit Schrauben in seinem Schädel verankert wurde. Jetzt stehen wir alle da und wissen nicht was zu tun ist. Meine Töchter sind sprachlos. Ich bin es auch. Der Junge schaut uns durch dicke Brillengläser an. Er spricht undeutlich. “Was ist das?”, er zeigt auf den Hubschrauber in Emils Hand. “Das ist Tom. Er fliegt zum Einsatz.”, klärt Emil auf. “Wer bist du?”. Die Antwort des Jungen versteht keiner. Er könnte Alexander oder Andreas heißen. Emil ist es egal. Alexander-Andreas auch. “Kann ich den haben?”, fragt er. Emil reicht ihm sein Lieblingsspielzeug. “So geht der an!”. Das nervige Motorengeräusch freut beide Jungs und weil das Licht auch auf Station 3 nicht besonders hell ist, blinkt das Blaulicht klar. Sie fliegen ein bißchen in der Gegend herum. “Du musst die Spucke runterschlucken!”, weist Emil Alexander-Andreas an. Emil kennt das. “So musst du das machen!”. Er demonstriert, schluckt seinen Speichel und wischt sich mit dem Ärmel das Kinn ab. Sein Gegenüber tut es ihm gleich. Es klappt nicht, aber die beiden sind zufrieden. Sie grunzen sich zu.

Ein paar Minuten später besuchen wir Lotte. Es geht ihr gut. Sie meckert. Kinder die meckern, werden wieder gesund. Auf dem Rückweg ist es still im Auto. Ida und Marie zanken nicht. Sie schauen aus ihren Fenstern. Ich will nichts zerreden. Ich wüßte auch nicht was. Wir sind sprachlos und ich halte das für gesund. Lediglich Emils Hubschrauber ist nervig und blinkt.

Sprachlos

Blinddarm

Lotte hat den Jackpot geknackt. Akute Blinddarmentzündung. Die Seitenkrankheit. Ich bin immer davon ausgegangen, dass diese Krankheit längst aus der Mode gekommen ist. Alte Menschen haben darüber geredet, in historischen Romanen wird daran gestorben, aber heute? Gibt es da nichts Schickeres? Woran erkrankt man dieser Tage, wenn man Wert auf sein Image legt? Lotte hat sich also die Seite gehalten, gekotzt und weh geklagt. Die Symptom-Suche auf Google ergibt Krebs-Aids im Endstadium. Irgendwie halten das alle Beteiligten für eher unwahrscheinlich und wir fahren in das nächstgelegene Krankenhaus.

Der russische Bär im grünen Kittel entpuppt sich als Notarzt. Er zieht und drückt an meiner Tochter herum. Schüttelt sie kurz durch. Lotte erblasst vor Schmerz. Der Bär nickt und brummt. „Chist Blinddarm. Muss ins Krankenhaus!“. Ich schaue mich um und stelle kleinlaut fest, dass wir ja bereits in einem Krankenhaus sind. Der Bär schüttelt traurig den Kopf. „Wir nicht chaben Werkzeug für Kinder!“ Er schaut traurig auf seine riesigen Pranken. Ich bezweifle, dass es überhaupt „Werkzeug“ in seiner Größe gibt. Wir verabschieden uns schnell, lassen den melancholischen Russen in seiner Höhle zurück und ziehen weiter.

Die Kinderklinik versprüht den Charme der 70er Jahre. Ein riesiger Komplex erbaut um Krankheiten zu besiegen und nicht um Kranke zu heilen. Kalte Sichtbetonplatten. Zweckmäßig aufeinandergeschichtet. Ein paar hundert Wände. Ein paar tausend Toiletten. Fertig. Damals nannte man das Architektur. Gut, sie haben den Eingangsbereich modernisiert. Wer hineinkommt sieht Kompetenz und Ordnung. Dahinter geht es zurück in die Helmut-Schmidt-Ära. Eine Zeitreise auf ausgeblichenem Linoleum.

