Spülmaschine

Ich werde bis drei zählen. Nein, ich werde bis drei brüllen. Ganz sicher. Diese Diskussion will ich nicht führen. Und dabei geht es nur um das Ausräumen der beschissenen Spülmaschine. Aber nein, Marie ist jetzt acht Jahre alt und hat begriffen, dass die Dinge nicht so sein müssen nur weil ich sage, dass sie so sind. „Marie, ich zähle jetzt bis 3!“ – ich bin ganz dicht davor, den Offenbarungseid des Erziehungsberechtigten zu leisten.

Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich sie aufgefordert, ihrer Pflicht nachzukommen. „Gleich!“ hat sie die Treppe heruntergebrüllt. „Ich kann ja nicht überall gleichzeitig sein.“ Wann hat sie herausgefunden, dass „gleich“ eine Variable ist und niemals eine Antwort?

Dann irgendwann steht sie doch in der Küche. Mit fragendem Blick? Sie sieht die Spülmaschine heute nämlich das erste Mal. Und hat sie noch nie zuvor ausgeräumt.

Seit 5 Minuten reden wir jetzt aneinander vorbei. Auf der Spülmaschine türmt sich der Abwasch und wankt jedesmal bedrohlich, wenn Marie wütend mit dem Fuß auf den Boden stampft. „Wenn hier irgendwas kaputt geht, dann…“. Früher klang das dramatisch. Heute weiß auch Marie, dass mir so schnell keine schmerzhafte Sanktion einfällt. Warte, du blödes Kind, bis du ein Smartphone hast. Und ich den WLAN Schlüssel. Dann werde ich dir weh tun. In mir erschallt irres Gelächter.

„Ich bin nicht dafür da, euch als Sklave zu dienen!“ – 2500 Jahre zuvor schlurft ein nubischer Sklave an selber Stelle durch das Artrium seines Herrn. Im Raum nebenan ist eine handfeste Orgie im Gange. „Du machst bitte den Abwasch, während wir dekadent sind“, waren die Worte der Dame des Hauses, bevor sie mit Peitsche in der Hand die Tür zum großen Saal hinter sich zuzog. „Ja. Gleich!“, antwortet er leise, lässt die Variable in der Luft hängen und macht sich auf den Weg in die Speisekammer.

„Ich gehe jetzt nach oben in mein Zimmer!“ Ich deute auf die Liste, auf der die Wochendienste festgehalten werden. „Ich mach das trotzdem nicht.“ Sie zetert. Mein Blick wird glasig und schweift ins Leere. Ich denke daran, dass ich sie mal ganz süß fand. Bevor sie reden konnte. Bevor sie von einer eigenen Meinung heimgesucht wurde.

„Deine Schwestern haben ihre Aufgaben heute schon erledigt…“ Ich zetere. Ihr Blick wird glasig und schweift ins Leere. Sie denkt daran, dass im Keller noch Süßigkeiten sind, die sie sich bei nächster Gelegenheit einverleiben wird.

„EINS…!“ Jetzt muss ich es doch tun. Ich zähle bis drei. „Zwei“. Ich zähle bis fucking drei. Wie ein Vollidiot. Sie hat gewonnen. „Na gut…!“ mit einem genervten Augenrollen stellt sie ihren Kampf ein und reißt die Spülmaschine auf. Auf der Spitze des Abwaschgebirges kommt ein Eierbecher ins wanken. Neigt sich gefährlich gen Tal und gerät ins Rollen. Auf dem Weg bergab reißt er noch zwei Untertassen mit sich. Im Waschbecken zerschellt die Porzellanlawine an der fettigen Pfanne. In mir wilde Raserei. Ich beiße in meine Faust. „Ja, was stellst du den ganzen Kram auch so dahin? Da muss er ja fallen!“

10 Minuten später bin ich wieder da. Bei mir. Das Blut rauscht mir nun nicht mehr in den Ohren. Nach dem Spaziergang strahle ich wieder diese ZENartige Ruhe aus, die mich als Vater ständig umgibt. Die Spülmaschine ist leer. Dafür ist der Tresen voll mit gespültem Geschirr. „Du hast nicht gesagt, dass ich den Kram auch wegräumen soll.“ „EINS. ZWEI…“

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