Kreisheimattag

Vor der kleinen Sparkassen-Bühne mit der Aufschrift “Kulturförderung in der Region” stehen hüfthohe Absperrgitter aus deutschem Stahl. Vor den Absperrgittern stehen deutsche Bierbänke. Auf den Bierbänken sitzen Deutsche Mittfünfziger. Warum die Gitter vor der Bühne stehen weiß niemand. Wahrscheinlich Festival-Deko. Auf der Bühne spielt das letzte Jugendblasorchester der Welt und die Gefahr, dass ein ekstatisches Fangirl auf die Bühne springt, um sich vor einem Trompeter laut kreischend die Klamotten vom Leib zu reißen, scheint eher gering.

Langsam rottet sich jetzt auch eine Herde Eltern vor der Bühne zusammen. Der nächste Act ist nämlich die Bläserklasse 6 der Schule meiner Tochter. Bläserklasse. Notenständer. Innerlich muss ich darüber immer wieder kichern. Idiot. Aber noch spielt das aussterbende Jugendblasorchester tapfer gegen den nahenden Tod. Ein Phil Collins Medley. “Sussudio”. Die Hörer von Endlosschleifen-Radiosendern kommen hier voll auf ihre Kosten. Für mich ist Phil Collins im Auto immer ein guter Grund laut schreiend die Fassung zu verlieren, das Radio aus der Konsole zu reißen und die Musikredakteure der deutschen Radiolandschaft zu verfluchen. “In the air tonight”. Neben mir wippen ein paar Eltern in Teva-Sandalen auf und ab. Es wird noch dauern bis Lotte und ihre Bläserklassenkamerad/innen zu ihren großen Momenten kommen. “Another day in paradise”.

Ich beschließe mich umzuschauen. Auf den gesperrten Straßen drängeln sich Fressbuden an begeisterten Menschen vorbei. Irgendwo werden iPads verschenkt und der Lions-Club promotet sein neues Bildungsprogramm für das örtliche Gymnasium. Ein gequält freundlich dreinschauender Antroposoph in schicker Uniform erklärt den wenig Interessierten, wie auch sie zu Förderern der Elitenbildung werden können. Es geht um Geld. Natürlich. “Nehmen sie an unserem Quiz teil. Für jede richtige Antwort Spenden unsere Mitglieder Geld. Wenn wir am Ende des Tages die Mittel noch nicht zusammen haben, dann werden unsere Mitglieder den Differenzbetrag spenden.” Das Loch in der Logik dieses Spielsystems ist das Spiel selbst. Es ist sinnlos. Ich mag das. Offensichtlich Sinnloses ist selten. Ich spiele eine Runde und beantworte jede lokalkolorierte Frage falsch. Der Löwe im Sakko lächelt mitleidig und muntert mich mit einem “ist ja egal” auf. Das stimmt. Es ist egal. Ich brauche noch etwas zu essen, bevor ich mich durch das bunte Portfolio ausgesuchter blasmusikalischer Hochgenüsse sitze.

Direkt neben der Bühne steht die mobile Backfischbude. Da wird frittiert. Da will ich hin. Die Schlange ist lang. Phil Collins macht hungrig. Ich sehe die ersten Backfischopfer an mir vorüberziehen. Sie sehen glücklich aber verzweifelt aus. Der Backfisch ist eher ein Backwal. Ein in Fett gesottenes Ungetüm, dass in einem winzig wirkenden Brötchen über die Theke gereicht wird. Völlig überforderte Hände versuchen heiß triefendes Fischfleisch in den Griff zu bekommen. Die ganz Mutigen wollen auch die Knoblauchsoße. Benutzerfreundliches snacken sieht anders aus. Vor dem Trailer spielen sich epische Kampfszenen ab. Der Backfisch ist auch im Tode noch ein wehrhaftes Tier. Mensch gegen Natur. Von der Bühne blasen die Sterbenden “One More Night”, während Menschen verzweifelt mit panierten Meeressäugern ringen. Ich entscheide mich spontan für den Hunger, verlasse die Schlange und gehe auf Platzsuche. Den einzigen freien Platz finde ich auf der Kinderbank direkt vor der Bühne. Die Kinder halten Eis in den Händen. Eis gehört zu den Süßigkeiten, die für unter siebenjährige gesetzlich verboten sein sollten. Besonders wenn diese kurzbeinigen Kinder zappelnd um Gleichgewicht auf Bierbänken ringen und nach Halt greifen. Ich werde stehen. Sie werden fallen.