Lotte wird erneut untersucht. Bekommt einen Zugang gelegt. „Gar nicht so einfach, wenn man keine Venen hat“. Der Kinderkrankenpfleger lacht wie eine Kreissäge. Er heißt Ralf. Ralf hat immer gute Laune und das Feingefühl eines Traktors. „Entspann dich, Lotte. Obwohl…“, Ralf denkt kurz nach, „das kann man einem Schwein auf der Schlachtbank auch schlecht sagen…“ Er lacht sein Kreissägen-Lachen. Ich mag ihn. Lotte nicht. Komisch. Diese Teenager haben einfach keinen Humor. Der Schwesternschülerin im Hintergrund ist Ralf peinlich. Sie nestelt an Spritzen und Urinproben-Bechern herum oder starrt betreten Löcher ins Linoleum. Irgendwann steht eine Ärztin im Zimmer. Sie ist nett und langweilig. Als sie Lotte die nächsten Schritte auf dem Weg zur OP erklärt hat, ist meine Tochter fast eingeschlafen. Der Anästhesist ist jetzt eigentlich überflüssig, kommt aber trotzdem vorbei. Irgendwo draußen im Flur lacht die Kreissäge über ein weiteres Schwein.

„Hallo Lotte. Ich bin bin Hannes. Wie alt bist du?“ Lotte hat Schwierigkeiten ihre Gedanken in dem Chaos aus Schmerz und Tran zu ordnen. „Sie ist 11!“, eile ich zu Hilfe. Jetzt ist Lotte wach, blinzelt mich böse an und korrigiert ihren ignoranten Vater. „Ich werde nächstes Jahr 13.“ Hannes lächelt, notiert sich noch ihr Gewicht und fragt nach schrecklichen Vorerkrankungen. Ich spare mir den Krebs-Aids-Scherz. Ralf hätte ihn bestimmt lustig gefunden. Ein paar Stunden später ist alles vorbei. Lotte hat jetzt keinen Blinddarm mehr. Sie wirkt älter ohne den entzündeten Wurmfortsatz. Die Nächte verbringt sie allein im Krankenhaus und auch tagsüber muss sie nicht mehr rund um die Uhr bewacht und behütet werden. Nächstes Jahr wird sie schon 13.

Blinddarm

Digga

“Ey Digga, du muss’ raus deinem Loch!”. Vor mir steht Pinar und gibt mir zum Abschied Ratschläge. Sie ist 18. Seit heute. Pinar kommt aus Berlin und ist eine Mischung aus Bushido und Ludwig Wittgenstein. Eine kluge Frau, die mühelos zwischen Straßen-Soziolekt und Akademiker-Sprech hin und her wechselt. Eliza Higgins-Doolittle. Sie hat gerade Abitur gemacht. Ein gutes wahrscheinlich. Wir haben eine Woche zusammen gearbeitet. Zusammen mit 19 sehr außergewöhnlichen Menschen, haben wir über Sinn, Erfolg, Motivation und unkonventionelle Lebensentwürfe nachgedacht. Ideen visualisiert und Filmprojekte daraus gemacht. An einem wunderschönen Ort in Schleswig-Holstein, den irgendein Graf einer dänischen Prinzessin zum Geschenk gemacht hat. Damals als Ritter noch ihre Klingen kreuzten und die Freimaurer das Edle im Unedlen suchten.

Jetzt ist die Woche vorbei. Und Pinar steht da und sagt mir, dass ich dringend umziehen müsse. In eine Stadt, weil das Land nämlich ein scheiß-langweiliger Ort sei, Digga. Wir stehen zwischen einem wunderschönen Schloss und der Schlei. Ein Brackgewässer, das sich nicht entscheiden kann ob es Salz- oder Süßwasser sein möchte. Es hat sich für beides entschieden. Pinar auch. Vielleicht wäre sie gern Mainstream. Äußerlich gibt sie sich alle Mühe. Sie ist hübsch und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Klamotten dem Zeitgeist nicht unangenehm ins Style-Auge fallen. Aber wenn sie den Mund aufmacht, dann ist es vorbei mit Einheitsbrei. “Hey, Pinar. Kommst du mit Tennis spielen?” Vier Mädels steuern mit Fragezeichen in den Gesichtern und gelben Filzkugeln in den Händen auf uns zu. “Nee, danke mir geht’s gut, Digga! Ich will jetzt Hakenkreuze an die Wand sprühen!”, sie nickt in Richtung des alt-ehrwürdigen Schlosses mit den weißgetünchten Wänden, “Bissu gut in rechte Winkel?” Innendrin krampfe ich vor Lachen. Als ich mir die Tränen aus den Augen gewischt habe, sind die Mädels ohne Pinar weitergezogen. Auch Pinar ist weg. Wahrscheinlich gibt es drüben in der Cafeteria Kuchen. Ich mache mich mit meinen Kollegen ebenfalls auf den Weg zum Backwaren-Buffet.

