Sorgenkinder

“Darf ich auf Toilette gehen?” Vor mir steht eine 17 jährige Schülerin – wahrscheinlich heißt sie Lara – und schaut mich leidend an. SIE IST 17. Sie ist 17 und fragt mich, ob sie auf Toilette gehen darf. Nächstes Jahr wird sie volljährig sein, wahrscheinlich einen Führerschein besitzen und wählen gehen dürfen. Sie zappelt auf und ab. Mir ist das hochgradig unangenehm. Warum fragen mich erwachsene Menschen, ob und wann sie den Bedürfnissen ihres Körpers nachgeben dürfen?

Es ist mein letztes Projekt für dieses Halbjahr. Ich habe mit vielen Jugendlichen gearbeitet. Die meisten von ihnen Gymnasiasten. 10. Klasse aufwärts. Einige von denen werden demnächst weitreichende Entscheidungen für ihr Leben treffen. Ausbildung? Studium?
Wahrscheinlich sind es diese beiden Optionen. Für Lara bestimmt. Kreativere Lebensentwürfe kommen für die Laras unserer Gesellschaft kaum in Frage. Vielleicht wird sie für ein halbes Jahr nach Australien gehen oder ein kurzes und behütetes Au Pair Leben führen. Alles für den Lebenslauf, aber kaum etwas fürs Leben. Dafür kann Lara nichts. Sie durfte schließlich nicht selbstständig werden. Wenn sie Gefahr läuft einen eigenen Gedanken laut zu denken, dann sucht sie unsicher nach Bestätigung in meinem Blick. Die Laras in meinen Projekten sind 17 und werden von ihren Lehrer/innen als “Kinder” bezeichnet.

Thema am Mittagstisch: Eigenverantwortung. Die Lehrer/innen sind sich einig: “Die Kinder können dieses oder jenes weder selbst entscheiden noch einschätzen.” Aha. Vielleicht sollten sie das im Laufe der Zeit lernen? Gelernt haben. Ist nur so eine Idee. Stattdessen stecken wir sie in Bildungsbrutkästen aus Sichtbeton. Aber darüber will eigentlich niemand sprechen. Schon gar nicht die Lehrer/innen. Schuld an der Bildungsmisere haben Elternhäuser und Grundschulen. Es werden Elternankedoten ausgetauscht. Eine schlimmer als die andere. Keine Frage: Es gibt bescheuerte Eltern. Trotzdem haben wir alle eigene Nasen im Gesicht, aber ran fassen will sich niemand. Nächstes Thema.

“Wie wollen wir das Abendprogramm gestalten?” Zur Debatte werden Bowling und Klettern gestellt. Die Mehrheit der Kinder stimmt für den Aufstieg in die Baumwipfel. Die Lehrer/innen nehmen das Votum nervös zur Kenntnis. “Können wir das machen? Die Kinder sind ja so ungeschickt! Die verletzen sich ja schon beim Stehen.” Man sucht nach Auswegen aus der demokratischen Misere. Im kleinen Kreis wird eine erneute Abstimmung gefordert. “Die meisten hier wissen ja gar nicht, was gut für sie ist.” Am Ende wird das unmündige Volk erneut befragt. Allerdings erst nachdem man den Verhaltensregelkatalog noch einmal deutlich ausgeweitet hat (“Die schwarze Route darf nicht geklettert werden und es werden bitte keine Photos geschossen. Also lasst die Handys zuhause. Wir wollen, dass ihr euch auf das Klettern konzentriert.”) Danach ist die Abstimmung nur noch Formsache. Es wird gebowlt. Kollektives aufatmen am Lehrer/innentisch. Man lächelt und beglückwünscht sich zu der raffinierten Kampagne. Brexit ist überall.

Ein paar missmutige Teenies schlurfen an unserem Tisch vorbei. Die Sportlehrerin muss süffisant kommentieren: “Na Jungs. Zieht euch warm an. Am Ende fließt euer Bowlingergebnis in die Gesamtnote ein!” Die Lehrerrunde kichert über diesen gelungenen Scherz. Die Teenies schlurfen weiter und finden alle Erwachsenen scheiße.

Am Morgen danach habe ich eine Lara weniger im Projekt. Schädelbasisbruch. Wer hätte gedacht, dass Bowling so gefährlich sein kann.

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Sorgenkinder

16 Gedanken zu “Sorgenkinder

  1. Wunderbar geschrieben. Hoffentlich hilft der Text einigen Leuten einen Spiegel vor zu halten. Und vielleicht sorgt er ja sogar dafür dass es zukünftig ein paar Laras weniger gibt. Ich bin froh, dass ich mich nicht dazu zählen muss. Vielen Dank für den Text!