Die Eltern werden unruhig und auch das Jugendblasorchester spürt die gereizte Stimmung im Publikum. Bevor die ersten Buhrufe erklingen, hat der Orchesterleiter ein Einsehen und beendet den Auftritt. Die älteren Herren des Jugendblasorchesters verlassen die Bühne, um ihren Tod an einem der Bierpilze zu betrauern. Die Zukunft stürmt die Bühne und als alle endlich ihre Instrumente zusammengebaut und Stellung bezogen haben, ist das Ergebnis erstaunlich hörbar. Ich habe mit einer akustischen Katastrophe gerechnet. Sie bleibt aus. Die Eltern sind begeistert. Wir stehen und spenden tosenden Applaus. Die zu Tränen gerührte Großelternfraktion fordert rhythmisch klatschend eine Zugabe. Das ist dann auch übertrieben. Die ersten lampenfiebrigen Kinder haben in aller Eile ihre Instrumente entspeichelt und sind geflohen. Als der Musiklehrer sich zu seinen Schülern umdreht sieht er viele leere Plätze. Dort wo eben noch Kinder saßen sind jetzt nur noch kleine Pfützen. Verpufft. Mit einem Achselzucken fingert der erfahrene Lehrer seine Trumpfkarte aus dem Notenstapel. “Phil Collins for kids”.

Kreisheimattag

Verschenkt

Die Kinder basteln Geschenke. Ständig basteln sie Geschenke. Zu jedem Fest. Am Anfang war es nett, aber nun sind es vier Kinder und alle basteln sie Geschenke. Von mal zu mal fällt es mir schwerer, Freude zu heucheln. Ich stelle mir vor, wie die Kinder reagieren würden, wenn wir ihnen etwas zum Geburtstag basteln würden. Ein selbstgemaltes Bild mit allen Familienmitgliedern, statt eines Fahrrades. Sicher. Es hat mit Ressourcen zu tun, aber eigentlich wünsche ich mir nur gute Laune und absoluten Gehorsam von ihnen. Ist das denn zu viel verlangt? Stattdessen bekomme ich halbherzig gefalteten Zellstoff, der aus unerklärlichen Gründen mit Tesafilm verklebt und mit Buntstiften bekritzelt wurde.

“Hier Papa, das habe ich für dich gemacht! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.” Ida drückt mir einen farbigen Papierknödel mit Fettflecken in die Hand und wendet sich dann meinem Geburtstagskuchen auf dem Frühstückstisch zu. “Danke, Ida! Damit kann ich im Winter den Ofen anstochen!” Das denke ich nur und fühle mich schlecht dabei. Aber die Zeiten in denen Ida sich konzeptionell mit der Bastelaussage beschäftigte, bevor sie sich ans Werk machte, sind ganz offensichtlich vorbei. Sie handelt es ab. Was im Zimmer rumfliegt wird integriert. Inklusives basteln. Ein Kieselstein. Sand. Ein Stück Schnur. Apfelkerne. Alte Wurstbrote. Im Prinzip hat sie mir den Inhalt ihres Papierkorbes geschenkt. Und ich muss mich jetzt darüber freuen. Es ist ihre Rache für jedes “räum dein Zimmer auf, Ida”! Ich starre auf den stinkenden Zellstoffklumpen in meiner Hand. “Es ist… wunder… schön… danke!” Ich lächle gezwungen, tätschle Ida das klugbösartige Köpfchen und Helena lacht. Ich werfe ihr den “Warte-ab-bald-hast-du-Geburtstag-Blick” zu. Sie verstummt, erinnert sich an ihre eigene Kommandostruktur und ahnt Schlimmes. Ich sehe befriedigt die nackte Angst in ihren Augen.

Lotte hat das sorgende Herz der Ältesten. Sie hat Smoothies gebastelt. In der nachbarlichen Küche. Zusammen mit ihrer besten Freundin. Dem Geschmack nach zu urteilen… ohne Aufsicht und auch ohne Rezept. In meinem Mund explodiert ein halber Liter Pfefferminz-Sirup zusammen mit Zitronenschalen und Johannisbeersaft-Konzentrat. Meine Geschmacksnerven eskalieren. Mein Gesicht auch. In Sekunden um Jahre gealtert, würge ich den beiden wenig überzeugend ein “Mmmmhhh… lecker!” entgegen. Lotte und ihre Freundin blicken skeptisch. Also leere ich den bitteren Kelch tapfer bis zur Neige. “Wirklich… sehr… inter… sehr gut!”, behaupte ich mit Tränen in den Augen. Lotte interpretiert es als Rührung und zaubert hinter ihrem Rücken einen zweiten, noch größeren Kelch hervor. Nein. Kein Kelch. Es ist ein Pokal. Bis zum Rand gefüllt mit einer zweiten Portion flüssigen Leids. Es ist der Pokal den Ida Lotte zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hat, nachdem ich sie aufgefordert hatte das Ding endlich wegzuschmeißen. „Das fliegt doch nur rum”. Ich war ein Narr. Der Pokal wurde zu einem Geschenk umfunktioniert und jetzt sucht er mich heim. Verzweifelt wende ich mich an Helena. Sie schüttelt panisch den Kopf. Ich flüstere ihr etwas von ehelichen Pflichten ins Ohr, woraufhin sie den Pokal in einem Zug leert, den beiden Smoothie-Designerinnen dankt und dann aus der Küche stürzt. Ich sage ihr nicht, dass Emil gerade auf dem Klo sitzt und darauf wartet abgeputzt zu werden.