Wir sind zu spät. Nur ein paar Krümel und die vollständig erhaltene vegane Kuchen-Alternative zeugen von dem üppigen Feuerwerk aus Eiern und Salz, Butter und Schmalz. Ein paar traurige Kids lungern, leise hoffend, noch im Raum herum. Und tatsächlich gleitet die Küchentür erneut auf und eine junge Bedienstete bringt warmes, süßes Backwerk unters heißhungernde Volk. Am Marmorkuchen treffe ich Isbah. Sie ist ebenfalls in meinem Projekt gewesen. Sie ist 17. Natürlich ist auch sie sehr intelligent, aber mit Sido kann sie nichts anfangen. Sie ist Diplomatin von Beruf und hat immer ein offenes Lächeln auf den Lippen. “Hey, Isbah. Wie war die Meditation gestern?”, frage ich sie. Am Abend zuvor waren alle Teilnehmenden zu einer Selbstbesinnungs-Einheit ins Hauptzelt geladen worden. “Ich sollte einen Gegenstand meditieren. Da habe ich 10 Minuten einen Pfosten angeschaut. Aber der Pfosten hat mir nichts gesagt!” Fast möchte ich ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld ist und das Pfosten grundsätzlich nur sehr wenig sprechen und wenn sie es tun, dass sie selten etwas zu sagen haben. Ganz unabhängig davon, ob ein Pfosten aus Holz oder aus Mensch besteht. Aber bevor ich Trost spenden kann, ist Pinar wieder da. “Ey Digga. Ich hab zehn Minuten ´nen Hässligen angestarrt. Das war auch nich’ geil!” Isbah nickt verständnisvoll und ich pruste Kuchenkrümmel durch die Nase.

Es sind so viele Menschen dort. An diesem Ort, der weder süß noch salzig ist. Interessante Menschen, Brackwasser-Menschen. Mischungen aus verschiedensten Strömen. Menschen, die etwas zu sagen haben, obwohl sie noch sehr jung sind. Menschen, die vielleicht lieber konformer unterwegs wären und gerade erst anfangen zu begreifen, dass die Stromlinie nur ein Strich ist. Eindimensional. Eintönig. Es sind Jugendliche, die das Potential haben nicht Rädchen, sondern Sand im Getriebe zu werden. Eine Woche haben wir nachgedacht. Uns Dinge erzählt. Lustige Dinge. Wichtige Dinge, gute Dinge – über all das denke ich nach als ich mit meinen Kollegen im Auto sitze und zurück fahre in das scheiß-langweilige Loch aus dem ich gekommen bin, Digga.

Digga

Endlosschleife

“Das Leben mit Kindern ist ein großes Abenteuer!”, erzählen verwirrte Menschen mit großer Begeisterung. Findet jemand Gefallen an ständigen Wiederholungen und der Neuauflage seines eigenen Lebens, dann mag das zutreffen. Das Leben mit Kindern ist (k)ein Abenteuer. Das Leben mit Kindern ist häufig eine endlos lange Endlosschleife, die der Herrgott selbst kunstvoll um Episoden meines Leben gebunden hat.

Nach einem mäßig erfüllten Arbeitstag überquere ich mäßig gelaunt die heimische Türschwelle. Keine 3 Sekunden später steht Emil vor mir. “Papa, darf ich Feuerwehrmann Sam gucken?”. Natürlich darf er. Er darf nämlich immer, wenn er fragt. Alles. “Nein. Emil. Darfst du nicht! Geh raus spielen. Das Wetter ist toll.” Ich höre mich an wie ein Vater. Ich bin mein eigenes Déjà-vu. Emil ist nicht bereit aufzugeben. Monoton jammernd und unbeeindruckt fragt er mich gefühlte zehn weitere Male. Er bekommt gefühlte zehn weitere Male die gleiche abschlägige Antwort. In mir keimt schlechte Laune auf und droht mein mühsam hergestelltes inneres Gleichgewicht aus der Waage zu bringen.