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  2. aleshanee75 schreibt:

    Ich sehe das Problem selber, dabei arbeite ich an einer Grundschule und hier werden schon die Weichen gestellt – bzw. schon vorher … und man sieht, was daraus wird: unselbständige Kinder -> unselbständige Erwachsene.
    Eine wirklich schlimme Entwicklung, weil ihnen NICHTS zugetraut wird!!! Am besten sollten sie in einer Glasglocke aufwachsen.
    Echt traurig – und dann wundern sich Eltern, warum die Kids nichts auf die Reihe kriegen!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Ute schreibt:

      Kein Wunder! Beim Thema „anderen etwas zutrauen “ sind wir seit QM gegen eine Wand gelaufen! Alles muss prüfbar und nachvollziehbar sein! Intuitives Handeln auch von Erwachsenen im Job hat kaum Chancen, weil es nicht ins Schema passt! Sehr frustrierend, wenn Pädagogen immer mehr Kopf- und kaum noch Herzensarbeit leisten dürfen und ihnen ohne prüfbarkeit keine gute Arbeit zugetraut wird! Traurig, traurig, traurig !!

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  3. Sehr wahr! Und die Laras werden ja auch älter. Ich hab da so einen Kollegen … naja.
    Wie du schon sagst, an die eigene Nase fassen ist das Stichwort. Eltern stressen sich doch letztlich auch selbst, wenn sie immer alle Entscheidungen für ihre Kindern treffen müssen und ihre Kinder sie vor jedem Furz um Erlaubnis fragen. Anstrengend. Frustrierend. Für beide Seiten.

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  4. Max schreibt:

    …ja und alle meinen es nur gut. Aber auch ein reformiertes Gefängnis bleibt ein Gefängnis! Diese jungen Menschen ( sogenannte Kinder ) sind gleichberechtigt, werden aber nicht so behandelt. Möchte eigentlich irgendjemand heute noch so behandelt werden?

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  5. „Sag mir, was ich machen soll“ – Generation. Inclusive der Eltern. Niemand weiß mehr, wem – außer dem „Markt“ – er oder sie wie gefallen soll. Lehrer gehorchen der Schulaufsicht und flüchten in den Burnout, Eltern gehorchen den Konsumtempeln und dem angstmachenden Umgang mit (potenziell) erwerbslosen Menschen oder Menschen, die „anders“ sind. Angst ist der eigentliche Ratgeber. Schade, dass der nur der Wirtschaft und dem Staate dient. Grauselig.

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  6. The M. schreibt:

    Selbständigkeit ist echt so ein Ding. Ich bin selbst Vater eines Sohnes der jetzt im Sommer in die Schule kommt. Mir ist es wichtig, dass er selbst Entscheidungen treffen kann und erziehe ihn auch so. Das setzt aber zumindest zu Beginn voraus, dass meine Frau und ich ihm einen (für uns nicht falschen) Weg vorgeben. Er ist schon soweit sich mit uns auseinanderzusetzen und für seine Handlungen einzustehen – das macht es zumindest für uns nicht gerade einfach 😉 Und für den ein oder anderen Großelternpart sorgt das für Kopfschütteln, da er nicht einfach jede Anweisung blind befolgt. So wie das früher ja wichtig war.

    Zudem haben wir die Erfahrung gesammelt wie die Selbständigkeit in Bayern und Baden-Württemberg praktiziert wird. In Bayern wird ein Kind im Kindergarten mit viel mehr selbstbestimmten Freiheiten erzogen. Jetzt in Baden-Württemberg gibt es viel engere Grenzen, die unser Kleiner einhalten muss. Wenn er das nicht befolgt wird er schon im Kindergarten zu stupiden Aufgaben gezwungen. Ich habe schon so meine Befürchtungen, was in der Schule auf uns zukommt. Vor allem wenn man schon im Kindergarten zu hören bekommt „dass in einer Leistungsgesellschaft, manche Eigenschaften eher schwierig sind …“ Und gerade das was bei ihm angemarkert wird, macht mich besonders stolz auf ihn. Er ist unglaublich neugierig und wissbegierig – ohne dass man ihn drängen muss. Aber so Kinder sind leider nicht permanent ruhig und stellen vermutlich drei, vier Fragen mehr als der Durchschnitt …

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  7. Oh ja, und wenn man seinen Kindern ein Stück Selbstbestimmung überlässt und sie ernst nimmt – dann heisst es, das man „keine“ Grenzen setzt…ungebrochenene Kinder sind natürlich viel anstrengender weil man sich Respekt erst verdienen muss 😛