Dieser Geburtstag ist ein untrügliches Zeichen für einen grundlegenden Wandel, der in dieser Familie vollzogen werden muss. Es ist zeit für eine Umverteilung des Reichtums. In Zukunft werden alle Kinder gleichmäßig an meinem Gehalt beteiligt und ich werde zu den großen Festen unverschämte Wunschzettel schreiben. Und wehe eines dieser Kinder bastelt nochmal.

Verschenkt

Flatrate

Eigentlich sollte es schön werden. Nur beste Absichten. Frühstücken gehen mit den Kindern. Sie mögen das. Wahrscheinlich weil sie sich erwachsener fühlen, wenn sie mit wichtiger Miene ans Buffet drängeln, Wurst angeln und nach Brötchen grapschen.

Helena ist weg. Sie bringt Emil in den Kindergarten. Wir haben Stöckchen gezogen. Ich habe verloren. Und jetzt bin ich allein mit völlig unterbeschulten, manisch gelangweilten Töchtern. Das Wetter ist toll, die Vögel zwitschern lustige Lieder. Das Szenario ist trügerisch. Bis hierher gab es erstaunlicherweise nur kleinere Streitigkeiten ums Zähneputzen. “Papa, das ist doch bescheuert. Vor dem Frühstück macht das gar keinen Sinn. Ich mach das nicht.” Es folgt die ritualisierte Drohung: “Dann bleibst du hier!” Irgendwie scheinen die Kinder nicht glücklich zu sein, wenn sie dieses Spiel am Morgen nicht spielen dürfen. Sie brauchen das. Es ist eine Tradition und mit Traditionen zu brechen, kann Kinder in große Verzweiflung stürzen. Habe ich gelesen. Verzweifelte Kinder, die sich die Haare raufen, weil sie keine väterlichen Weisungen zur Körperhygiene mehr bekommen – ich sehe das Bild klar vor mir und fühle mich kurz versucht. Zweifle dann aber rechtzeitig an der Richtigkeit der Traditions-Theorie. Meine Kinder würden sich freudig erregt und mit massivem Mundgeruch über das öffentliche Flatrate-Fressen hermachen.

Mit mehr oder weniger geputzten Zähnen schaffen es alle ins Auto. Um bewaffnete Konflikte um die besten Sitzplätze zu vermeiden, wurden Kinder und Sitze einander fest zugeordnet. Es war ein faires Losverfahren, das von allen Betroffenen bis heute angefochten wird. Im Zuge einer weiteren Gerechtigkeitsoffensive wurden auch identische Sitzerhöhungen angeschafft. Es dauert keine 10 Sekunden bis Ida erkennt, dass Marie auf ihrem Kindersitz Platz genommen hat. Das Geschrei ist groß. Beschimpfungen fliegen. Fäuste auch. Mit großer innerer Ruhe und Überlegenheit schreite ich ein: “Ida. Hör auf mit dem Quatsch! Die blöden Sitze sind alle gleich.” Ida starrt mir wütend ins Gesicht, hält mir ihr Sitzkissen vor die Nase und erklärt lauthals, dass ihr Sitzbezug nicht diese Abnutzungsspuren hätte und das Marie wahrscheinlich heimlich die Bezüge ausgewechselt hat. Sie beschreibt die Tat lückenlos. Kann sogar ihre noch größere Schwester als Augenzeugin des gemeinen Frevels ins Feld führen. “Das stimmt Papa. Sie hat den Bezug ausgewechselt”, bestätigt Lotte Idas Ausführungen. Ich will diese Debatte nicht führen. Ich bin 35. Wenn es schlecht läuft, dann ist die Hälfte meines Lebens bereits vorbei. Ich beende die Gerichtsverhandlung mit salomonischer Gerechtigkeit. “Setzt euch jetzt! Die sind alle gleich!” Im Rückspiegel sehe ich Marie sardonisch in Richtung ihrer betrogenen Schwester grinsen. Ich beende das erneute Gezeter, indem ich erst das Auto und dann das Radio starte. Es ertönt ein Hörspiel, das wir alle schon 40 Millionen mal gehört haben. Trotzdem wird es sofort ruhig.