Eine Bekannte erinnerte mich erst neulich daran, dass Lernen iterativ sei. Sie hat recht. Als Emil zu einem elften Versuch ansetzt bin ich mürbe und bereit die kleine Schäfchenwolke am strahlend blauen Himmel als Unwetterfront zu interpretieren, um den kleinen Plagegeist reinen Gewissens mit dem Feuerteufel Norman Price ruhig zu stellen. Mein Sohn ist der Meister Yoda der Iteration. Er hat mich unterwiesen. Ich habe meine Lektion gelernt. “Sam hilft dir in der Not” – Der Song lügt nicht.

30 Minuten später stehe ich in Idas Kinderzimmer und führe wieder die “Warum-immer-ich-Diskussion”. Ich erkläre ihr zum millionsten Mal warum immer sie. Ich bin von mir selbst gelangweilt und verstehe nicht, warum Ida nicht auf der Stelle einschläft, wenn sie uns zuhört. Nach einer Weile schaue ich in ihr kleines Gesicht und sehe, dass sie schon lange nicht mehr da ist. Ich habe mit mir selbst diskutiert. Wieder mal. Ich schiebe Ida vor den riesigen Klamottenhaufen in der Zimmermitte und gebe ihr mit Gesten zu verstehen was ich von ihr erwarte. Sie reagiert mit leerem Blick. Halbautomatisch und lustlos. Mir reicht das fürs Erste. Ich habe meinen Erziehungsauftrag erfüllt und will mich den wichtigeren Dingen des Lebens zuwenden. Autowaschen. Rasenmähen. Das Moos aus den Fugen der Einfahrt herauskratzen. Dinge, die ich schon länger nicht gemacht habe. Im Garten sehe ich Helena, die einen riesigen Felsbrocken auf unseren kleinen Grashügel wuchtet. Das tut sie häufig. Ich wundere mich über diese antike Form des Workouts. Sagenhaft.

Ganz hinten in der Garage steht das schwere Gartengerät. Wahrscheinlich hätte ich meine deutschen Spießerpläne vorher anmelden müssen, denn der Fuhrpark der Kinder blockiert das Hinten des Raumes. Kunstvoll hat die Brut ihre Fahrräder aufeinandergestapelt. Für noch besseren Halt haben die Töchter die Pedalen und Speichen ineinander verkantet. Die Ränder des Hügels haben sie mit Longboards, Wasserpistolen, Badmintonschlägern und Springseilen befestigt. Auf der Spitze des Kunstwerks thront eine kleine Auswahl unserer Bobby Cars. Die Plastikkirsche auf der Stahlsahne. Den Rasenmäher kann ich lediglich erahnen. Wie oft habe ich ihnen gesagt, dass sie ihren Scheiß ordentlich wegräumen sollen? Wie oft? Diese Frage werfe ich Marie an den Kopf, die mit einer Freundin an mir vorbeischlendert. “Ja. Papa. Gleich!” Freundlich brülle ich, dass ich “gleich” für keine Option halte und das sie gefälligst sofort mit dem Rückbau des Fahrzeuggebirges beginnen solle. Marie hört sich das geduldig an. Rollt dann mit den Augen und schenkt ihrer Freundin das milde “Eltern-sind-bescheuert-Lächeln”. Die Freundin nickt wissend. Man zwinkert sich zu und beginnt aufreizend lässig mit der Arbeit. Nicht genug damit, dass man meinen Ärger nicht ernst nimmt. Man hält mich offenkundig auch noch für dämlich. Meine innere Mitte kocht in einem heißen Sud aus Bitterkeit und Rachsucht. Ich suche das Weite.

In der Gartenmitte treffe ich Helena und eine Weile rollen wir gemeinsam den riesigen Felsbrocken den Hügel hinauf und beobachten dann, wie er auf der anderen Seite wieder hinabrollt. Als ich eine Stunde später wieder an der Garage vorbeikomme, liegt das Fahrzeuggebirge noch immer unberührt in der Mitte des Raumes. Tatsächlich kommt es mir so vor, als wäre es eher größer als kleiner geworden. Marie und ihre Freundin sind nirgends zu sehen. Und weil das Absurde nur insofern einen Sinn hat, als man sich nicht mit ihm abfindet, schnappe ich mir ein Seil, binde es mir um die Hüfte und wage den Aufstieg.