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  8. Dein Beitrag hat es wunderbar auf den Punkt gebracht :). An einigen Unis können die Abiturienten neuerdings zur Orientierungswoche ihre Eltern mitbringen. Es bleibt nur die Frage, ob an der Hand von Mami und Papi die Sorgenkinder plötzlich ihre Selbstbestimmung finden und die Orientierungslosigkeit überwinden. 😉

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  9. Sehr gut geschrieben. Als Mutter eines inzwischen 12jährigen kann ich davon einiges bestätigen, im Bekanntenkreis, wir selbst haben sowas nicht erlebt. Man kann nicht sagen , der oder das ist zuständig, es ist eine Mischung aus allem. Unser Sohn wurde nie wie ein Kleinkind behandelt, er wurde in Entscheidungen mit einbezogen, hat früh eigene Entscheidungen getroffen, hatte und hat aber auch Regeln und Grenzen. Wir hatten Glück, einen Kindergarten zu haben der die Kinder zu sehr viel Selbstständigkeit „erzog“, eine Grundschullehrerin bzw. zwei bzw. eine Grundschule die mit sehr viel Engagement den Kinder was beibrachte und zwar nicht nur lesen und schreiben sondern auch anderes. Mein Sohn hat seine weiterführende Schule selbst gewählt, wir haben da null reingeredet. Die jetzige Schule ist klasse sie erwartet viel Selbstengagement von den Kindern. Viel Selbstständigkeit, auch stark die Komponente Sozial Kompetenz wie das so schön heißt. Manches läuft gut, manches weniger aber so ist das Leben. Die Schule wäre nicht unsere 1. Wahl gewesen, aber nach 2 Jahren muss ich sagen, er hat die richtige Wahl getroffen. Kinder können auch solche Weittragenden Entscheidungen treffen, vor allem wenn man sie dabei begleitet, bestärkt und die richtigen Infos liefert. Unser Ziel war immer das er lernt Entscheidungen zu treffen, das ganze Leben besteht nun mal aus diesen.

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  10. Yelena schreibt:

    Ich selbst bin 19 Jahre alt, ich habe ein Abitur und bin gerade dabei mein Studienfach zu wechseln.
    Ich war schon in meiner frühen Kindheit sehr wissbegierig und wollte die seltsamsten Sachen wissen (z.B. mit 5 Jahren warum denn Bälle über der Autobahn hängen -> Hochspannungsleitungen). Blöderweise hatte ich genau deswegen Probleme mit meinen Mitschülern, die mich oft als Streber bezeichneten und nichts mit mir zutun haben wollten. Der Clou an der Geschichte ist aber, dass meine Mutter mich zwar unterstütze, aber niemals zu etwas drängte. Ja, sie warf den Schulwechsel in den Raum und als ich entschieden ablehnte, War das Thema ein für alle mal vom Tisch und es hieß, okay aber dann lebe auch mit deiner Entscheidung. Im Nachhinein die richtige, so habe ich eine ganze Menge gelernt und kann mich inzwischen sehr gut verbal wehren.

    Das viel größere Problem mit dem Nichternstgenommen werden hatte ich im Freundeskreis meiner Mutter. Ich habe einen älteren Bruder und war deshalb immer das Nesthäckchen. Deshalb ging man auch bis vor einigen Jahren und teilweise immer noch davon aus, dass ich ja eh keine eigene Meinung haben kann und nur meiner Familie hinterherrede. Sehr nervig.

    Insgesamt habe ich mich trotzdem ein bisschen angegriffen gefühlt dich den Beitrag. Ja, er ist super geschrieben, aber bin ich nun in den Augen der Gesellschaft auch eine Lara, nur weil ich jung bin? Ich bin mir sicher es gibt ne ganze Menge Laras, aber dennoch habe ich das Gefühl relativ selbstständig zu sein. Ich treffe Entscheidungen die gut sind, z.b. meine Hobbywahl und ich treffe Entscheidungen, die schlecht sind, z.B. Chemie studieren. Ich reflektiere und lerne aus meinen Fehlern. Und ich selbst kenne viele in meinem Alter, die das genauso machen.
    Vielleicht sollte man sich überlegen, ob das Bild der Lara nicht vielleicht auch ein bisschen von der Gesellschaft induziert wird und die Gesellschaft auch selbstständige junge Erwachsene, wie ich es behaupte zu sein, automatisch als verblödete Zombies ohne Meinung ansieht, unabhängig von der Erziehung und man seine Selbstständigkeit trotz Vorhandensein später gar nicht mehr ausleben darf.

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