An der Kasse des lokalen Frühstücks-Franchise nimmt dann das Unglück seinen Lauf. Die geänderte Geschirr-Politik des Backhauses führt dazu, dass meine Töchter statt “echter” Kaffeetassen nun Plastikbecher mit Janosch und Tigerenten Aufdrucken ausgehändigt bekommen. Ein Affront. Wie können sie es wagen? “O-Saft aus Plastikbechern schmeckt scheiße!”, ereifert sich Marie wortgewandt. Ihre Schwestern nicken heftig. “Ja. Voll scheiße!” Ich habe dazu nichts zu sagen, weil ich versuche den vorwurfsvollen Blicken der übrigen Gäste zu entgehen. Der Typ hat seine Kinder nicht im Griff. In der Hand das Tablett mit den Plastikbechern und die nölende Brut im Schlepptau durchquere ich das Restaurant und steuere auf die Terrassentür zu. Der nächste Fehler. “Ich will nicht da raus. Draußen ist es zu heiß”, jammert Marie. “Ich habe keine Strickjacke dabei. Mir ist das zu kalt!”, meckert Lotte und Ida gibt zu bedenken, dass die Entfernung zum Buffet definitiv zu groß sei.

Nur zwanzig Minuten und zwei innerliche Tobsuchtsanfälle später haben wir eine Lösung gefunden, die wenigstens 75 % der Anwesenden zufriedenstellt. Die Kinder sitzen an einem eigenen Tisch. Direkt neben dem Buffet. Es ist dort nicht zu warm und nicht zu kalt. Sie schlürfen O-Saft aus den Sektgläsern, die eigentlich für die mittelständische Eltern-Bohème bereitgestellt worden sind. Die Schoko-Croissants befinden sich in Griffweite. Es ist der Himmel auf Erden. Meine Töchter sitzen auf Wolke sieben und schaufeln ungehemmt Kohlehydrate in ihre kleinen Körper. Ich habe mich auf die Terrasse zurückgezogen und trinke O-Saft aus drei Plastikbechern. O-Saft aus Plastikbechern schmeckt wirklich scheiße. Und das Buffet ist definitiv zu weit weg.

Flatrate

Sprachlos

Wir besuchen Lotte im Kinder-Krankenhaus. Sie ist jetzt mit ohne Blinddarm und ihre Geschwister wollen die Wunde sehen. Wir nehmen die Treppen. Im dritten Stock ist Lotte untergebracht. Wir müssen also an zwei Stationen vorbei, bevor wir auf der Chirurgie ankommen.

Marie und Ida haben den Aufzug gesehen. Sie verstehen nicht, dass irgendwer auf der Welt lieber Treppen steigt, als Aufzug zu fahren. Auf der Treppe machen sie ihrem Unmut immer wieder Luft. Ich sage, dass ihnen ein bißchen Bewegung jetzt gut tut. Immerhin hätten sie gerade 40 Minuten lang nur im Auto rumgesessen. “Wir haben nicht rumgesessen. Wir haben gezankt!”, korrigiert mich Ida. Ich erinnere mich deutlich. Trotzdem bin ich nicht bereit, Streit als körperliche Ertüchtigung zu werten und scheuche die unwilligen Kinder vor mir her. Nur Emil ist völlig mit sich und der Situation im Reinen. Er hat seinen Spielzeug-Hubschrauber dabei. Es ist ein Feuerwehr-Hubschrauber. Mit nervigem Motorengeräuschen, Blaulicht und drehenden Rotorblättern. Emil schleppt das Ding seit einem Jahr durch sein Leben. Jetzt fliegt er damit die Treppen hoch.

Wir kommen an der Kinderherz-Station vorbei. Im Flur steht ein Mädchen mit seinen müden Eltern. Vielleicht ist sie 7 Jahre alt. Vielleicht auch 12. Schwer zu sagen in dieser Umgebung. Es wird geflüstert. “Bald… noch nicht… aber dann… Urlaub… vielleicht”. Gähnen. Aus dem zu großen Unterhemd des zu kleinen Mädchens wächst eine Narbe. Rot und riesig kriecht sie über ihr Brustbein. Sie ist so groß, dass sie fast unecht wirkt. Wie eine dieser Narben, die man in der Karnevals-Saison im Zombie-Kostüm-Set bei Aldi kaufen kann. Aber Karneval ist weit weg. Ida hat die Narbe auch gesehen. Und steht da. Festgewurzelt. Fasziniert. Wir starren zusammen. Bis die Eltern unsere Blicke auf ihrem Kind spüren und sich zu uns umdrehen. Ich werde rot, räuspere mich und schubse Ida weiter die Treppe hinauf.