Nach einer halben Ewigkeit schlagen die Suchhunde an und man birgt meinen leblosen Körper aus dem Spielzeuggeröll. Besorgte Töchter verfrachten mich auf die Couch und kümmern sich rührend um mich. Ida bringt Chips und Salzstangen. Marie guckt schuldbewusst. Alle zusammen schauen wir mit Emil wie Feuerwehrmann Sam zum tausendsten Male die lebensmüden Menschen von Pontypandy vor dem sicheren Tode rettet. Mein Blick gleitet durchs Fenster in den Garten. Den Felsbrocken hat Helena wieder in die Garage gerollt. Dort thront er jetzt auf dem Spielzeuggipfel. Morgen ist wieder ein Tag.

Endlosschleife

Sorgenkinder

“Darf ich auf Toilette gehen?” Vor mir steht eine 17 jährige Schülerin – wahrscheinlich heißt sie Lara – und schaut mich leidend an. SIE IST 17. Sie ist 17 und fragt mich, ob sie auf Toilette gehen darf. Nächstes Jahr wird sie volljährig sein, wahrscheinlich einen Führerschein besitzen und wählen gehen dürfen. Sie zappelt auf und ab. Mir ist das hochgradig unangenehm. Warum fragen mich erwachsene Menschen, ob und wann sie den Bedürfnissen ihres Körpers nachgeben dürfen?

Es ist mein letztes Projekt für dieses Halbjahr. Ich habe mit vielen Jugendlichen gearbeitet. Die meisten von ihnen Gymnasiasten. 10. Klasse aufwärts. Einige von denen werden demnächst weitreichende Entscheidungen für ihr Leben treffen. Ausbildung? Studium?
Wahrscheinlich sind es diese beiden Optionen. Für Lara bestimmt. Kreativere Lebensentwürfe kommen für die Laras unserer Gesellschaft kaum in Frage. Vielleicht wird sie für ein halbes Jahr nach Australien gehen oder ein kurzes und behütetes Au Pair Leben führen. Alles für den Lebenslauf, aber kaum etwas fürs Leben. Dafür kann Lara nichts. Sie durfte schließlich nicht selbstständig werden. Wenn sie Gefahr läuft einen eigenen Gedanken laut zu denken, dann sucht sie unsicher nach Bestätigung in meinem Blick. Die Laras in meinen Projekten sind 17 und werden von ihren Lehrer/innen als “Kinder” bezeichnet.

Thema am Mittagstisch: Eigenverantwortung. Die Lehrer/innen sind sich einig: “Die Kinder können dieses oder jenes weder selbst entscheiden noch einschätzen.” Aha. Vielleicht sollten sie das im Laufe der Zeit lernen? Gelernt haben. Ist nur so eine Idee. Stattdessen stecken wir sie in Bildungsbrutkästen aus Sichtbeton. Aber darüber will eigentlich niemand sprechen. Schon gar nicht die Lehrer/innen. Schuld an der Bildungsmisere haben Elternhäuser und Grundschulen. Es werden Elternankedoten ausgetauscht. Eine schlimmer als die andere. Keine Frage: Es gibt bescheuerte Eltern. Trotzdem haben wir alle eigene Nasen im Gesicht, aber ran fassen will sich niemand. Nächstes Thema.

“Wie wollen wir das Abendprogramm gestalten?” Zur Debatte werden Bowling und Klettern gestellt. Die Mehrheit der Kinder stimmt für den Aufstieg in die Baumwipfel. Die Lehrer/innen nehmen das Votum nervös zur Kenntnis. “Können wir das machen? Die Kinder sind ja so ungeschickt! Die verletzen sich ja schon beim Stehen.” Man sucht nach Auswegen aus der demokratischen Misere. Im kleinen Kreis wird eine erneute Abstimmung gefordert. “Die meisten hier wissen ja gar nicht, was gut für sie ist.” Am Ende wird das unmündige Volk erneut befragt. Allerdings erst nachdem man den Verhaltensregelkatalog noch einmal deutlich ausgeweitet hat (“Die schwarze Route darf nicht geklettert werden und es werden bitte keine Photos geschossen. Also lasst die Handys zuhause. Wir wollen, dass ihr euch auf das Klettern konzentriert.”) Danach ist die Abstimmung nur noch Formsache. Es wird gebowlt. Kollektives aufatmen am Lehrer/innentisch. Man lächelt und beglückwünscht sich zu der raffinierten Kampagne. Brexit ist überall.

