Intelligenzbestien

“Papa. Ich will dir mal erzählen, was deine Tochter besonders gut kann!” Marie will über sich selbst sprechen. Neuerdings gerne in der dritten Person. Ihre große Schwester verdreht die Augen. Es ist wieder so weit. Marie atmet tief ein, um weiter ausholen zu können. “Ich schreibe gute Noten, ohne zu lernen. Ich bin eine begabte Schauspielerin. Ich bin sportlich. Ich kann singen. Und ich bin schön.” Sie holt nochmal Luft und fährt dann fort. “Ich habe ein überragendes Gedächtnis. Ich bin humorvoll und niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie ich.” Das stimmt leider. Niemand spielt das Steinchen-Spiel so gut wie sie. Allerdings kann auch niemand mit Gewissheit behaupten, dass Marie beim Spielen nicht betrügt. Alles geht so schnell, wenn sie Steine sammelt und verteilt.

Als Marie ihre kleine Eigenlobhymne beendet hat, stolziert sie zufrieden davon, um woanders schön, klug und sportlich zu sein. Ihre große Schwester bleibt sitzen und sagt gar nichts. Lotte grübelt leise vor sich hin. Ich erahne die Gedanken hinter ihrer sorgfältig gefalteten Stirn. Manchmal ist es schwer eine so offensiv begabte und selbstbewusste Schwester zu haben. Ich leide leise mit ihr. Emil kommt vorbei geschlendert. Er kann Gedanken und Traurigkeit riechen. Er bleibt vor seiner Schwester stehen und mustert sie eingehend. Dann dreht er sich um und holt Lotte ein Taschentuch. Sie zieht ihn mitsamt Taschentuch auf ihren Schoß. Die beiden verstehen sich und andere. Oft auch ohne Worte.

Wir haben schon oft darüber gesprochen, dass es unterschiedlichste Begabungen gibt und dass viele davon in der Schule keine zählbare Rolle spielen. Aber das hilft Lotte im Moment natürlich nicht weiter. Was nicht gemessen und benotet wird… das zählt auch nicht. Ist nichts wert. Ach ja. Schule. Der Ort, der es der einen Tochter so einfach macht sich für etwas Besonderes zu halten, während die andere darunter leidet, dass einige ihrer Talente nicht ins Notenschema passen. Lotte weiß, wer sie ist und was sie kann. Aber sowas vergisst man in der Schule schnell.

Ich will Lotte etwas zeigen. Wir ziehen uns an und spazieren rüber zu meiner Mutter. Die hat nämlich ihren Dachboden aufgeräumt und dabei Teile meiner Kindheit gefunden. Dunkle Kapitel meiner Schulkarriere. Mathe-Klassenarbeitshefte mit zynischen Lehrer-Kommentaren unter meinen ahnungslosen Rechenbemühungen. “Die Arbeit sieht so aus, als hättest du an meinem Unterricht nicht teilgenommen.” Mangelhaft. Ungenügend. Vernichtende Urteile mit Rotstiften ins Papier gebrannt, während die bleigestiftete Geometrie darüber längst verblasst ist.

Das überhaupt irgendwas aus mir geworden ist, grenzt an ein Wunder. Lotte ist begeistert. Ihr Vater war keiner von den Guten. “Du bist sicher, dass Marie deine Tochter ist?” Lotte blickt ungläubig in meine Hefte, die vor schlechter Grammatik und miserabler Zeichensetzung nur so strotzen. Ich versichere ihr, dass ich bei der Zeugung ihrer Schwester zugegen war und nehme ihr meine Vergangenheit aus den unverschämten Händen. Verzogene Göre. Aus dem rotgetränkten Deutschheft (Klasse 6d) fällt ein maschinell beschriebenes Blatt. Einer meiner ersten Texte. Ein frühes Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger. Es trägt den Titel “Anselm der Größte”. Lotte entreißt mir das vergilbte Papier und beginnt laut vorzulesen.

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Lotte lacht laut. Meine Mutter auch. Ich kann nichts witziges daran finden. “Ja. Lustig. Lacht ihr nur. Ich war 4 als ich das geschrieben habe. Ich bin ein Genie.” Meine Mutter hebt lächelnd die Augenbrauen und weist ihre Enkeltochter an, das Datum auf der Rückseite des Blattes vorzulesen. Lotte kommt dem Wunsch gerne nach und verkündet laut die niederschmetternde Wahrheit. 1991. “Mein Lieber. Es tut mir leid, aber als du das geschrieben hast… warst du 10”.

Ich bin mir sicher, dass ich dafür andere Dinge gut konnte. Dinge, auf die es keine Noten gab. Lotte nimmt meine Hand und keine zwei Sekunden später steht Emil mit einem Taschentuch vor mir. Wir können andere Dinge.

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