Auf der zweiten Etage ist die Onkologie. Die Glastür zur Station ist geschlossen. Dahinter ist es dunkel. Den Kindern fällt das nicht auf. Es ist nur eine geschlossene Tür in einem riesigen Krankenhaus. Das Drahtglas in den schweren Metalltüren ist mit bunten Fensterbildern verziert. Vermutlich von Kinderhänden gemacht. Und weil das Licht dahinter fehlt, leuchten sie nicht. Sie schimmern bräunlich.

Der Hubschrauber ist auf der dritten Etage angekommen. Die Kinder stehen schwer keuchend vor dem Eingang zur Chirurgie. Als wir zusammen eintreten sitzt dahinter ein Junge in seinem Rollstuhl. Von seinem Kinn tropft Speichel und um seinen Kopf trägt er einen Metallring, der mit Schrauben in seinem Schädel verankert wurde. Jetzt stehen wir alle da und wissen nicht was zu tun ist. Meine Töchter sind sprachlos. Ich bin es auch. Der Junge schaut uns durch dicke Brillengläser an. Er spricht undeutlich. “Was ist das?”, er zeigt auf den Hubschrauber in Emils Hand. “Das ist Tom. Er fliegt zum Einsatz.”, klärt Emil auf. “Wer bist du?”. Die Antwort des Jungen versteht keiner. Er könnte Alexander oder Andreas heißen. Emil ist es egal. Alexander-Andreas auch. “Kann ich den haben?”, fragt er. Emil reicht ihm sein Lieblingsspielzeug. “So geht der an!”. Das nervige Motorengeräusch freut beide Jungs und weil das Licht auch auf Station 3 nicht besonders hell ist, blinkt das Blaulicht klar. Sie fliegen ein bißchen in der Gegend herum. “Du musst die Spucke runterschlucken!”, weist Emil Alexander-Andreas an. Emil kennt das. “So musst du das machen!”. Er demonstriert, schluckt seinen Speichel und wischt sich mit dem Ärmel das Kinn ab. Sein Gegenüber tut es ihm gleich. Es klappt nicht, aber die beiden sind zufrieden. Sie grunzen sich zu.

Ein paar Minuten später besuchen wir Lotte. Es geht ihr gut. Sie meckert. Kinder die meckern, werden wieder gesund. Auf dem Rückweg ist es still im Auto. Ida und Marie zanken nicht. Sie schauen aus ihren Fenstern. Ich will nichts zerreden. Ich wüßte auch nicht was. Wir sind sprachlos und ich halte das für gesund. Lediglich Emils Hubschrauber ist nervig und blinkt.

Sprachlos

Blinddarm

Lotte hat den Jackpot geknackt. Akute Blinddarmentzündung. Die Seitenkrankheit. Ich bin immer davon ausgegangen, dass diese Krankheit längst aus der Mode gekommen ist. Alte Menschen haben darüber geredet, in historischen Romanen wird daran gestorben, aber heute? Gibt es da nichts Schickeres? Woran erkrankt man dieser Tage, wenn man Wert auf sein Image legt? Lotte hat sich also die Seite gehalten, gekotzt und weh geklagt. Die Symptom-Suche auf Google ergibt Krebs-Aids im Endstadium. Irgendwie halten das alle Beteiligten für eher unwahrscheinlich und wir fahren in das nächstgelegene Krankenhaus.

Der russische Bär im grünen Kittel entpuppt sich als Notarzt. Er zieht und drückt an meiner Tochter herum. Schüttelt sie kurz durch. Lotte erblasst vor Schmerz. Der Bär nickt und brummt. „Chist Blinddarm. Muss ins Krankenhaus!“. Ich schaue mich um und stelle kleinlaut fest, dass wir ja bereits in einem Krankenhaus sind. Der Bär schüttelt traurig den Kopf. „Wir nicht chaben Werkzeug für Kinder!“ Er schaut traurig auf seine riesigen Pranken. Ich bezweifle, dass es überhaupt „Werkzeug“ in seiner Größe gibt. Wir verabschieden uns schnell, lassen den melancholischen Russen in seiner Höhle zurück und ziehen weiter.

Die Kinderklinik versprüht den Charme der 70er Jahre. Ein riesiger Komplex erbaut um Krankheiten zu besiegen und nicht um Kranke zu heilen. Kalte Sichtbetonplatten. Zweckmäßig aufeinandergeschichtet. Ein paar hundert Wände. Ein paar tausend Toiletten. Fertig. Damals nannte man das Architektur. Gut, sie haben den Eingangsbereich modernisiert. Wer hineinkommt sieht Kompetenz und Ordnung. Dahinter geht es zurück in die Helmut-Schmidt-Ära. Eine Zeitreise auf ausgeblichenem Linoleum.