Ein paar missmutige Teenies schlurfen an unserem Tisch vorbei. Die Sportlehrerin muss süffisant kommentieren: “Na Jungs. Zieht euch warm an. Am Ende fließt euer Bowlingergebnis in die Gesamtnote ein!” Die Lehrerrunde kichert über diesen gelungenen Scherz. Die Teenies schlurfen weiter und finden alle Erwachsenen scheiße.

Am Morgen danach habe ich eine Lara weniger im Projekt. Schädelbasisbruch. Wer hätte gedacht, dass Bowling so gefährlich sein kann.

Sorgenkinder

Bundesjugendspiele II

Die Stimmung im Stadion ist gespannt. Der letzte Schlagball wurde verworfen, der letzte Hüpfer gehüpft und die Waffel-Verkäuferinnen aus der Oberstufe haben das süß verdiente Geld säckeweise davongeschafft. Auf der improvisierten Holztribüne sitzen die Verletzten und Lustlosen, um die Teilnehmenden des 800 Meter Laufs anzufeuern. Ich sitze auch da. Neben meiner Tochter, die sich trotz ermutigender Worte ihres Vaters gegen eine Teilnahme am Rennen entschieden hat. “Papa. Jetzt lass mich endlich in Ruhe. Ich hab’ keine Lust!” Ich erinnere mich an die tiefsinnigen Worte meiner überernährten Oma: “Spocht ist Mocht!”

So langsam drängeln sich die Freiwilligen an die Startlinie. Es sind nicht die besten Sportler/innen der fünften und sechsten Klassen. Es sind die Mutigsten. Es sind die Kinder, die ihr Taschengeld nicht am Waffelstand in Zuckergebäck investiert haben und deshalb noch laufen oder wenigstens gehen können. Einige der ganz Ambitionierten hüpfen auf und ab und winken ins Publikum. Wir winken zurück, weil es sonst keiner tut. Dann schreitet die ballonseidene Reinkarnation von Turnvater Jahn die Linie ab. Um den Hals die obligatorische Trillerpfeife. In der Hand die Startklappe. Kinder, die frevelhaft die Kreidemarkierung übertreten oder sie auch nur berühren, werden mit einem knappen “zurück, du Betrüger!” zur Ordnung gebellt. Wer nicht schnell genug zurückweicht, nach dem schnappt die Startklappe.

Turnübervater Jahn ist nicht zufrieden. Es ist eine Generation voller unsportlicher Taugenichtse. Er hat es wirklich schwer. Früher war alles besser. Seufzend glättet er die glänzende Velours-Viskose über seiner ansehnlichen Wampe. “Auf die Plätze. Fertig.” Er macht eine Kunstpause und genießt die Aufmerksamkeit. “Los!” Turnvater Jahn hämmert die beiden Holzlatten zusammen. Der Knall ist ohrenbetäubend. Einige der kleineren Kinder nässen vor Schreck ein, andere sprinten panisch los – in alle Richtungen. Nur weg. Das Teilnehmerfeld ist damit dramatisch geschrumpft. Im Rennen sind jetzt noch ca. 20 Kinder, die versehentlich in die richtige Richtung geflohen sind. Und nun laufen sie. So schnell sie können. Einige können nicht besonders schnell. Elfjährige Kinder, die rennen möchten, dabei aber so aussehen wie olympische Geher.

Ein kleines Mädchen überquert als Erste die Ziellinie. Schwer schnaufend läuft sie aus, bleibt dann stehen und jubelt keuchend. Das Publikum klatscht irritiert. Die dehydrierten Nachkömmlinge tun es der vermeintlichen Siegerin gleich und bleiben stehen. Niemand hat diesen Kindern gesagt, dass die 800 Meter zwei Runden lang sind. Wild fuchtelnd holt dieses Versäumnis nun eine Sportlehrerin nach und scheucht die rotköpfigen Kinder auf die zweite Runde. Einige wollen offensichtlich protestieren, scheitern aber an ihrer Kurzatmigkeit.

