Entbrannt

Ich sitze in der Stadtbibliothek in Köln. Ein quadratischer Bau, zusammengesetzt aus groben Sichtbetonwürfeln. Miteinander verbunden werden die Würfel von rotlackierten Stahlstreben. Kalte Adern auf grauer Haut. Ektopische Architektur. Wenn Kinder mit solchen Fehlern zur Welt kommen, dann sterben sie in der Regel. In Köln überlebt diese uninspirierte Sachlichkeit seit fast 40 Jahren.

Im Keller der Bibliothek verbringe ich weite Teile meiner Kindheit. Wie bezeichnend, dass man sich beim Bau dieses Ungetüms dazu entschieden hat, die Kinder- und Jugendliteratur dort – tief im Erdreich – zu versenken. In einem fensterlosen Keller. Ich bin gerne dort. Kellerkind. Es riecht nach Büchern. Und es gibt Comics. Viele Comics. Tausende. Meine Mutter macht sich ernsthaft Sorgen darum, dass ich niemals mit dem Lesen von “echten” Büchern beginnen könnte. Sogar mit meiner Grundschullehrerin erörtert sie diese Problematik. Frau Klein winkt ab. Das wird schon. Sie hat recht. 

Ich wühle mich durch Christine Nöstlinger, Paul Maar, Max von der Grün und Michael Ende. Michael fucking Ende. Besorgte Akademiker-Eltern halten Momo und ihre grauen Herren für pädagogisch wertvoll. Also darf Michael am Ende ganze Generationen mit seinen manisch-depressiven Geschichten verunglücken. Ich gehöre auch zu einer dieser Generationen. Momo macht mich traurig und ich fühle mich hohl und leer, als ich erst das Buch lese und später den Film schaue. Ich hätte auch gerne eine Schildkröte, die mit mir spricht, mich rettet und durch die Welt begleitet.

1979 baut Michael Ende phantasievoll seine unendliche Geschichte, während Köln 1979 phantasielos eine Bibliothek baut, um Phantastischem ein Zuhause aus Grau zu geben. Es macht alles Sinn. Sichtbeton und freudlose Linoleumböden fordern jeden Besucher dazu auf, sich aus den Räumlichkeiten heraus zu denken. Eine Bibliothek mit Regalen voller bunter Fenster und Türen, durch die man diesem Bau entfliehen kann. Möchte. Muss. Ektopische Architektur. Das Leben muss außerhalb dieser grauen Mauern liegen. Die Bibliothek lädt nicht zum Verweilen ein, sondern zum Verlassen. Ich gehe nur hinein, um schnell zwischen Buchdeckeln zu verschwinden.  

Die unendliche Geschichte allerdings finde ich unendlich scheiße. Daran ändert auch der Film nichts. Im Gegenteil. Ich habe schon genug Ängste, auch ohne mir vorzustellen, dass die Welt in tausend Stücke zerbricht.

In der Schule komme ich nicht mehr zurecht. Mein erstes “Ungenügend” steht unter einer Deutscharbeit. Ungenügend. Das Wort trifft mich direkt in die Magengrube. Auf dem Weg in die Pause klappe ich auf der kalten Steintreppe zusammen und stürme heulend aus dem Schulgebäude. Eigentlich – so geht die Legende – werden Kinder erschossen, wenn sie sich unerlaubt vom Schulgelände entfernen. Ich renne und habe Angst, von einem heckenschützenden Lehrer durchsiebt zu werden. Es passiert nichts. Fünf Minuten später stehe ich vor meiner Haustür. Aber es ist niemand da. Meine Mutter kommt erst viel später von der Arbeit. Eigentlich besuche ich nach der Schule den Hort. Ich bin noch zu klein, um ein Schlüsselkind zu sein, aber groß genug, um mit einem “Ungenügend” verprügelt zu werden. Im selben Jahr muss ich zum schulpsychologischen Dienst. Ein paar Tests später ist nichts von Bedeutung geschehen. Ich bin ein Kind. Wer hätte das gedacht. Zu Hause verkrieche ich mich zwischen Lustigen Taschenbüchern und Wolfgang Hohlbein. Ich höre die Dreigroschenoper. Und natürlich Herbert Grönemeyer. Immer und immer wieder. Männer stehen ständig unter Strom. Ich bin zwar noch kein Mann, aber unter Strom stehe ich trotzdem. Irgendwann hält es meine Mutter nicht mehr aus und verbietet mir beides. Herbert darf nicht mehr singen und der Haifisch verliert seine Zähne.

Mit zwölf lese ich den Medicus. Heimlich. Weil meine Mutter es mir verboten hat. Ich lese und mir gehen die Augen über. Die Luft bleibt mir weg. Ich habe meine erste echte Erektion. Die Sexszenen lese ich wieder und wieder. Unser erster PC mit Internet kommt erst Jahre später. Noah Gordon ist mein YouPorn. Irgendwann kommt Ken Follett dazu. Die Säulen der Erde. Was für ein passender Titel. Ich onaniere zu Weltliteratur. Wer kann das schon von sich behaupten.

Als ich 14 werde, überkommt mich eine Erkenntnis. Ich bin klüger als jeder Mensch vor mir. Es muss so sein, weil mich niemand versteht. Weil mich nie jemand verstanden hat. Meine Welt wird von lauter Kleingeistern heimgesucht. Ich sitze auf dem Balkon, breite eine Wolldecke über meinen Beinen aus, koche mir Tee und lese Shakespeare, Schiller, Goethe und das Nibelungenlied. Mir gefallen die Texte. Ich verliebe mich in Sprache. In Worte und Sätze. Auf Heinrich von Kleist hole ich mir zwar keinen runter, aber erotisch ist es trotzdem.

In der Oberstufe lese ich Ibsen und es ist eine Offenbarung. Die Menschen, die er langsam zum Leben erweckt, um sie dann wieder in Tod und Verderben zu stürzen. Ich will schreiben, aber ich weiß, dass ich es noch nicht kann. Ich bin nicht Ibsen. Ich bin nicht Kleist. Und ganz sicher bin ich nicht Michael Ende. Ich beschließe zu warten und weiter Bibliotheken zu verlassen, um herauszufinden welche Worte erst zu Sätzen und dann zu Geschichten werden wollen. Irgendwann wird dann mein Innen ins Außen fallen. Aus mir heraus. Ektopische Literatur.  

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