Lotte wird erneut untersucht. Bekommt einen Zugang gelegt. „Gar nicht so einfach, wenn man keine Venen hat“. Der Kinderkrankenpfleger lacht wie eine Kreissäge. Er heißt Ralf. Ralf hat immer gute Laune und das Feingefühl eines Traktors. „Entspann dich, Lotte. Obwohl…“, Ralf denkt kurz nach, „das kann man einem Schwein auf der Schlachtbank auch schlecht sagen…“ Er lacht sein Kreissägen-Lachen. Ich mag ihn. Lotte nicht. Komisch. Diese Teenager haben einfach keinen Humor. Der Schwesternschülerin im Hintergrund ist Ralf peinlich. Sie nestelt an Spritzen und Urinproben-Bechern herum oder starrt betreten Löcher ins Linoleum. Irgendwann steht eine Ärztin im Zimmer. Sie ist nett und langweilig. Als sie Lotte die nächsten Schritte auf dem Weg zur OP erklärt hat, ist meine Tochter fast eingeschlafen. Der Anästhesist ist jetzt eigentlich überflüssig, kommt aber trotzdem vorbei. Irgendwo draußen im Flur lacht die Kreissäge über ein weiteres Schwein.

„Hallo Lotte. Ich bin bin Hannes. Wie alt bist du?“ Lotte hat Schwierigkeiten ihre Gedanken in dem Chaos aus Schmerz und Tran zu ordnen. „Sie ist 11!“, eile ich zu Hilfe. Jetzt ist Lotte wach, blinzelt mich böse an und korrigiert ihren ignoranten Vater. „Ich werde nächstes Jahr 13.“ Hannes lächelt, notiert sich noch ihr Gewicht und fragt nach schrecklichen Vorerkrankungen. Ich spare mir den Krebs-Aids-Scherz. Ralf hätte ihn bestimmt lustig gefunden. Ein paar Stunden später ist alles vorbei. Lotte hat jetzt keinen Blinddarm mehr. Sie wirkt älter ohne den entzündeten Wurmfortsatz. Die Nächte verbringt sie allein im Krankenhaus und auch tagsüber muss sie nicht mehr rund um die Uhr bewacht und behütet werden. Nächstes Jahr wird sie schon 13.

Blinddarm

Digga

“Ey Digga, du muss’ raus deinem Loch!”. Vor mir steht Pinar und gibt mir zum Abschied Ratschläge. Sie ist 18. Seit heute. Pinar kommt aus Berlin und ist eine Mischung aus Bushido und Ludwig Wittgenstein. Eine kluge Frau, die mühelos zwischen Straßen-Soziolekt und Akademiker-Sprech hin und her wechselt. Eliza Higgins-Doolittle. Sie hat gerade Abitur gemacht. Ein gutes wahrscheinlich. Wir haben eine Woche zusammen gearbeitet. Zusammen mit 19 sehr außergewöhnlichen Menschen, haben wir über Sinn, Erfolg, Motivation und unkonventionelle Lebensentwürfe nachgedacht. Ideen visualisiert und Filmprojekte daraus gemacht. An einem wunderschönen Ort in Schleswig-Holstein, den irgendein Graf einer dänischen Prinzessin zum Geschenk gemacht hat. Damals als Ritter noch ihre Klingen kreuzten und die Freimaurer das Edle im Unedlen suchten.

Jetzt ist die Woche vorbei. Und Pinar steht da und sagt mir, dass ich dringend umziehen müsse. In eine Stadt, weil das Land nämlich ein scheiß-langweiliger Ort sei, Digga. Wir stehen zwischen einem wunderschönen Schloss und der Schlei. Ein Brackgewässer, das sich nicht entscheiden kann ob es Salz- oder Süßwasser sein möchte. Es hat sich für beides entschieden. Pinar auch. Vielleicht wäre sie gern Mainstream. Äußerlich gibt sie sich alle Mühe. Sie ist hübsch und ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Klamotten dem Zeitgeist nicht unangenehm ins Style-Auge fallen. Aber wenn sie den Mund aufmacht, dann ist es vorbei mit Einheitsbrei. “Hey, Pinar. Kommst du mit Tennis spielen?” Vier Mädels steuern mit Fragezeichen in den Gesichtern und gelben Filzkugeln in den Händen auf uns zu. “Nee, danke mir geht’s gut, Digga! Ich will jetzt Hakenkreuze an die Wand sprühen!”, sie nickt in Richtung des alt-ehrwürdigen Schlosses mit den weißgetünchten Wänden, “Bissu gut in rechte Winkel?” Innendrin krampfe ich vor Lachen. Als ich mir die Tränen aus den Augen gewischt habe, sind die Mädels ohne Pinar weitergezogen. Auch Pinar ist weg. Wahrscheinlich gibt es drüben in der Cafeteria Kuchen. Ich mache mich mit meinen Kollegen ebenfalls auf den Weg zum Backwaren-Buffet.