Es ist ein Bild des Jammers. Die Freiwilligen Läufer/innen bezahlen ihren Eifer nun mit bitteren Tränen. Ein kleiner Junge muss heulend abreißen lassen und humpelt den anderen Kindern mühsam hinterher. Ein Zweiter wählt den Weg des geringeren Widerstandes und scheidet mit einem fingierten Asthmaanfall aus. Auf der Tribüne herrscht mitleidige Erleichterung, denn nicht nur Lotte sieht sich in ihrer Entscheidung, nicht teilzunehmen, bestätigt.

Auf der Zielgeraden wird es dann nochmal spannend. Den Sieg vor Augen und die kreischende Sportlehrerin in den Ohren, mobilisieren die Führenden noch einmal alle Kräfte und fallen in ungelenken Trab. Am Ende haben 11 Kinder wankend die Ziellinie überquert. “Bleibt in der Reihenfolge stehen, wie ihr ins Ziel gekommen seid”, ruft der Sport lehrende Schmerbauch von Ferne. Aber da ist es längst zu spät. Die meisten Kinder sind auf dem Weg zu ihren Fanta-Flaschen ohnmächtig zusammengebrochen. Wer noch bei Sinnen ist, atmet pfeifend seine letzten Atemzüge. Eine Reihenfolge zur Ermittlung von Siegern und Verlierern gibt es nicht. Auf Weisung des Turnvaters schlurfen ein paar Hannis und Nannis heran und beginnen damit die elenden Kinderhäufchen an den Füßen in eine frei erfundene Ordnung zu zerren. Keiner wehrt sich. Auch nicht der kleine Junge, dem der heilige Turnvater nun die Siegerurkunde in die leblose Hand drückt. “Oma hatte recht!”, wispert mir Lotte ins Ohr. Ich nicke. Spocht ist Mocht.

Bundesjugendspiele II

Bundesjugendspiele I

Alle sind sie gekommen. Obwohl keiner wollte. Ich stehe in einem kleinen Fußballstadion, um Riege 7 während dieses sportlichen Großereignisses zu betreuen. Ich beaufsichtige an diesem Tag 13 Mädchen, die es kaum erwarten können, sich sportlich miteinander zu messen. Auch meine Tochter befindet sich unter den zukünftigen Olympionikinnen. Sie findet es großartig, dass ihr Vater heute dabei ist und hat mir das auch mehrmals mit Augenrollen und strafenden Blicken zu verstehen gegeben.

Mit den Worten “Hier! Sie sind der Schriftführer!”, hat ein älterer Sportlehrer in Ballonseide mir ein Klemmbrett in die Hand gedrückt und ist dann enthusiastisch davongejoggt. Ich bin also der Schriftführer. Schön. Willkommen im Jahre 1940. Willkommen zu den Reichsjugendwettkämpfen.

Unser erster Durchlauf beginnt erst in einer Stunde. Also setzen wir uns auf die Holztribüne und frühstücken erstmal. Nochmal. Die Eltern der Mädchen haben ganz offensichtlich den kleinen Ernährungsratgeber (“Mein Leben mit Obst!”), der Wochen vorher in der Schule verteilt worden war, nicht gelesen und den Athleten-Nachwuchs mit reichlich Milchschnitten, Knoppers und süßen Kaltgetränken versorgt. Nach 5 Minuten haben 13 Mädchen 25.000 tote Kalorien vernichtet und sind auf der Suche nach mehr. Der kleine Kiosk mit einem reichhaltigen Angebot an Sportler-Nahrung ist gleich um die Ecke und am Rand des Sportplatzes verkaufen Oberstufenschüler/innen selbstgemachte Waffeln mit Sahne. Die letzten 30 Minuten Wartezeit verkürzen wir also mit Snickers und fettigem Gebäck. Als endlich die Durchsage “Riege 7! Zum Schlagballweitwurf, bitte!” kommt, sind in erster Linie unsere Mägen zum Reißen gespannt.

