Bundesjugendspiele II

Die Stimmung im Stadion ist gespannt. Der letzte Schlagball wurde verworfen, der letzte Hüpfer gehüpft und die Waffel-Verkäuferinnen aus der Oberstufe haben das süß verdiente Geld säckeweise davongeschafft. Auf der improvisierten Holztribüne sitzen die Verletzten und Lustlosen, um die Teilnehmenden des 800 Meter Laufs anzufeuern. Ich sitze auch da. Neben meiner Tochter, die sich trotz ermutigender Worte ihres Vaters gegen eine Teilnahme am Rennen entschieden hat. “Papa. Jetzt lass mich endlich in Ruhe. Ich hab’ keine Lust!” Ich erinnere mich an die tiefsinnigen Worte meiner überernährten Oma: “Spocht ist Mocht!”

So langsam drängeln sich die Freiwilligen an die Startlinie. Es sind nicht die besten Sportler/innen der fünften und sechsten Klassen. Es sind die Mutigsten. Es sind die Kinder, die ihr Taschengeld nicht am Waffelstand in Zuckergebäck investiert haben und deshalb noch laufen oder wenigstens gehen können. Einige der ganz Ambitionierten hüpfen auf und ab und winken ins Publikum. Wir winken zurück, weil es sonst keiner tut. Dann schreitet die ballonseidene Reinkarnation von Turnvater Jahn die Linie ab. Um den Hals die obligatorische Trillerpfeife. In der Hand die Startklappe. Kinder, die frevelhaft die Kreidemarkierung übertreten oder sie auch nur berühren, werden mit einem knappen “zurück, du Betrüger!” zur Ordnung gebellt. Wer nicht schnell genug zurückweicht, nach dem schnappt die Startklappe.

Turnübervater Jahn ist nicht zufrieden. Es ist eine Generation voller unsportlicher Taugenichtse. Er hat es wirklich schwer. Früher war alles besser. Seufzend glättet er die glänzende Velours-Viskose über seiner ansehnlichen Wampe. “Auf die Plätze. Fertig.” Er macht eine Kunstpause und genießt die Aufmerksamkeit. “Los!” Turnvater Jahn hämmert die beiden Holzlatten zusammen. Der Knall ist ohrenbetäubend. Einige der kleineren Kinder nässen vor Schreck ein, andere sprinten panisch los – in alle Richtungen. Nur weg. Das Teilnehmerfeld ist damit dramatisch geschrumpft. Im Rennen sind jetzt noch ca. 20 Kinder, die versehentlich in die richtige Richtung geflohen sind. Und nun laufen sie. So schnell sie können. Einige können nicht besonders schnell. Elfjährige Kinder, die rennen möchten, dabei aber so aussehen wie olympische Geher.

Ein kleines Mädchen überquert als Erste die Ziellinie. Schwer schnaufend läuft sie aus, bleibt dann stehen und jubelt keuchend. Das Publikum klatscht irritiert. Die dehydrierten Nachkömmlinge tun es der vermeintlichen Siegerin gleich und bleiben stehen. Niemand hat diesen Kindern gesagt, dass die 800 Meter zwei Runden lang sind. Wild fuchtelnd holt dieses Versäumnis nun eine Sportlehrerin nach und scheucht die rotköpfigen Kinder auf die zweite Runde. Einige wollen offensichtlich protestieren, scheitern aber an ihrer Kurzatmigkeit.

Es ist ein Bild des Jammers. Die Freiwilligen Läufer/innen bezahlen ihren Eifer nun mit bitteren Tränen. Ein kleiner Junge muss heulend abreißen lassen und humpelt den anderen Kindern mühsam hinterher. Ein Zweiter wählt den Weg des geringeren Widerstandes und scheidet mit einem fingierten Asthmaanfall aus. Auf der Tribüne herrscht mitleidige Erleichterung, denn nicht nur Lotte sieht sich in ihrer Entscheidung, nicht teilzunehmen, bestätigt.

Auf der Zielgeraden wird es dann nochmal spannend. Den Sieg vor Augen und die kreischende Sportlehrerin in den Ohren, mobilisieren die Führenden noch einmal alle Kräfte und fallen in ungelenken Trab. Am Ende haben 11 Kinder wankend die Ziellinie überquert. “Bleibt in der Reihenfolge stehen, wie ihr ins Ziel gekommen seid”, ruft der Sport lehrende Schmerbauch von Ferne. Aber da ist es längst zu spät. Die meisten Kinder sind auf dem Weg zu ihren Fanta-Flaschen ohnmächtig zusammengebrochen. Wer noch bei Sinnen ist, atmet pfeifend seine letzten Atemzüge. Eine Reihenfolge zur Ermittlung von Siegern und Verlierern gibt es nicht. Auf Weisung des Turnvaters schlurfen ein paar Hannis und Nannis heran und beginnen damit die elenden Kinderhäufchen an den Füßen in eine frei erfundene Ordnung zu zerren. Keiner wehrt sich. Auch nicht der kleine Junge, dem der heilige Turnvater nun die Siegerurkunde in die leblose Hand drückt. “Oma hatte recht!”, wispert mir Lotte ins Ohr. Ich nicke. Spocht ist Mocht.

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Bundesjugendspiele II

3 Gedanken zu “Bundesjugendspiele II

      1. lernbegleiterin schreibt:

        Ja, und Turnmütter auch. Ist aber eine aussterbende Generation. Für mich anstrengender sind allerdings die Enkel der Jahnschen Familie, die unüberlegt das veraltete Format „Bundesjugendspiele“ mit ihren eigenen Ideen weiterführen wollen – etwa Fitness, Leistung, Körper. So ist das in der Sportlehrersippe. Unterschiedliche Auffassungen – wie in den besten „Filterblasen“.

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