Wir sind zu spät. Nur ein paar Krümel und die vollständig erhaltene vegane Kuchen-Alternative zeugen von dem üppigen Feuerwerk aus Eiern und Salz, Butter und Schmalz. Ein paar traurige Kids lungern, leise hoffend, noch im Raum herum. Und tatsächlich gleitet die Küchentür erneut auf und eine junge Bedienstete bringt warmes, süßes Backwerk unters heißhungernde Volk. Am Marmorkuchen treffe ich Isbah. Sie ist ebenfalls in meinem Projekt gewesen. Sie ist 17. Natürlich ist auch sie sehr intelligent, aber mit Sido kann sie nichts anfangen. Sie ist Diplomatin von Beruf und hat immer ein offenes Lächeln auf den Lippen. “Hey, Isbah. Wie war die Meditation gestern?”, frage ich sie. Am Abend zuvor waren alle Teilnehmenden zu einer Selbstbesinnungs-Einheit ins Hauptzelt geladen worden. “Ich sollte einen Gegenstand meditieren. Da habe ich 10 Minuten einen Pfosten angeschaut. Aber der Pfosten hat mir nichts gesagt!” Fast möchte ich ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld ist und das Pfosten grundsätzlich nur sehr wenig sprechen und wenn sie es tun, dass sie selten etwas zu sagen haben. Ganz unabhängig davon, ob ein Pfosten aus Holz oder aus Mensch besteht. Aber bevor ich Trost spenden kann, ist Pinar wieder da. “Ey Digga. Ich hab zehn Minuten ´nen Hässligen angestarrt. Das war auch nich’ geil!” Isbah nickt verständnisvoll und ich pruste Kuchenkrümmel durch die Nase.

Es sind so viele Menschen dort. An diesem Ort, der weder süß noch salzig ist. Interessante Menschen, Brackwasser-Menschen. Mischungen aus verschiedensten Strömen. Menschen, die etwas zu sagen haben, obwohl sie noch sehr jung sind. Menschen, die vielleicht lieber konformer unterwegs wären und gerade erst anfangen zu begreifen, dass die Stromlinie nur ein Strich ist. Eindimensional. Eintönig. Es sind Jugendliche, die das Potential haben nicht Rädchen, sondern Sand im Getriebe zu werden. Eine Woche haben wir nachgedacht. Uns Dinge erzählt. Lustige Dinge. Wichtige Dinge, gute Dinge – über all das denke ich nach als ich mit meinen Kollegen im Auto sitze und zurück fahre in das scheiß-langweilige Loch aus dem ich gekommen bin, Digga.

Digga

Endlosschleife

“Das Leben mit Kindern ist ein großes Abenteuer!”, erzählen verwirrte Menschen mit großer Begeisterung. Findet jemand Gefallen an ständigen Wiederholungen und der Neuauflage seines eigenen Lebens, dann mag das zutreffen. Das Leben mit Kindern ist (k)ein Abenteuer. Das Leben mit Kindern ist häufig eine endlos lange Endlosschleife, die der Herrgott selbst kunstvoll um Episoden meines Leben gebunden hat.

Nach einem mäßig erfüllten Arbeitstag überquere ich mäßig gelaunt die heimische Türschwelle. Keine 3 Sekunden später steht Emil vor mir. “Papa, darf ich Feuerwehrmann Sam gucken?”. Natürlich darf er. Er darf nämlich immer, wenn er fragt. Alles. “Nein. Emil. Darfst du nicht! Geh raus spielen. Das Wetter ist toll.” Ich höre mich an wie ein Vater. Ich bin mein eigenes Déjà-vu. Emil ist nicht bereit aufzugeben. Monoton jammernd und unbeeindruckt fragt er mich gefühlte zehn weitere Male. Er bekommt gefühlte zehn weitere Male die gleiche abschlägige Antwort. In mir keimt schlechte Laune auf und droht mein mühsam hergestelltes inneres Gleichgewicht aus der Waage zu bringen.

Eine Bekannte erinnerte mich erst neulich daran, dass Lernen iterativ sei. Sie hat recht. Als Emil zu einem elften Versuch ansetzt bin ich mürbe und bereit die kleine Schäfchenwolke am strahlend blauen Himmel als Unwetterfront zu interpretieren, um den kleinen Plagegeist reinen Gewissens mit dem Feuerteufel Norman Price ruhig zu stellen. Mein Sohn ist der Meister Yoda der Iteration. Er hat mich unterwiesen. Ich habe meine Lektion gelernt. “Sam hilft dir in der Not” – Der Song lügt nicht.