Ich treibe die Träge Mädchenmasse zur Weitwurfstation. Jede Station wird von jeweils zwei Oberstufenschülern aus dem Sportleistungskurs betreut. Alle heißen Hanni und Nanni und sind damit beschäftigt ihre Astralkörper in das richtige Snapchat-Licht zu rücken. Das Stöhnen der prallbäuchigen Riege 7 erinnert Hanni und Nanni an ihren Bildungsauftrag. Sie weisen die Mädchen kurz in die Kunst des Schlagballweitwurfs ein (“…so weit wie möglich…”) und treten dann mit einem motivierenden “Hau einen raus, Alter!” hinter den Wurfring zurück. Michelle ist die Erste. Ein kleiner Ehrgeizling ohne jedes sportliche Talent. Sie hämmert den Ball 20 Zentimeter vor sich auf den Boden, schaut bestürzt in den kleinen Krater zu ihren Füßen und ergreift dann theatralisch schluchzend die Flucht. Eine der sieben Laras aus unserer Riege ist die Nächste. Lara feuert den 300 g schweren Lederball ungelenk aus dem Sektor heraus. Das Sportgerät trifft die Schriftführerin von Riege 3 am Kopf. Riege 3 wirkt erleichtert. Hanni schlurft sportlich davon, um erste Hilfe zu leisten. “Guter Wurf. Kann ich aber nicht werten”, kommentiert Nanni lakonisch.

Irgendwann ist auch Lotte an der Reihe und schleudert den Ball lustlos ins dichte Leistungs-Mittelfeld. Ich sage nichts dazu. Lotte trägt ihr Desinteresse mit großem Aufwand zur Schau. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Auto. „Papa. Wie lange muss ich noch zur Schule gehen, wenn ich Kassiererin im REWE werden will?“ Meine Tochter. Vom Ehrgeiz zerfressen.

Mit durchwachsenen Ergebnissen im Gepäck pilgern wir zur nächsten Station. Weithüpfen. Von Weitsprung kann hier keine Rede sein. Die Technik ist einfach und wird von den meisten Mädchen perfekt beherrscht. Ein langer Sprint bis zum Balken. Kurz davor eine scharfe Bremsung und dann ein schwungloser, beidfüßiger Hüpfer in den Sandkasten. Hanni und Nanni schätzen grob die Weiten und geben sie dann an mich weiter. Der Schriftführer führt fleißig Schrift. Ein paar schluchzende Mädchen später, sind wir auch mit dieser Leibesübung fertig. Pause. Erstmal was essen. Die restlichen Schokoriegel werden verschlungen und der Waffelstand der zukünftigen Lehramtstudentinnen funktioniert so gut, dass sich die Ersten wahrscheinlich fragen, ob das hier eine Marktlücke sein könnte, die vielleicht doch ein BWL-Studium rechtfertigt.

Mir fällt auf, dass die meisten Athletinnen sich gar nicht mehr als solche verkleiden müssen. Das liegt wahrscheinlich in erster Linie daran, dass die Jogginghose wieder ein gesellschaftlich akzeptiertes Kleidungsstück ist. Mich irritieren lediglich die palliettenbestickten Motto-Shirts. „Lovely Devil“, „Sexy Beast“, „Rockstar Bitch“. Die Mädels sind 12 Jahre alt. Ich bin hochbejahrt, konservativ und halte das für dämlich bis bedenklich. Vor der weiteren T-Shirt-Lektüre rettet mich der Aufruf zur Königsdisziplin dieser anachronistischen Sportveranstaltung: Der 50 Meter Sprint. Riege 7 hat Probleme mit der Handhabung der Startblöcke. Keines der Mädchen hat diese Geräte jemals zuvor gesehen, geschweige denn benutzt. Hanni und Nanni erklären nur dürftig und so stehen Sekunden später 8 kugelrunde, glitzernde, joggingbehoste Mädchen auf Zehenspitzen in den Startlöchern, weil sie nicht verstanden haben, dass der Start aus einer Hockposition erfolgt. Mit minimalem Aufwand reiht sich Lotte auch in dieser Disziplin ins Mittelfeld ein.

Der Wettkampf endet hier. Wer möchte, darf sich noch zum 800 Meter Lauf einschreiben. Lotte will nicht. Von irgendwoher kommt eine strahlende Sportlehrerin, reißt mir das Klemmbrett aus den Händen und entbindet mich huldvoll von meinen Führer-Pflichten. Das dicke Ende aber kommt später. Denn nach den 800 Metern steht das Fußballspiel der Lehrer-Mannschaft gegen die Hannis und Nannis auf dem Programm. Aber das ist eine andere Geschichte…

Bundesjugendspiele I