30 Minuten später stehe ich in Idas Kinderzimmer und führe wieder die “Warum-immer-ich-Diskussion”. Ich erkläre ihr zum millionsten Mal warum immer sie. Ich bin von mir selbst gelangweilt und verstehe nicht, warum Ida nicht auf der Stelle einschläft, wenn sie uns zuhört. Nach einer Weile schaue ich in ihr kleines Gesicht und sehe, dass sie schon lange nicht mehr da ist. Ich habe mit mir selbst diskutiert. Wieder mal. Ich schiebe Ida vor den riesigen Klamottenhaufen in der Zimmermitte und gebe ihr mit Gesten zu verstehen was ich von ihr erwarte. Sie reagiert mit leerem Blick. Halbautomatisch und lustlos. Mir reicht das fürs Erste. Ich habe meinen Erziehungsauftrag erfüllt und will mich den wichtigeren Dingen des Lebens zuwenden. Autowaschen. Rasenmähen. Das Moos aus den Fugen der Einfahrt herauskratzen. Dinge, die ich schon länger nicht gemacht habe. Im Garten sehe ich Helena, die einen riesigen Felsbrocken auf unseren kleinen Grashügel wuchtet. Das tut sie häufig. Ich wundere mich über diese antike Form des Workouts. Sagenhaft.

Ganz hinten in der Garage steht das schwere Gartengerät. Wahrscheinlich hätte ich meine deutschen Spießerpläne vorher anmelden müssen, denn der Fuhrpark der Kinder blockiert das Hinten des Raumes. Kunstvoll hat die Brut ihre Fahrräder aufeinandergestapelt. Für noch besseren Halt haben die Töchter die Pedalen und Speichen ineinander verkantet. Die Ränder des Hügels haben sie mit Longboards, Wasserpistolen, Badmintonschlägern und Springseilen befestigt. Auf der Spitze des Kunstwerks thront eine kleine Auswahl unserer Bobby Cars. Die Plastikkirsche auf der Stahlsahne. Den Rasenmäher kann ich lediglich erahnen. Wie oft habe ich ihnen gesagt, dass sie ihren Scheiß ordentlich wegräumen sollen? Wie oft? Diese Frage werfe ich Marie an den Kopf, die mit einer Freundin an mir vorbeischlendert. “Ja. Papa. Gleich!” Freundlich brülle ich, dass ich “gleich” für keine Option halte und das sie gefälligst sofort mit dem Rückbau des Fahrzeuggebirges beginnen solle. Marie hört sich das geduldig an. Rollt dann mit den Augen und schenkt ihrer Freundin das milde “Eltern-sind-bescheuert-Lächeln”. Die Freundin nickt wissend. Man zwinkert sich zu und beginnt aufreizend lässig mit der Arbeit. Nicht genug damit, dass man meinen Ärger nicht ernst nimmt. Man hält mich offenkundig auch noch für dämlich. Meine innere Mitte kocht in einem heißen Sud aus Bitterkeit und Rachsucht. Ich suche das Weite.

In der Gartenmitte treffe ich Helena und eine Weile rollen wir gemeinsam den riesigen Felsbrocken den Hügel hinauf und beobachten dann, wie er auf der anderen Seite wieder hinabrollt. Als ich eine Stunde später wieder an der Garage vorbeikomme, liegt das Fahrzeuggebirge noch immer unberührt in der Mitte des Raumes. Tatsächlich kommt es mir so vor, als wäre es eher größer als kleiner geworden. Marie und ihre Freundin sind nirgends zu sehen. Und weil das Absurde nur insofern einen Sinn hat, als man sich nicht mit ihm abfindet, schnappe ich mir ein Seil, binde es mir um die Hüfte und wage den Aufstieg.

Nach einer halben Ewigkeit schlagen die Suchhunde an und man birgt meinen leblosen Körper aus dem Spielzeuggeröll. Besorgte Töchter verfrachten mich auf die Couch und kümmern sich rührend um mich. Ida bringt Chips und Salzstangen. Marie guckt schuldbewusst. Alle zusammen schauen wir mit Emil wie Feuerwehrmann Sam zum tausendsten Male die lebensmüden Menschen von Pontypandy vor dem sicheren Tode rettet. Mein Blick gleitet durchs Fenster in den Garten. Den Felsbrocken hat Helena wieder in die Garage gerollt. Dort thront er jetzt auf dem Spielzeuggipfel. Morgen ist wieder ein Tag.

Endlosschleife